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Margot Käßmann kommt am Samstag nach Telgte

Besonnen mit den Krisen leben

Telgte

Am kommenden Samstag spricht Margot Käßmann beim Jahresempfang der Stadt Telgte im Bürgerhaus. In einem Interview spricht sie über Waffenlieferungen an die Ukraine, Putins Sinn für Humor und warum wir trotz der Krisen optimistisch bleiben sollten.

Von Joel Hunold

Margot Käßmann kommt am Samstag nach Telgte und spricht über Besonnenheit. Foto: Patrick Seeger

Am kommenden Samstag (7. Mai) spricht Margot Käßmann, Theologin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, auf Einladung der Stadt Telgte beim Jahresempfang im Bürgerhaus über „Besonnenheit in Zeiten der Krise“. Käßmann hat sich immer wieder gegen Rüstungsexporte und für die Friedensbewegung eingesetzt. Im Interview mit Redaktionsmitglied Joel Hunold spricht sie über Waffenlieferungen an die Ukraine, Putins Sinn für Humor und warum wir trotz der Krisen optimistisch bleiben sollten.

Frau Käßmann, würden Sie sich selbst als besonnenen Menschen bezeichnen?

Margot Käßmann: Ich denke schon. Besonnenheit ist eine Balance zwischen Panik auf der einen Seite und absoluter Sorglosigkeit auf der anderen Seite. Jeder kriegt mal einen Anfall von Panik oder Angst, auch jetzt in Zeiten des Krieges. Oder denkt ‚Ich will das nicht mehr hören‘. Aber ich versuche immer, eine angemessene Balance durch Besonnenheit zu finden.

Sie haben kurz nach Ausbruch der Pandemie ein Buch zum Thema Besonnenheit geschrieben. Jetzt können Sie damit endlich durch das Land reisen.

Käßmann: Ich freue mich , dass es wieder volle Veranstaltungen gibt. Ich hatte in Bad Kreuznach eine Lesung mit 500 Menschen. Die Gottesdienste sind wieder voll. Ich halte fast jeden Sonntag einen. Es tut einfach gut, wieder Menschen zu treffen.

Wie erleben sie die Stimmung im Land, bei Gottesdiensten oder Lesungen?

Käßmann: Mein Eindruck ist, dass viele erschöpft sind. Von dieser langen Zeit, in der immer wieder überlegt werden musste, wie verhalte ich mich? Was sind die Regeln? Und es fühlen sich viele ohnmächtig gegenüber dem entsetzlichen Angriffskrieg. Es ist wie bei Corona. Impfen Ja oder Nein? Waffenlieferungen Ja oder Nein? Das sind heftige Diskussionen, die anstrengen.

Werden unsere Debatten immer polarisierender?

Käßmann: Ja, und das ist schwierig für eine Demokratie. In einer Demokratie leben heißt, immer wieder Ringen um Positionen. Und es heißt, ich kann meine Position verändern. Beim Thema Waffenlieferungen ist man im Moment entweder dafür oder dagegen. Ich habe im Deutschlandfunk von einer Umfrage gehört, dass 45 Prozent der Deutschen für Waffenlieferungen und 45 Prozent dagegen sind. Eine andere Umfrage besagt, dass 20 Prozent nichts mit Klimaaktivisten und 22 Prozent nichts mit SUV-Fahrern zu tun haben wollen. Es hat sich extrem polarisiert und das tut uns nicht gut.

Sie haben in einem Interview gesagt, sie seien Pazifistin, aber keine Radikalpazifistin. Was meinen Sie damit genau?

Käßmann: Radikalpazifistin hieße ja, ich lehne jede Form von Waffen und Bundeswehr ab. Aber ich lebe in einem Land, in dem es eine Armee gibt und das akzeptiere ich. Ich halte es für eine christliche Position zu sagen, ich bin gegen Waffenlieferungen und möchte alles dafür tun, Krieg und Gewalt zu vermeiden. Jesus hat gesagt „Steck das Schwert an seinen Ort, liebet eure Feinde, betet für die, die dich verfolgen.“ Er hat sich selbst nicht verteidigen lassen und hat selbst Gewalt und Ohnmacht erfahren. Aus der Glaubensperspektive ist das für mich ganz klar. Aber ich respektiere, dass andere dazu eine andere Position haben.

Der Bundestag hat in dieser Woche beschlossen, schwere Waffen und Panzer an die Ukraine zu liefern. War das ein Fehler?

Käßmann: Persönlich sehe ich das so, ich habe allergrößte Bedenken, dass wir schrittweise doch Kriegspartei werden. Ich weiß, das das völkerrechtlich legitimiert ist. Aber ich habe da ein ganz großes Unbehagen, dass gerade Deutschland schwere Waffen liefert, auch auf Grund unserer Geschichte.

Viele im Land fühlen sich ohnmächtig angesichts des Kriegs. Was raten Sie den Menschen?

Käßmann: Als Christin helfen mir gemeinsame Friedensgebete. Zusammenzukommen und die Angst und Fürbitten für Menschen in Not vor Gott bringen. Das ist sehr heilsam. Gebete können was verändern, das haben wir in der DDR gesehen. Ich hoffe, dass die Kirchen in Russland mehr auf Frieden pochen. Patriarch Kyrill hat sich bisher nicht drängen lassen, aber es gibt Nachrichten, dass sich immer mehr orthodoxe Priester in Russland gegen den Krieg wenden.

Können wir hier vor Ort mehr tun oder muss das aus der russischen Gesellschaft und Kirche kommen?

Käßmann: Wir sollten unsere Kontakte nutzen. Ich bin dagegen, Städte- und Universitätspartnerschaften aufzukündigen. Es wird überlegt die russisch-orthodoxe Kirche aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen auszuschließen. Die Zivilgesellschaft sollte alles versuchen, Gesprächsfäden aufrecht zu erhalten. Miteinander reden und zum Frieden zu drängen.

Aus ihren Antworten sprechen Optimismus und Hoffnung. Das zeigt sich auch in ihrem Buch. Wollten sie den Menschen damit Hoffnung geben?

Käßmann: Ich will Menschen ermutigen. Es hat in der Menschheitsgeschichte immer Krisen gegeben: Kriege, Seuchen, Pest und Cholera. Es gibt kein krisenfreies Leben. Ich möchte Menschen Hoffnung machen, diese Krisen zu überwinden. Wir müssen versuchen Vorwärts zu leben. Mit den Krisen. Es gibt auch persönliche Krisen. Vor Ostern hatte ich Kontakt zu einer Familie, in der ein 9-jähriges Mädchen an Krebs starb. Das ist auch eine Krise, mit der Eltern und Großeltern leben müssen.

Was hilft ihnen persönlich, positiv zu bleiben?

Käßmann: Mein Glaube. Und der liebe Gott hat mir ein grundsätzlich fröhliches Herz mitgegeben. Für mich ist die Familie wichtig, ich habe sieben Enkelkinder. Deshalb engagiere ich mich für den Frieden oder für die Bewahrung der Schöpfung. Wir Älteren müssen alles tun, damit die Kinder eine lebenswerte Zukunft haben. Und wir dürfen das Lachen nicht verlernen. Wir wünsche mir, dass wir keine griesgrämigen Gesellschaft werden.

Ist es Humor und Besonnenheit, was Putin fehlt?

Käßmann: Humor ist das letzte was dieser Mensch hat und vor allem auch keine Besonnenheit. Besonnenheit heißt auch, dass ich Verantwortung übernehme und verantwortungsvoll handle. Und was Präsident Putin macht ist absolut unverantwortlich.

Abschließend: Wie gefällt ihnen das Münsterland?

Käßmann: Ich kenne vor allem Münster, weil ich da schon öfters an der Uni war. Den ländlichen Bereich noch nicht so sehr. Aber ich freue mich darauf. Es ist einfach schön, wieder zusammenkommen zu können.

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