1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Telgte
  6. >
  7. Für Liebhaber feinster Sprachkunst

  8. >

Jürgen Becker in Telgte zu Gast

Für Liebhaber feinster Sprachkunst

Telgte

Den Liebhabern feinster Sprachkunst versprach Jürgen Becker einen schönen Abend – bravourös und mit ungebremster Leidenschaft.

Von Axel Engels

Jürgen Becker – der feinsinnige Beobachter. Foto: Axel Engels

Mit dem Kabarettisten Jürgen Becker kam am Freitagabend ein großer Vertreter seiner Zunft ins Bürgerhaus. Mit Programmen wie „Der Künstler ist anwesend“ und „Volksbegehren“ hat er schon für Furore gesorgt, dabei neben fundierter Bildung einen tiefen Blick hinter die Kulissen gezeigt. Für „Die Ursache liegt in der Zukunft“ hatte er sein kabarettistisches Seziermesser auf Hochglanz poliert. Mit scharfer Klinge und Zunge präsentierte er eine existenzialistische Abhandlung, die als permanenter Angriff auf die Lachmuskulatur des Publikums auch jedem Philosophieprofessor gut gestanden hätte.

Bei seinem zukunftsorientierten Streifzug entdeckte er so manche Ungewissheit der menschlichen Planung, schließlich ist die Zukunft ja immer ungewiss und das bezog er nicht nur auf bestimmte Aspekte wie Wirtschaftsentwicklung, Autoindustrie, Kaufhaussterben oder gar die große Weltpolitik.

Das Volk mit den meisten Versicherungen

Die Deutschen sind nach Jürgen Becker ja diejenigen mit den meisten Versicherungen, hierzulande könne man sich sogar gegen den Ausfall einer Hochzeit versichern. Damit versprach er, den Liebhabern feinster Sprachkunst einen schönen Abend zu kredenzen – bravourös und mit ungebremster Leidenschaft.

Natürlich konnte ein so feinsinniger Beobachter den Krieg in der Ukraine nicht außer Acht lassen. Von den „Putin-Verstehern“ distanzierte er sich, deren Weltbild bekam bei seiner Analyse so manchen Riss. Parteiübergreifend sah Becker dann die Zukunftsangst als verbindendes Schreckgespenst der politisch Großköpfigen. Nach der Bundestagswahl fing es für ihn schon an, da hatte die CDU ihre Wähler eben nicht an die SPD verloren, sondern an die Berufsgruppe der Bestatter. Schließlich hieße es ja nicht umsonst „Urnengang“. Da brauche die CDU ein Wahlrecht für Verstorbene, um ihre Prozentzahlen in die Höhe zu treiben.

Reiz zur Veränderung

Aber in der Ungewissheit der Zukunft sah er auch eine Chance, einen Reiz für die Menschen zur Veränderung. Wo Planung nicht mehr funktioniert, muss eben Improvisation her. Schwarzhumoristische Prisen streute er so ganz nebenbei in seine süffisanten Plaudereien. „Fragen Sie mal eine Eintagsfliege, was sie mehr interessiert: die Renten- oder die Sterbegeldversicherung.“

Jürgen Becker sinnierte über die Rolle der Religion als Mittel, die Ungewissheit zu erhellen. Nach dem Christentum träfe man nach dem Tod im Jenseits die zuvor verstorbene buckelige Verwandtschaft. Als wenn das Sterben nicht schon schlimm genug sei, war solch eine Zukunftsperspektive bei Becker als drohendes Damoklesschwert ein kultverdächtiger Denkansatz mit großem Unterhaltungswert. Nach Jürgen Becker müsse Jesus gar ein Deutscher gewesen sein, denn er war in den Himmel aufgestiegen und dann zurückgekehrt. Dies sei ein klares Zeichen dafür, dass er eine Reiserücktrittversicherung gehabt habe. Im Wallfahrtsort Telgte war diese Hypothese natürlich etwas gewagt, aber dem so liebevoll agierenden Kölner Urgestein konnte man seine Spitzen doch nicht übel nehmen.

Humor nicht verlieren

Bei allem Unterhaltungswert war aber in jedem noch so kleinen Nebensatz eine bittere und zum Nachdenken animierende Einsicht verborgen. Aber bei aller Weltuntergangsstimmung darf man den Humor nicht verlieren, und so endete der Abend so bravourös, wie es Jürgen Becker am Anfang angekündigt hatte.

Startseite
ANZEIGE