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Auftritt im Bürgerhaus

Hagen Rether: Hintergründig versteckte Angriffe

Telgte

Liebhaber bissigster Wortakrobatik waren beim Auftritt von Hagen Rether am Samstag im Telgter Bürgerhaus an der richtigen Adresse. Sein Lieblingsthema, den übermäßigen Fleischkonsum und dessen Folgen, kostete er besonders aus. Aber auch andere Krisen und Probleme dieser Welt wurden seziert.

Von Axel Engels

Lässig saß Hagen Rether auf dem Bürostuhl und sinnierte über Gott und die Welt Foto: Axel Engels

Ein Abend mit Hagen Rether ist lang, auch wenn er am Samstag im Bürgerhaus diesmal keine „Pause“ einlegte. Aber kurzweilig war es für die ganz vielen Liebhaber bissigster Wortakrobatik. Der sympathische Künstler mit dem über die Jahre leicht ergrauten Mozartzopf hatte sich in Zeiten der pandemiebedingten Bühnenabstinenz einen Vollbart zugelegt. Den galt es erst einmal, ausgiebig zu streicheln, schließlich muss so ein „Männlichkeitssymbol“ ja gehegt und gepflegt werden.

Natürlich lagen die obligaten Bananen auf dem schwarzen Flügel, der aber ansonsten eher wie ein Dekorationsstück wirkte. Ob diese im Laufe des Abends vertilgten und der EU-Norm formschön entsprechenden Teile allerdings aus dem nächsten Bioladen stammen, wird wohl für immer ein streng gehütetes Geheimnis bleiben. Seinen Blutzucker konnte er damit auf jeden Fall leicht erhöhen.

Aber das minimalistische Konzept des Sohns rumänischer Aussiedler aus Bukarest ging auch in Telgte bestens auf. Lässig saß er auf dem Bürostuhl und sinnierte über Gott und die Welt, über Depressionen und Kriege und natürlich über sein Lieblingsthema: den übermäßigen Fleischkonsum und dessen Folgen. Aus Essen war er im schicken BMW angereist. Aber wer schon durch seine jahrelange Ernährungsumstellung seinen ökologischen Fußabdruck reduziert hat, darf sich solch ein glänzendes Gefährt sicherlich leisten.

Hagen Rether gehört nicht zu den Kabarettisten, die sich für Humor und rasante Worteskapaden zuständig fühlen. Seine Stärken liegen da in den hintergründig versteckten Angriffen, die er blitzschnell einstreut und die umso genauer auf den Punkt treffen. Mit seiner immer wiederkehrenden rhetorischen Frage „Können Sie mir sagen, wie das gehen kann?“ schuf er sich gleichsam den roten Faden, an dem er sich dann zu tiefgründigen Themen entlang hangelte. Harmlos war es zu keinem Zeitpunkt, was Hagen Rether zum ultimativen Vergnügen des Publikums so von sich gab.

Für die Begrüßung mit einleitender Therapielektion zum Abschalten brauchte er nicht die von ihm gewohnten 1,5 Stunden, von dieser Rückführung zur Langsamkeit wollte man keine einzige Minute missen. Was der Mann aus dem tiefsten Kohlenpott an bitterbösen Wahrheiten von sich gab, hatte mit dem Titel „Liebe“ nur bedingt etwas zu tun. Da musste man den Begriff wohl erweitern auf seine Sorge um die politisch-ethische Situation in dieser vom Leid der Bevölkerung und den Untaten der politisch Großköpfigen geplagten Republik. Natürlich kam er mit seiner Kritik an Putin und dessen Angriffskrieg nicht vorbei. Aber er stellte dies alles in einen größeren Zusammenhang.

Mit scharfem Blick hinter die Kulissen ließ er sich nicht täuschen von den drohenden Engpässen der Versorgung. Wer immer noch mit unersättlichem Fleischkonsum und industrialisierter Landwirtschaft die Natur schädigt, braucht sich über Mängel doch nicht beschweren.

Aber Hagen Rether wäre nicht ein so kluger Kopf, suchte er die Schuldigen für die Probleme und Krisen dieser Welt nur in den Kreisen der Wirtschaft und Politik. Er stellten die Eigenverantwortung jedes einzelnen Bürgers in den Vordergrund. Denn zwischen Religionsfreiheit und ungebremsten Wirtschaftswachstum habe es auch jeder einzelne Mitbürger in der Hand, eine ganz persönliche Wende herbeizuführen.

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