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Junger Telgter wartet auf ein Spenderherz

„Kinderherzen heilen“ helfen

Telgte

Konrad Everwins Sohn wartet auf ein Spenderherz. Derweil sammelt sein Vater unter www.herzensradler.de Spenden für einen Förderverein. Die Spendensumme, die bereits zusammengekommen ist, ist enorm.

Julius Schwerdt

Ein Tattoo mit einem Kindergesicht und Herz erinnert Konrad Everwin an seinen Sohn Linus, der auf ein Spenderherz wartet. Foto: Schwerdt

„Damit hätte ich nie im Leben gerechnet.“ Konrad Everwin sitzt auf seiner Terrasse im Telgter Süden und greift immer wieder zum Handy. „Schon wieder drei neue Sponsoren“, freut er sich. Seit dem 14. Juni reißt der Nachrichtenstrom in seinem Posteingang nicht mehr ab. Seit dem Start der Website „herzensradler.de“. Everwin wirkt gelöst, die Vorfreude ist ihm anzumerken.

Das ist umso erstaunlicher, wenn man die emotionale Achterbahnfahrt bedenkt, auf der sich seine kleine Familie seit Januar 2019 befindet.

Doch von Beginn an: Im September 2018 freuten sich Konrad und Ehefrau Miriam über die Geburt von Sohn Linus. Kurios dabei: Die Fußball-Affinität des kleinen Erdenbürgers war schon im Kreißsaal geklärt. „Ich habe eine Stunde nach der Geburt einen Mitgliedsantrag für Linus beim SC Preußen Münster ausgefüllt“, sagt der bekennende Fußballfan mit einem Schmunzeln.

Zunächst entwickelte sich Linus völlig normal. Dann die ersten Anzeichen: „Er trank wenig, übergab sich häufig und atmete sehr schnell“, erzählt Everwin. Erster Verdacht der Eltern: ein Magen-Darm-Infekt. Das wird schon wieder. Im Münsteraner Franziskus-Hospital erhielten die drei Everwins am 15. Januar jedoch die niederschmetternde Diagnose: „dilatative Kardiomyopathie.“ Eine Herzmuskelerkrankung, bei der die linke Herzkammer stark vergrößert ist. Die Behandlungsmöglichkeiten sind bei dieser Erkrankung begrenzt.

Für die Familie begann ein anstrengendes Leben zwischen dem Zuhause, Ärzten, Apotheke und Krankenhaus. „Nach mehreren Wochen stationärer Behandlung durften wir für ein paar Tage nach Hause“, erinnert sich Everwin lächelnd an eine kurze Phase fast normalen Alltags. Inzwischen hat das renommierte Kinderherz-Zentrum des Uniklinikums Gießen die weitere Behandlung übernommen. Seit einer Operation Anfang April sind die medizinischen Möglichkeiten aber auch dort ausgeschöpft. Eltern und Kind bleibt nur noch Warten: Linus steht auf der Warteliste der Stiftung „Eurotransplant“ und wartet auf ein Spenderherz.

„Aktuell geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Letzte Woche hat er klar und deutlich ,Mama“ gesagt“, berichtet der stolze Papa. Mit neun Monaten bringt Linus gerade sechs Kilogramm auf die Waage, da er nur über eine Sonde ernährt werden kann. Dennoch sei Linus ein fröhliches Kind. „Er lacht viel und will beschäftigt werden.“ Schlimm sei die Ungewissheit und die Warterei. „Unser Leben wurde aus der Bahn geworfen“, konstatiert Konrad Everwin. Während er in Telgte die Stellung hält, leben Mutter und Kind in Gießen.

Dort fiel dem jungen Vater etwas Besonderes auf: „Sowohl im Franziskus-Hospital als auch in Gießen haben wir die Arbeit von Fördervereinen erlebt“, erzählt Everwin. Als Beispiel nennt er die Krankenhaus-Clowns, die den schwer kranken Kindern eine kleine Ablenkung vom Alltag verschaffen. „Genau diese wichtige Arbeit will ich in irgendeiner Form unterstützen.“

Da kam seine Sportbegeisterung gerade recht: „Seit Jahren absolviere ich längere Touren mit dem Trekkingfahrrad“, erzählt Everwin. Über 2900 Kilometer radelte er allein in den letzten vier Jahren. Und er erinnerte sich an die Sponsorenläufe seiner ehemaligen Schule, mit denen dort Spenden gesammelt wurden. Daraus wurde eine Idee: Eine 800 Kilometer lange Tour durch Deutschland, bei der jeder Interessierte pro Kilometer einen Betrag seiner Wahl spenden kann. Die Erlöse kommen dem Gießener Verein „Kinderherzen heilen“ zugute.

„Die Arbeit des Vereins habe ich live miterlebt. Ich weiß, wie viel Gutes dort mit den Spenden geleistet wird.“ So sei der Verein am Gießener Kinderherzzentrum unter anderem an der Stellenfinanzierung einer Psychologin und von mehreren Erzieherinnen beteiligt, die Eltern und Kinder sehr entlasten würden. Großes hatte sich Everwin von der Aktion nicht erhofft: „Wenn vielleicht ein paar Hundert Euro von Freunden und Verwandten gekommen wären, hätten wir uns schon riesig gefreut.“ Aktuell steht das Spendenbarometer auf der Website aber schon bei über 24 000 Euro. „Die Webseite war noch nicht einmal richtig fertig, da kamen schon die ersten Sponsoren-Mails“, wundert sich Everwin über die Mund-zu-Mund-Propaganda für seine Herzensangelegenheit. Über die Seite und die sozialen Medien will Everwin Sponsoren und Interessierte weiter „auf dem Radelnden“ halten. Neben Fotos aus dem Alltag der Familie wird über den Spendenstand und natürlich die Tour selbst informiert. „Größtmögliche Transparenz war mir sehr wichtig“, sagt Everwin.

Natürlich will Konrad Everwin die ganze Tour, zu der er Anfang Juli aufbrechen will, komplett absolvieren. „Ich hoffe, dass ich um die 130 Kilometer am Tag schaffen werde“, legt Everwin die Messlatte hoch. Der Weg führt natürlich nach Gießen zu Miriam und Linus, aber auch bis hinter Worms und von dort über Rhein- und Sauerland zurück nach Telgte. „Es ist einfach wunderbar, draußen in der Natur zu sein.“

Wenn es doch nicht die kompletten 800 Kilometer werden, wäre das in einem ganz bestimmten Fall nicht besonders schlimm: „Sobald das Herz für Linus kommt, sitze ich sofort im Taxi Richtung Gießen.“

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