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Krippenausstellung wird am 5. November eröffnet

Kreativität in der Pandemie

Telgte

Am 5. November wird die 82. Krippenausstellung im Museum Religio eröffnet. Zu sehen sind die Werke bis zum 22. Januar.

Foto: Stephan Kube

Nach der 81. Krippenausstellung, die sich mit dem konkreten Thema der Heiligen Nacht befasste, sollte in diesem Jahr ein offeneres Thema gestaltet werden, sagt Museumsleiterin Dr. Anja Schöne und ergänzt: „Das Ausstellungsmotto ,Mittendrin’ bot dafür gute Möglichkeiten. Meine Sorge, ob sich nach der Einladungspause von einem Jahr wieder genügend Künstlerinnen und Künstler an der Ausstellung beteiligen würden, war unbegründet – ganz im Gegenteil! Corona hat dem Do-it-yourself-Trend einen großen Zuwachs beschert.“

Menschen hätten wieder Zeit gehabt, sich mit dem Thema des Selbermachens zu befassen. Die Bewegung insgesamt sei mit einer kritischen Konsumhaltung verbunden, so dass Nachhaltigkeit und Upcycling eine wichtige Rolle spielten. Dies erkenne man auch in der aktuellen Krippenausstellung: Es wurde aus Plastiktüten gehäkelt (Karin Inge Westermann), leere Tuben wurden zu einem Mobile verarbeitet (SeHT) und Glasflaschen geschmolzen und mit modellierten Tonköpfen zu Krippenfiguren verarbeitet (Christa Tenkmann). „Kreativität mit einem künstlerischen Anspruch wird in diesem Bereich in Zukunft sicher neue Wege beschreiten“, ist sich die Leiterin sicher.

Ein zweiter Themenkomplex schließt sich nach Angaben des Hauses hier direkt an: gesellschaftliche Transformationsprozesse wie Klimawandel, die Auseinandersetzung mit der Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine. Der schonende Umgang mit Ressourcen, der in den Upcycling-Arbeiten eine wichtige Rolle spiele, hänge mittelbar auch mit diesen Themen zusammen. Doch die Krippenausstellung biete gerade zu diesem Spektrum viele Arbeiten, in denen die politischen Fragen mit der christlichen Weihnachtsbotschaft vom friedlichen und gerechten Zusammenleben der Menschen verbunden würden.

Und das Museum nennt Beispiele: „Mittendrin – Hoffnung“ heiße beispielsweise eine fein gearbeitete Krippendarstellung von Annette Hiemenz. Ihre Szenenkrippe spielt im Ahrtal vor einer zerstörten Brücke. Davor treffen die Helferinnen und Helfer auf die Heilige Familie.

Die Geburt eines Kindes in einer U-Bahn-Station in Kiew hat Franz-Josef Hartmeyer zu seiner Arbeit inspiriert. In einem Spalt eines verbrannten Holzblocks sitzt eine Mutter mit dem neugeborenen Kind auf dem Schoß. In das Holz sind die schützenden Hände Gottes geschnitzt.

Ein ähnliches Thema hat Margret Unnewehr aus Telgte in ihrer Arbeit „Mittendrin – die Geburt“ verarbeitet. Das weinende Kind inmitten von Hochhäusern trägt die Krippenszene auf der Zunge, gleichsam als gute Nahrung und Hoffnung im Krieg.

Gleich mehrere innerkirchliche Prozesse thematisiert Wilfried Josef Funke in seinem Architekturmodell einer fiktiven Großstadt: den synodalen Weg, Maria 2.0, die Einsamkeit von Menschen in der Weihnachtszeit, den Krieg in der Ukraine. Und auch hier stehe die Krippe mit ihrer Botschaft „Salvator mundi – Jesus Christus, unser Hoffnungsträger“ mittendrin.

Ein besonderes Erlebnis biete die Rauminstallation der Gruppe „tx 02“. Hinter dem Kürzel verbirgt sich ein Zusammenschluss von „international und national arbeitenden Künstlerinnen, die sich 2002 zusammengefunden haben, um gemeinsam Ausstellungen zu realisieren“, wie es auf ihrer Webseite heißt.

Im Zentrum des Raumes steht die von unten angestrahlte Krippe von Hermann Reinken, die aus Tunscheren gefertigt wurde. Tunscheren sind sogenannte Heischegaben aus gelocktem Holz, die zum Jahreswechsel im Osnabrücker Münsterland gefertigt und an Nachbarn verschenkt werden. Ein dichtes Gespinst aus roten Fäden umspinnt kuppelartig diese Krippe. Textile Banner verweisen auf das Thema „Waldsterben“. Göttliche Schöpfung und menschliche Zerstörung dieser Schöpfung bilden hier den Gegensatz.

Das Thema der Krippenausstellung habe nach Angaben der Museumsleiterin zu gestalterischen Kompositionselementen geführt, von denen zwei besonders hervortreten würden: die Größe der Krippendarstellungen und der Kreis beziehungsweise die Kugel. Mittendrin bedeute zwangsläufig, dass es ein außerhalb gebe, das den Kern umgibt. „So sind für diese Ausstellung einige sehr große Arbeiten entstanden, die es notwendig machten, die Schau in weitere Räume des Museums auszudehnen“, sagt die Leiterin. Dafür sei die Arbeit des Kindergartens St. Cyriakus in Weeze ein Beispiel, in der der ganze Ort nachgebaut wurde, in dessen Mitte die Heilige Familie in einem Heißluftballon gerade ankommt.

Erwartungsgemäß spiele der Kreis gestalterisch eine besondere Rolle. Dazu gehöre die Krippenarbeit der Bewohnerinnen und Bewohner des St.-Elisabeth-Stiftes in Sendenhorst. Auf einer drehbaren Platte bewegten sich zahlreiche Menschen, die unterschiedlichen Tätigkeiten nachgingen, spiralförmig auf das Zentrum zu, in dem die Krippe stehe. „Die Bewegung der Menschen auf die Krippe zu ist eine besonders gelungene Idee“, heißt es seitens der Ausstellungsmacher.

Bei Anna Bakow befinden sich die Menschen auf einer durchbrochenen Kugel, in der das Jesuskind liegt. „Mitten unter uns“ heißt diese Arbeit, dem Bibelzitat „Das Reich Gottes ist mitten unter euch (Lk 17,21)“ entsprechend. Birgit Nattkemper hat ebenfalls eine Kugel gestaltet. Sie ist aus Ton modelliert, durchbrochen und bemalt. Auf ihr sind ein Soldat, Menschen, die ein Erdbebenopfer bergen und ein kirchlicher Würdenträger dargestellt. Christus ist das Licht, das die Kugel von innen her erleuchtet: „Mittendrin das Licht (trotz allem)“. Besonders ästhetisch und würdevoll ist die Darstellung des Steinbildhauers Stefan Lutterbeck. Hier bildet die Heilige Familie die Mitte einer schweren Sandsteinplatte. Sie wird durch die Vergoldung, die als Hintergrund des runden Bildausschnitts fungiert, besonders hervorgehoben. „Vielen dieser Arbeiten ist der Wunsch gemeinsam, dass die christliche Weihnachtsbotschaft in der Mitte der Gesellschaft verkündet wird“, heißt es in einer Mitteilung.

Traditionelle Krippendarstellungen runden das Gesamtbild der Ausstellung ab: Ein Gemeinschaftsprojekt war zur Weihnachtszeit 2020 die Kopie eines Kirchenfensters von St. Georg in Hohenholte als Gemälde aus einzelnen Holztafeln, das im Zusammenspiel vieler Gemeindemitglieder entstand. Eine kleine Kinderkrippe schnitzte die Holzbildhauerin Michaela Müller-Unruh aus Oberammergau. Aus acht beweglichen Elementen gestaltete Franz Klein-Wiele eine großformatige Krippe, die vor dem Telgter Hungertuch ausgestellt ist.

Auch die regionalen Holzbildhauerinnen und- bildhauer sind in der Ausstellung vertreten: Petra Rentrup, Anni Schulte, Willi Potthoff und Hans-Bernhard Vielstädte. Die Lichtinstallation von Jens Henning wirft ihre Schatten bis in die Passionszeit. Das große Kreuz verdunkelt die Krippe und die Schatten des Krippenstrohs bilden bereits eine kleine Dornenkrone.

Während sich in der aktuellen Krippenausstellung einige Arbeiten direkt auf Bibelzitate beziehen wie das Werk „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20) von Dr. Konstantin M. Yazigi, gibt es zunehmend Arbeiten, die sich nicht mehr unmittelbar mit dem Weihnachtsgeschehen an der Krippe befassen oder eine künstlerische Auseinandersetzung damit intendieren. Damit bilde die Ausstellung die gesellschaftliche Realität ab.

Eine besondere Einladung sind zwölf Weihnachtsikonen aus verschiedenen Epochen und Ländern sowie aus den unterschiedlichsten Materialien. Sie bieten einen kleinen Einblick in die sehenswerte Sammlung des Ikonen-Museums in Recklinghausen. Wer sich noch nie mit der Kunst der Ikonenmalerei befasst hat, bekommt in diesem Katalog von Dr. Lutz Rickelt, dem Leiter des Museums, eine exzellente Einführung in das Thema.

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