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Helen Markmann

Seit rund drei Jahren auf der Walz - Minister spendierte eine Nacht im Vier-Sterne-Hotel

Telgte

Drei Jahre durfte sie ihre Heimat nicht betreten, die Bannmeile: 50 Kilometer. Das sind nur zwei Regeln für Handwerker, die sich auf der Walz befinden. Die drei Jahre sind für die Bäckergesellin Helen Markmann aus Telgte eigentlich vorbei. Eigentlich...

Von Bernd Pohlkamp

Drei Monate lang war Helen Markmann in Uganda und erlernte dort nicht nur afrikanische Brotback-Traditionen, sondern gab auch deutsche Rezepte weiter.

Seit über drei Jahren befindet sich Helen Markmann auf der Walz. Die inzwischen 26-jährige Bäckergesellin verließ Telgte nach altem Brauch, indem sie am 19. November 2018 das Ortsausgangsschild überstieg und seitdem in Deutschland, Österreich, der Schweiz und zuletzt in Uganda unterwegs war und ist.

Ihre Heimatstadt durfte sie erst wieder betreten, nachdem sie mindestens drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft gewesen ist. Diese Zeit war am 20. November abgelaufen. Doch Helen Markmann hat sie coronabedingt auf unbestimmte Zeit verlängert.

Jahrhundertealtes Ritual

Die junge Telgterin folgte vor drei Jahren einem jahrhundertealten Ritual. Unterstützt wird sie von den „Vereinigten Löwenbrüdern & Schwestern Europas“, einem 2016 gegründeten Zusammenschluss, auch Schacht genannt. Diese Organisation unterstützt die Wandergesellen vor allem durch Vernetzung. So konnte sich Helen Markmann auch während der Wanderschaft und darüber hinaus mit Gleichgesinnten austauschen. Auf sämtliche Kommunikationsmittel wie Handy oder Laptop muss sie während der gesamten Zeit jedoch verzichten.

Die Telgterin mit einem Begleiter und ihren Eltern kurz vor dem Abschied.Die Telgterin mit einem Begleiter und ihren Eltern kurz vor dem Abschied. Foto: Bernd Pohlkamp

Weil ihre Pläne coronabedingt nicht aufgegangen sind, hat sie ihre Walz um bis zu zwei Jahre verlängert: „Ich möchte unbedingt noch die nordeuropäischen Länder kennenlernen“, so die Bäckerin.

Uganda war in diesem Jahr ihr Höhepunkt. Drei Monate lang war sie in dem ostafrikanischen Land. Ihren ersten Aufenthalt dort musste sie im März 2020 coronabedingt nach einem Monat abbrechen. Danach war sie wieder in Deutschland auf Wanderschaft. Sie traf zwischendurch ihre Eltern im Rheinland.

Verschiedene Anlaufstellen

Ihre Unterkünfte lernt sie oft erst am Ankunftstag kennen. In verschiedenen Orten in Deutschland gibt es sowohl Anlaufstellen für Gesellen als auch Kolpinghotels oder andere Übernachtungsmöglichkeiten, die ihr von Bäckereien angeboten werden. Denn Hauptbestandteil der Walz sind das Kennenlernen von Betrieben und damit auch unterschiedlichen Arbeitsweisen. Die Arbeit wird natürlich entlohnt.

In diesem Jahr war es dann endlich soweit, dass Helen Markmann die Flugreise nach Kampala in Uganda antreten konnte. Zwischen dem 5. Mai und dem 31. August wurde die Telgterin zu einem Auslandseinsatz für „Brot gegen Not“ der Heiner Kamps-Stiftung berufen. In Uganda wies Helen Markmann junge Menschen in das Bäckerhandwerk ein. Dabei lernten die Auszubildenden von ihr, landestypische und deutsche Backwaren herzustellen.

Die Eltern treffen ihre Tochter zu bestimmten Anlässen, wie jetzt zu Weihnachten und zum Jahreswechsel. Das jedoch immer außerhalb der 50-Kilometer-Bannmeile rund um Telgte. Weihnachten feiern sie gemeinsam in einer Feriensiedlung nördlich von Osnabrück. Was Vater Thomas Markmann an seiner Tochter aufgefallen ist: „Sie ist selbstbewusster und weltoffen geworden, hat ihren Horizont und den Erfahrungsschatz erweitert.“

Walz begann am 19. November 2018

Rückblick: Die Walz begann am 19. November 2018: Die ersten Schritte bis zum Erreichen der sogenannten Bannmeile beschreibt Helen rückblickend als abenteuerlich. Nachdem sie Telgte verlässt, verbringt sie die erste Nacht im Kolpinghaus in Münster. Die nächsten sind weniger luxuriös: Oft schläft sie mit ihren Begleitern in einem Gemeindehaus an einer Kirche. Manchmal sucht sie auch lange nach einer Unterkunft. Schließlich erreicht sie die 50-Kilometer-Bannmeile bei Enger. Hier ist sie plötzlich mitten in einem Waldgebiet auf sich allein gestellt. Zweimal wird ihr noch die Möglichkeit gegeben, ihre Entscheidung zu überdenken und in ihr „altes Leben“ zurückzukehren. Helen Markmann entscheidet sich für die Walz.

In Begleitung des Bäckers Paul Koch aus St. Pölten, der ebenfalls auf der Walz ist, nimmt sie zuerst Berlin ins Visier. Auf dem Weg dorthin sammeln sie gleich zu Beginn ihrer Wanderschaft erste „Anhalter“-Erfahrungen. So etwa in Hannover am Bahnhof, als ein Lokführer sie mit nach Berlin nimmt, damit sie so noch rechtzeitig bei einer Los-Geh-Party da ist. In Berlin gefällt es der Telgterin so gut, dass sie einige Tage länger bleibt und eine Freundin sie anschließend während ihrer Tippelwoche begleitet.

Per Anhalter Richtung Kiel

Mit Michi wandert sie weiter zu einer Wandergesellen-Herberge in Franken, wo das Weihnachtsfest 2018 vorbereitet wird. Ihr nächstes Ziel ist Dresden, wo sie eine einheimische Schneiderin besucht.

In Leipzig feiert Helen Markmann zwischendurch Nikolaus. Sie wohnt bei einem Wandergesellen, der schon seit vielen Jahren Wanderburschen bei sich aufnimmt und zum Nikolaustag eine große Feier veranstaltet.

Erlebnisse gibt es viele: In Stuttgart etwa kocht Helen Markmann in der Küche einer Waldorfschule mit. Anschließend geht es per Anhalter weiter Richtung Kiel, wo sie von Max, einem sogenannten Rolandsbruder, mit nach Hause genommen wird. Noch vor Weihnachten 2018 wird eine Herberge auf Rügen angesteuert. „Drei Tage hätten wir benötigt, um von Kiel zur Insel Rügen zu gelangen“, schreibt Helen Markmann in ihrem Tagebuch. Die nächsten Sätze klingen unglaublich: „Mehrere Personen fragen wir, ob sie uns in den nächsten Ort mitnehmen können. Zufälligerweise ist auch der Chauffeur eines Ministers unter ihnen. Der empfiehlt uns, den Minister persönlich zu fragen, denn er könne das alleine nicht entscheiden. Also versuchen wir unser Glück, denn mehr als „Nein“ sagen kann der auch nicht. Wir sind positiv überrascht. Er nimmt uns zu dem Hotel, in dem der Politiker abends noch ein Treffen hat, mit. Schon auf der Fahrt werden wir gefragt, wo wir denn in der Nacht schlafen würden. Wir antworten wahrheitsgemäß, dass wir uns gleich im Ort etwas suchen müssten. Daraufhin ruft der Minister kurzerhand im Hotel an und reserviert für uns zwei Zimmer. Uns stockt der Atem, und wir können es nicht richtig glauben. Als wir dann ankommen, stellen wir fest, dass es sich um ein sehr edles Vier-Sterne-Hotel mit einer angegliederten Brauerei handelt. Dort werden wir noch zum Abendessen eingeladen.“

Der Wandergesellen-Ohrring

Die Weihnachtstage 2018 verbringt Helen Markmann in Franken, wo sie mit 13 weiteren Wandergesellen ein fröhliches Fest feiert. Seit April 2019 reist Helen Markmann allein durch Deutschland. Viele Erlebnisse, Gastfreundschaften, Schnupperwochen in Bäckereien und Konditoreien, Herausforderungen und das Suchen nach Lösungen gehören dazu.

Schließlich erhält sie als letzte Bekräftigung der Wanderschaft einen Wandergesellen-Ohrring. Traditionell erfolgt dieses mit einem schmiedeeisernen Nagel auf einer Holzbank. In ihrem Tagebuch schreibt Helen Markmann: „Während alle Kameraden kräftig geschallert haben, verspreche ich an der Holzbank hängend, dass ich mindestens drei Jahre und einen Tag unterwegs bin, mich an die Regeln halte und die Kluft in Ehren trage.“

Im Februar 2019 reist Helen Markmann quer durch Deutschland und Österreich. Aus Meißen bei Dresden muss sie eine Fummel nach Uelzen transportieren. Die Fummel ist ein hauchdünnes, fußballgroßes Gebäck, das innen hohl und sehr zerbrechlich ist. Sie wurde seinerzeit von Meißener Bäckern auf Anordnung des Kurfürsten entwickelt.

Fachmesse für Gastronomie und Hotellerie besucht

Zahlreiche weitere Stationen folgen, bevor sie die Internorga, die internationale Fachmesse für Gastronomie und Hotellerie, besucht und viele Kollegen trifft.

Mitte März 2019 ist Helen wieder vom Norden in den Süden gewandert. Sie besucht die Familie eines anderen Wandergesellen in St. Pölten bei Wien. In ihrem Tagebuch schreibt sie weiter: „Anfang April 2019 reise ich gemeinsam mit Paul nach Zülpich bei Euskirchen, um von dort aus Dominik Bäcker in seiner Losgehwoche zu begleiten.“

Und abschließend sagt sie: Viele interessante Begegnungen gab es in den letzten drei Jahren. Sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. „Das Schöne sei,“ so der Vater, „fremde Menschen kennenzulernen, Herausforderungen anzunehmen, den beruflichen Horizont zu erweitern und in unterschiedlichen Bäckereien täglich etwas Neues hinzuzulernen.“

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