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Kreuz in der Stiftskammer Freckenhorst

Antworten auf die Ratlosigkeit

Freckenhorst

In der Freckenhorster Stiftskammer befindet sich ein mit wertvollen Perlmuttertäfelchen beschlagenes, fast ein Meter hohes Standkreuz aus dem frühen 17. Jahrhundert, das zum Innehalten und zu einigen Antworten auf die Ratlosigkeit beitragen kann.

Klaus Gruhn

In der Freckenhorster Stiftskammer befindet sich ein mit wertvollen Perlmuttertäfelchen beschlagenes, fast ein Meter hohes Standkreuz aus dem frühen 17. Jahrhundert, das zum Innehalten und zu einigen Antworten auf unsere Ratlosigkeit beitragen kann. Foto: Klaus Gruhn

Auch unter Christen ist die sechswöchige Fastenzeit vor Ostern eher selten eine Zeit des Innehaltens, des Nachdenkens und der betenden Vertiefung in das Erlösung versprechende Leiden Christi. Vielleicht aber ist das anders, wenn jetzt, 2021, zum zweiten Mal die Corona-Pandemie uns in unserem alltäglichen Leben vor Ostern so nachhaltig verstört. In der Freckenhorster Stiftskammer befindet sich ein mit wertvollen Perlmuttertäfelchen beschlagenes, fast ein Meter hohes Standkreuz aus dem frühen 17. Jahrhundert, das zum Innehalten und zu einigen Antworten auf die Ratlosigkeit beitragen kann.

Es gelangte wahrscheinlich aus dem Besitz eines Franziskanerklosters in das Freckenhorster Stift und diente dort als „Andachtskreuz“ zur vertiefenden Betrachtung des Leidens Christi. Deshalb ist es auch mit vielfältigen Bildern und symbolischen Verweisungen geschmückt.

Das „Kreuzweggebet“ war über Jahrhunderte das populärste betrachtende Gebet in der katholischen Kirche

In die mittlere Perlmuttertafel, in der sich die Kreuzarme treffen, ist eine Dornenkrone als zentrales Symbol des Leidens Christi eingeritzt. Die Kreuzenden sind mit den Figuren der vier Evangelisten geschmückt, die in den heiligen Schriften vom Leben und Sterben Christi berichtet haben.

In der unteren Verlängerung des Kreuzesstammes ist zunächst eine Frau zu erkennen. Es ist dies die Gottesmutter unter dem Kreuz, auf deren Schmerz symbolisch durch das Schwert verwiesen wird, das ihr Herz durchstößt. Darunter erkennt man als weitere Bilddarstellung einen Schutzengel, von einem Kind begleitet, dessen Geste offenbar auf das Leiden Christi als Erlösungstat für die Menschen verweist. Schließlich ist im Kreuzsockel mit seinen Voluten die kniende Figur eines Mönches mit Heiligennimbus zu sehen, offenbar der Heilige Franziskus, der seinem Orden die Überzeugung einprägte, dass im Kreuz Heil und Erlösung zu finden seien. Was den Betrachter verwundert, sind aber darüber hinaus die über das Kreuz verteilten vierzehn kleinen Rundungen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass sie von Beschriftungen umgeben sind: Rot sind die römischen Ziffern I – XIV zu sehen, darunter in schwarz jeweils STA für Statio oder Station. Es sind also Hinweise auf die vierzehn Stationen des Kreuzweges.

Das „Kreuzweggebet“ war über Jahrhunderte das populärste betrachtende Gebet in der katholischen Kirche. In ihm konnte sich der Betende in das Leiden Christi von seiner Verurteilung bis zum Tod in vierzehn Bildszenen vertiefen. Solche „Kreuzwege“ finden sich folglich bis heute noch in allen katholischen Kirchen. Die runden Vertiefungen im Andachtskreuz dienten dazu, dass der vor ihm Betende einen kleinen Stift hineinstecken konnte, wenn er das mit dem „Gegrüßet seist Du Maria“ verbundene Stationengebet sprach. Den Stift konnte er danach in die nächste Vertiefung zur Fortsetzung des Gebetes stecken, so lange, bis er in der „14. Station“ angekommen war.

Betrachtende Gebete können auch in einer säkularisierten Welt Menschen zur Ruhe und zu einem tieferen Erkennen ihrer Hilfs- und Erlösungsbedürftigkeit führen.

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