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Gastronomen leiden unter Personalmangel

Nach Corona-Pause: Bedienung dringend gesucht

Warendorf

Ernüchterung nach erster Euphorie: So mancher Gastronom erlebt nach dem Lockdown, dass Servicekräfte noch schwerer zu finden sind als vor der Pandemie. Das „Extrablatt“ in Warendorf hat schon  Stühle von vielen Tischen weggenommen, da das Restaurant wegen Personalmangels den Gäste-Ansturm nicht mehr bewältigen kann.

Von Rebecca Lek

Den Mangel an Servicekräften bekommt vor allem Halil Basaran, Geschäftsführer vom Extrablatt, zu spüren. Da ihm Servicekräfte fehlen, hat er vorsichtshalber Stühle von vielen Tischen weggenommen. Foto: Joachim Edler

Erst komplette Schließung, dann strenge Auflagen – Gastronomen sind durch die Corona-Krise besonders gebeutelt. Seit Monaten warteten die Gastronomen darauf, dass sie endlich wieder Gäste bewirten dürfen. Überraschend kam dann die Entscheidung, dass zumindest die Außengastronomie öffnen darf und bei sinkender Inzidenz sukzessive auch im Innenbereich einiges erlaubt sein wird.

Nach erster Euphorie folgte bei vielen jedoch Ernüchterung, denn das Personal hat sich in den sieben Monaten Lockdown neue Arbeitgeber gesucht. Viele Gastronomen haben keine Servicekräfte mehr. „Kurzfristig benötigt die Branche eine inzidenzunabhängige „Offenbleibe-Perspektive“, damit Beschäftigte, die Pandemie-bedingt vielleicht gerade in einer anderen Branche arbeiten, wieder zurückkehren“, erklärt Thorsten Hellwig, Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Nordrhein-Westfalen. Denn nur, wenn eine entsprechende Perspektive vorhanden wäre, hätte die Branche eine Chance, die Beschäftigten wieder zu gewinnen. „Je größer das Vertrauen, dass man dauerhaft als geringfügig oder sozialversicherungspflichtig Beschäftigter angestellt ist, desto größer die Chance, dass Stellen wieder besetzt werden können“, betont Hellwig.

Aushilfen haben andere Jobs gefunden

Auch die Warendorfer Gastronomen suchen händeringend Mitarbeiter. Das „Alte Gasthaus Wiese“ verlor im ersten Lockdown zwei von drei Festangestellten. Im letzten Lockdown gingen vier von fünf Aushilfen. „Ich kann es ja verstehen. Sie sind auf das Geld angewiesen. Jetzt Ersatz zu finden, ist leider sehr schwer“, gesteht Inhaber Falk Roerkohl. Deshalb steht er seit der Wiedereröffnung größtenteils selber an der Theke und bietet zur Zeit nur am Wochenende eine Küche an. Hier ist allerdings ein Ende in Sicht. Mit einer zusätzlichen Arbeitskraft, die fast eingearbeitet ist, will Roerkohl in den nächsten Wochen wieder komplett starten.

Wann das „Extrablatt“ wieder in den Normalbetrieb starten wird, ist noch unklar. Von 45 Angestellten (davon 15 Festangestellte) sind nur noch acht übrig. Obwohl Geschäftsführer Halil Basaran auch während des Lockdowns zu allen seinen Mitarbeitern Kontakt hielt, kehrten einige dem Extrablatt den Rücken. „Ehrlich gesagt, habe ich damit gerechnet. Wir gelten einfach nicht mehr als sicherer Arbeitsplatz“, bedauert Basaran. Für ihn bedeutet dass, selbst im Service mit anzupacken. Das macht er gerne. Doch über 30 Servicekräfte könne er allein aber auch nicht ersetzen. Deshalb sperrte er einige der Tische, zog die Stühle ab. „Wir mussten reduzieren. Es bringt ja nichts, die Tische voll zu haben, aber die Gäste müssen über eine Stunde warten. Der Service muss laufen“, betont der Geschäftsführer. Insgesamt hofft er jedoch, dass die schlimmste Zeit der Pandemie hinter Deutschland liegt und somit auch die Branche bald wieder besser da steht.

Personal-Problem durch Pandemie verschärft

Der Hotel- und Gaststättenverband geht dennoch davon aus, dass gerade die Mitarbeitersuche weiterhin ein großes Problem sein wird. „Wir gehen davon aus, dass der Arbeits- und Fachkräftemangel auch nach der Pandemie eine der größten Herausforderungen für das Gastgewerbe bleiben wird“, so der Pressesprecher.

Fachkräfte sucht ebenfalls das Landgasthaus „Zum Kühlen Grunde“ in Milte. Allerdings nichts erst seit der Pandemie. „Das Mitarbeiterproblem in der Gastronomie besteht ja nicht erst seit diesem Jahr, es wird allerdings durch die Pandemie verschärft“, meinen die Inhaber Susanne und Thomas Bertram. Mitarbeiterschwund hatten sie glücklicherweise kaum durch Corona.

Susanne und Thomas Bertram, Landgasthaus „Zum Kühlen Grunde“

„Wir sind froh, dass uns die Aushilfen erhalten geblieben sind. Im Regelfall sind dies Schüler, die aber spätestens zu Beginn des Studiums in andere Orte ziehen. „Zum Studium bleibt kaum einer hier, das kann man auch verstehen. Aber dann kommen wieder neue Leute, die angelernt werden müssen“, beschreibt Thomas Bertram den Kreislauf. Mit mehr Personal könnte sich das Landgasthaus allerdings auch ganz anders aufstellen. Platz für mehr Tische wäre insbesondere im Außenbereich gegeben.

Gastronomen müssen improvisieren

Improvisieren ist somit bei vielen Gastronomen das Gebot der Stunde. „Die Betriebe werden natürlich versuchen, ihre Strukturen und ihr Angebot so anzupassen, dass sie ihren Gästen mit der vorhandenen Zahl an Mitarbeitern ein bestmögliches Angebot unterbreiten können“, beschreibt Thomas Hellwig die Lage in ganz NRW.

„Die Stimmung ist grundsätzlich gut und die Gäste haben viel Verständnis, wenn man offen mit ihnen ist“, ist Halil Basaran, Geschäftsführer vom Extrablatt, erleichtert. Der Mangel an Mitarbeitern zehre alledings auch an seinen Kräften.

Wann und vor allem, ob die Branche personell wieder besser aufgestellt sein wird, ist aktuell nicht abzusehen. Abgesehen davon, stellt sich noch ein anderes Problem: Nach jedem Gast müssen Tische und Stühle desinfiziert werden. Wegen der angespannten finanziellen Situation können manche Gastronomen gar kein zusätzliches Personal beschäftigen.

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