1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Warendorf
  6. >
  7. „Corona macht keinen Alarm“

  8. >

Jahresbericht 2020 des Frauenhauses

„Corona macht keinen Alarm“

Warendorf

So viele Verbote, so viele Einschränkungen – auch im Frauenhaus in Warendorf hat die Pandemie deutliche Spuren hinterlassen. Doch beim Rückblick gab es auch schöne Momente.

Von Joachim Edler

Improvisieren und Lösungen finden, das forderte das Corona-Jahr 2020 von den Mitarbeiterinnen des Frauenhauses. Denn sie möchte möglichst vielen Frauen, die von Gewalt betroffen sind, einen sicheren Zufluchtsort bieten. Foto: dpa

Auf Abstand gehen, Reisen reduzieren, Aufenthalte in öffentlich besuchten Orten wie zum Beispiel Bahnhöfen vermeiden, Verwandtenbesuche einschränken oder ganz sein lassen. Was sich wie Corona-Regeln anhört, sind tatsächlich für die meisten Bewohnerinnen des Warendorfer Frauenhauses lebensnotwendige Alltagsregeln, wenn sie sich von einem gewalttätigen Mann getrennt haben und weiterhin bedroht sind. Und doch machte Corona im vergangenen Jahr den Bewohnerinnen bei vielen Aktionen und Treffen einen Strich durch die Rechnung: keine regelmäßigen Gruppentreffen mit aktuellen und ehemaligen Bewohnerinnen, kein Plätzchen- oder Bratapfelbacken. Normalerweise wird das Haus zu Weihnachten gemeinsam geschmückt, man trinkt gemeinsam Kaffee, plaudert, tauscht sich aus. Keine stimmungsvolle Weihnachtsfeier mit gutem Essen und einer Geschenktombola. Stattdessen kurze Treffen auf dem Hof, Deko schnell im Haus verteilt. Die gemeinsame Mitarbeiterfeier entfällt, zu viele Personen aus zu vielen Haushalten. Geschenke wird es aber trotzdem geben.

Verbote und Einschränkungen

Wie wohl die Kinder die Coronabedingungen wahrnehmen, fragten sich die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses. Halten sie die Erwachsenen für irre? Wie erklären sie sich die ganzen Verbote und Einschränkungen? Dazu schreibt eine ehemalige Bewohnerin im Jahresbericht des Frauenhauses: „Corona ist schlimmer als Krieg. Ich war Kind und erinnere mich ganz genau: Es gab Alarm, wenn die Bomben im Anflug waren. Dann mussten wir in den Keller. Wenn kein Alarm war, konnten wir auf der Straße spielen. Wir wussten, was die Gefahr war, und dass der Alarm uns warnt. Aber die Kinder jetzt wissen doch gar nicht, was die Gefahr ist. Corona ist irgendwo in der Luft, man kann die Gefahr nicht hören, nicht sehen, und es gibt keinen Alarm – und man kann auch nicht in den Keller rennen.“

Wenn die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen Annelie Krieter und Jasmin Hofmann diese Woche den Jahresbericht 2020 vorlegen, dann erzählen sie auch von kleinen Lichtblicken und schönen Geesten, die den Frauen Mut machen und ihnen die Würde zurückgibt, wo sie so oft verletzt worden sind. Wenn sich eine Frau aus dem Frauenhaus zum Beispiel beim Kleinen Prinzen Einrichtungsgegenstände abholen darf, die sie dringend benötigt, und dort nicht als Spendenempfänger behandelt wird, sondern als willkommener Gast. Und auch das macht Mut: Wenn Vermieter den Frauen eine Wohnung anbieten – gerade, weil sie im Frauenhaus wohnen.

Wenn Annelie Krieter und Jasmin Hofmann den Jahresbericht vorlegen, dann gehen sie aber auch automatisch auf die finanzielle Situation des Warendorfer Frauenhauses ein – und die bleibt nach wie vor problematisch. Vieles in der Statistik 2020 erinnert an Berichte in den Jahren davor. Was immer noch fehle, sei eine Finanzierung der Frauenhäuser, die es ermögliche, dass jede Frau unabhängig von Aufenthalt-Status und Einkommen Aufnahme und Schutz im Frauenhaus und vor allem eine ausreichende und angemessene fachlich qualifizierte Hilfe findet.

Pauschal- statt Einzelfallfinanzierung

Die Frauenhausmitarbeiterinnen fordern: „Wir brauchen eine Pauschal- statt Einzelfallfinanzierung“. So lange das nicht der Fall ist, sei das Frauenhaus nach wie vor auf Spenden und ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen. Die Arbeit im Frauenhaus – ein Spagat zwischen Verwaltung und Sozialer Arbeit. Und das seit 40 Jahren. Die Finanzierung der Frauenhäuser gleiche auch 40 Jahre nach ihrer Gründung einem „Flickenteppich“. Im Jahresbericht heißt es weiter: „Eine ausreichende, institutionelle Förderung der Frauenhäuser ist das nicht. Ausreichender Gewaltschutz für Frauen und Kinder leider auch nicht.“

Improvisieren und Lösungen finden, diese Fähigkeiten haben die Mitarbeiterinnen des Warendorfer Frauenhauses auch im Corona-Jahr 2020 weiter perfektioniert. „Wir wissen nie, wie es nächste Woche aussieht.“

Im November lag die Auslastung im Frauenhaus bei 100 Prozent. Zuviel für eine Zufluchtsstätte. Wenn alle Betten belegt sind, hat es sich mit der Zuflucht erledigt – da ist kein Platz in der Herberge. 47 Frauen und 55 Kinder suchten im Jahre 2020 Unterschlupf im Warendorfer Frauenhaus. In diesem Jahr sind es 33 Frauen und 35 Kinder.

Startseite
ANZEIGE