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Irina Unruh sensibilisiert mit ihren Fotos für das Thema „Häusliche Gewalt“

Das Ende des Schweigens

Freckenhorst

Unter dem Titel „Breaking the Silence of Domestic Violence“ beschäftigt sich die Freckenhorsterin mit einem Thema, das hierzulande immer noch tabuisiert wird und zum Fest der Liebe eigentlich nicht passen will. Mit häuslicher Gewalt.

Joke Brocker

Die Fotografien von Irina Unruh erzählen ganze Geschichten. So erinnert eine junge Frau mit den Rosen-Tattoos an ihren Fußgelenken an ihre Mutter, die ihre Familie verließ, um der häuslichen Gewalt zu entkommen und später Suizid beging. Foto: Irina Unruh

Eigentlich hatte Irina Unruh, für ein anderes Fotoprojekt, in dem Gewalt eine Rolle spielt, in ihre Heimat, nach Kirgistan, reisen wollen. Sie wollte die Arbeiten an einer Fotodokumentation fortsetzen, in der sie die Opfer des kirgisischen Brauches „Ala katschuu“ porträtiert.

Irina Unruh

Dabei handele es sich um Brautraub, klärt die Fotografin auf. Junge Frauen würden auf offener Straße entführt und zwangsverheiratet. Vielen Betroffenen ist Irina Unruh inzwischen begegnet. Den handschriftlichen Aufzeichnungen der Frauen, die erzählen, was ihnen widerfahren ist, stellt die Fotografin eindringliche Porträts gegenüber.

Die Arbeit an diesem von der niederländischen „Prinz-Claus-Stiftung für Kultur und Entwicklung“ bereits mit einem Förderpreis ausgezeichneten Projekt, das übrigens als Slide Show in das digitale Archiv des Fotografischen Museums in Tiflis/Georgien aufgenommen wird, hätte Unruh während der Osterferien gerne fortgesetzt. Doch wegen der Pandemie wurde der Flug gecancelt.

Gleichzeitig berichteten die Medien, dass in der Zeit des Lockdowns auch hierzulande häusliche Gewalt zunehmen werde. Ein Thema, das der 41-jährigen Mutter zweier zehn und vier Jahre alter Kinder nicht nur aufgrund ihrer Recherchen für das Brautraub-Projekt vertraut ist.

„In der Sowjetunion war Gewalt quasi systemisch“, erzählt sie. Für kirgisische Eltern, die von ihren Kindern gesiezt werden mussten, hätten Schläge zu den gängigen Erziehungsmethoden gehört, und auch in der Schule sei geschlagen worden. So sei es „ein großer Bruch“ gewesen, 1988 mit fünf Geschwistern und den Eltern, die plötzlich geduzt werden wollten und mit ihren Kindern fortan nur noch Deutsch sprachen, in Detmold ein neues Leben zu beginnen. Gewalt in Familien und Beziehungen schien hier kein Thema zu sein.

Doch der Schein trog, wie Irina Unruh schmerzhaft erfahren musste, als 2007 eine Studienfreundin in Hildesheim, auf offener Straße von einem eifersüchtigen Partner erstochen, Opfer eines „Femizids“ wurde. Im italienischen Strafrecht sei der „Femizid“ Straftatbestand, weiß Irina Unruh, die mit ihrer Familie fünf Jahre in Rom lebte, an einer deutschen Auslandsschule arbeitete und sich in Foto-Workshops renommierter italienischer Fotojournalisten fortbildete. In Deutschland dagegen gebe es für dieses Phänomen kaum Bewusstsein. Generell werde in Italien mit dem Thema „Häusliche Gewalt“ offener umgegangen als in Deutschland, findet Unruh und kritisiert: „Hier ist das Bewusstsein für dieses Problem noch nicht weit genug entwickelt, um zu sehen, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt.“

Als die National Geographic Society Fotografen dazu aufrief, Aspekte der Corona-Krise in Foto-Dokumentationen zu thematisieren, begann Irina Unruh für einen Projektentwurf mit den Recherchen zum Thema „Häusliche Gewalt“, das sie enttabuisieren möchte, und gewann prompt den Förderpreis. Während ihrer Recherchen nahm sie Kontakt zu der Journalistin Antje Joel auf, Autorin des Buches „Prügel: Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt“. Joel und die Berliner Rechtsanwältin Christina Klemm vermittelten ihr schockierende Zahlen über das Ausmaß häuslicher Gewalt in Deutschland, unter der Frauen, aber auch Kinder leiden.

Eigentlich habe sie die in Irland lebende Antje Joel, die selbst Opfer häuslicher Gewalt war, porträtieren wollen, erzählt Unruh. Doch aufgrund der Corona-Pandemie sei das nicht möglich gewesen. Joel vermittelte ihr stattdessen den Kontakt zu Romy Stangl, Vorstandsfrau von One Billion Rising, einer weltweiten Kampagne für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und für Gleichstellung. Und so kam es, dass Irina Unruh in ZDF-Dreharbeiten für die Fernseh-Dokumentation „plan b“ geriet, in der Romy Stangl Gesicht zeigte.

Irina Unruh

Während ihrer Recherchen für das Projekt „Breaking the Silence of Domestic Violence“ traf Irina Unruh in ganz Deutschland Opfer, aber auch Täter, die ihr in langen Gesprächen erzählten, wie sie häusliche Gewalt erlebten, beziehungsweise warum sie ihren Opfern physische oder psychische Gewalt antaten. „Auf meinen Bildern sieht man keine blauen Flecken“, betont die Fotografin. Tatsächlich sind es stille Bilder. Unruh setzt die Opfer häuslicher Gewalt sensibel in Szene, zeigt Gesichter hinter Gardinen oder den Stäben eines Treppengeländers, die Seiten eines Tagebuchs oder ein Tattoo am Fußknöchel einer jungen Frau, die damit an ihre verstorbene Mutter erinnert. Das Foto, das in der aktuellen Deutschland-Ausgabe der National Geographic zu sehen ist, entstand während eines langen Spaziergangs, beim dem die junge Frau der Fotografin unter anderem von dem Abschiedsbrief ihrer Mutter erzählte, die der häuslichen Gewalt zu entkommen versuchte, indem sie ihre Familie verließ. Der Gedanke, ihre Kinder im Stich gelassen zu haben, trieb sie letztlich in den Suizid. Auch einen Stein auf dem Grab ihrer ermordeten Studienfreundin hat Irina Unruh fotografiert. Die Inschrift „Die Erinnerung bleibt“ soll der Titel einer Foto-Ausstellung zum Thema „Häusliche Gewalt“ sein, die die Freckenhorsterin in Zusammenarbeit mit der Frauenberatungsstelle und dem Berufskolleg in Warendorf plant.

Kurz vor dem Jahreswechsel freut sie sich, dass Women Photograph, eine 2017 gegründete Gruppe, die Frauen und Mädchen hilft, in der schwierigen, von Männern dominierten Branche bei fairer Bezahlung Fuß zu fassen und der mittlerweile mehr als 1000 Fotografinnen weltweit angehören, eines ihrer Bilder unter die 100 Bilder des Jahres 2020 gewählt hat.

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