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Die Flügelaltäre des Mittelalters

Das Glaubenskino

Warendorf

Eins ist schon mal klar: Dieses Buch ist keine Bettlektüre. Bei immerhin drei Kilo Gesamtgewicht würden da wohl bald die Arme schwer.

Christoph Lowinski

Dr. Georg Habenicht: Der Warendorfer Kunsthistoriker hat ein großes Buch über die Flügelaltäre des Mittelalters geschrieben. Foto: Lowinski

Und es eignet sich auch nicht zum Einschlafen, was Georg Habenicht da auf fast 500 Seiten in schönster Opulenz zwischen die Buchdeckel gepackt hat. Nein, das hier verdient Aufmerksamkeit, Konzentration. Am besten, man legt es vor sich auf den Tisch, fängt an zu blättern – und ist sofort begeistert von der Pracht der Bilder, der Leichtigkeit des Layouts. Da haben sich alle Beteiligten richtig ins Zeug gelegt.

Das ist dem Gegenstand der Betrachtung durchaus angemessen: Es geht um große, geniale Kunst. Es geht um den Flügelaltar – das kirchliche Glaubenskino des Mittelalters. Der Titel: „Die Heilsmaschine – der Flügelaltar und sein Personal“.

Habenicht ist – wie schon der Buchtitel belegt – ein Freund zeitgemäßer Bezüge: Für ihn haben die mittelalterlichen Flügelaltäre – Medien des Glaubens und der Andacht – vieles mit heutigem Filmschaffen zu tun. Der Transport der Inhalte geht zwar vor 500 Jahren langsamer vonstatten. Aber: „Das Ziel ist – damals wie heute – den Menschen durch die Macht der Bilder in den Bann zu schlagen“, sagt der promovierte Kunsthistoriker, der seit 2007 in Warendorf lebt. „Das Retabel mit seinen beweglichen Flügeln ist das Leitmedium einer ganzen Epoche. So wie heute der Film.“

Es ist also kein Zufall, dass der Autor sein Buch ein Stück weit inszeniert wie einen Film: Habenicht erzählt die Geschichten der Flügelaltäre aus den unterschiedlichen Perspektiven des „Personals“, das da eine Rolle spielt. Beim Flügelaltar sind es Heilige, Stifter, Maler, Schnitzer. Im Film sind es Hauptdarsteller, Regisseur, Maskenbildner, Produzent. „Der Flügelaltar ist seiner Zeit voraus. Wie der Film erzählt er Geschichten in einer Abfolge von Bilderketten“, zeigt Habenicht Gemeinsamkeiten auf. Auch hier: Das Inhaltsverzeichnis der „Heilsmaschine“ liest sich wie die Besetzungsliste im Abspann eines Kinostücks. Wenn man weiß, dass Habenicht einige Jahre beruflich in der Kinowelt zu Hause war, schließt sich ein Kreis.

Der Bezug zur Ist-Welt und eine ganze Menge Wort- und Bildwitz machen das Spezielle dieses Buches aus, das eine fundierte wissenschaftliche Basis hat, das aber immer wieder auch spielerisch, man kann sagen humorvoll, geschrieben ist. Etwa wenn Habenicht die 14 Nothelfer der Kirche als Vorläufer der Versicherungsbranche beschreibt: „Sie sind das Vollkasko-Paket.“ Der Bildwitz wird deutlich, wenn der Kunsthistoriker einer geschnitzten Maria Magdalena von 1490, die hochmodisch gekleidet in burgundischer Tracht daherkommt, ein Model auf dem Laufsteg zur Seite stellt. Oder wenn der Heilige Georg – der Drachentöter – mit Brad Pitt auf dem Plakat des Films „Inglourious Basterds“ verglichen wird. Wie sich doch die Bilder gleichen.

Die „Heilsmaschine“ ist Wissenschaft – doch die ist lesbar, kommt nicht bierernst daher. Habenicht hat eine Abneigung gegen schwer verdauliche Texte: „Bloß kein Fachchinesisch. Ich will die Leute nicht langweilen.“ Wertschätzung: „Ich glaube an den klugen, neugierigen, wachen Leser.“ Er sieht sich als Dienstleister, will eben auch unterhalten. Was gar nicht so einfach ist. Er hat das trotzdem hinbekommen.

Rund fünf Jahre hat Georg Habenicht an der „Heilsmaschine“ gearbeitet – und dabei seiner Familie, wie er zugibt, einiges zugemutet. Als sein Manuskript fertig war, ertappte ihn sein kleiner Sohn am Notebook, bei letzten Korrekturen. Spontane Meldung an Mama: „Papa ist am Computer. Ich krieg‘ ne Krise.“ Sie ist überstanden.

►  „Die Heilsmaschine – Der Flügelaltar und sein Personal“ ist erschienen im Michael Imhof Verlag, ISBN 978-3-7319-0091-7. Es kostet 99 Euro. Wer neugierig geworden ist: In den Buchhandlungen Ebbeke und Darpe gibt es Ansichtsexemplare.

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