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Heute vor 35 Jahren ereignete sich die Nuklearkatastrophe in der Ukraine

Der Staat verleugnet Tschernobyl

Milte/Einen-Müssi...

Heute vor 35 Jahren hat sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ereignet. 1995 wurde in Milte unter dem Dach der Kolpingsfamilie die örtliche Tschernobyl-Hilfe gegründet, die seither Kindern aus Svensk in Belarus Erholungsaufenthalte in Milte, Einen und Müssingen ermöglicht. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden der Initiative.

wn

Blick über die in der Sperrzone liegende Geisterstadt Pripyat mit dem verlassenen Freizeitpark (Foto rechts) auf das Kernkraftwerk mit dem deutlich sichtbaren neuen „Sarkophag“, der den havarierten Reaktorblock umhüllt.   Foto: Ines-Bianca Hartmeyer

Aus Anlass des 35. Jahrestages der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl hat WN-Redakteurin Joke Brocker mit Claire Mesch gesprochen. Die Mitbegründerin und Vorsitzende der Milter Tschernobyl-Initiative, war im Dezember 2019 für ihr langjähriges Engagement mit dem Ehrensiegel der Stadt Warendorf ausgezeichnet worden.

Am heutigen Montag jährt sich der Jahrestag der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl zum 35. Mal. Wie haben Sie diesen Tag in Erinnerung?

Mesch: Von der Havarie des Tschernobyl-Reaktors haben wir in Deutschland und in Europa erst mehrere Tage später erfahren. Niemand war auf eine solche Katastrophe vorbereitet. Kinder sollten nicht mehr draußen spielen. Das Gemüse im Garten – Salat und Spinat – sollte nicht gegessen werden. Kühe durften nicht mehr auf die Weide. Daher wurde den Landwirten das Futter knapp. Die Luft und insbesondere der Regen waren radioaktiv belastet. Als Folge davon war auch die Milch der Kühe radioaktiv belastet. Die Regale für frische regionale Waren in den Supermärkten waren leer. Die Menschen waren extrem verunsichert.

Wie ist die Situation der Menschen in Svensk und Umgebung heute?

Mesch: Svensk ist landwirtschaftlich geprägt. Es gibt kaum Arbeitsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft. Die jungen Menschen gehen zur Ausbildung in die großen Städte und kehren nicht wieder zurück. Die Gesellschaft in Svensk ist überaltert. Die Schule hat einen sehr großen Schülerrückgang. Schulen in den Nachbarorten sind bereits geschlossen worden. Das Leben ist sehr einfach. Die Menschen sind bescheiden. Trotzdem erfahren alle Gasteltern, die die Familien ihrer Gastkinder besuchen, eine unglaubliche Gastfreundschaft. Staatlicherseits wird Tschernobyl verleugnet. Aber der Svensker Schulleiter Nicolai Tschumakov erklärt immer wieder, dass er anhand der Fehlzeiten im Klassenbuch erkennen kann, welche Kinder zur Erholung in Deutschland waren. Sie haben spürbar weniger Fehltage.

Wie und wann kam es zur Gründung Ihrer Initiative?

Mesch: 1995 suchte die Telgter Tschernobyl-Initiative Gastfamilien. Die Telgter wollten jedoch keine Kinder in Milte unterbringen. Es trafen sich mehrere Familien in Milte, die sich vorstellen konnten, Gastfamilie zu werden. Die Kolpingsfamilie Milte wurde Veranstalter der Milter Erholungsfreizeiten. Dafür richtete die Kolpingsfamilie ein Spendenkonto ein.

Wie hilft die Initiative den Kindern von Tschernobyl?

Mesch: Seit 1996 werden jeden Sommer etwa 16 Kinder nach Milte eingeladen. Seit einigen Jahren gibt es auch Gastfamilien in Einen und Müssingen. Die Kinder werden in der Regel zu zweit in Gastfamilien untergebracht. Jeden Morgen treffen sich die Gäste mit ihren Begleiterinnen im Pfarrheim zu Bastel- und Spielangeboten. Durch gesunde Nahrung in gesunder Umgebung werden die Abwehrkräfte der Kinder gestärkt. Die unbeschwerte Zeit in Milte/Einen/Müssingen wirkt wie eine Kur.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Menschen in Svensk aus? Wie geht man dort mit Corona um?

Mesch: In Weißrussland gibt es kaum Informationen über Corona-Infektionen. Zunächst dachten die Menschen, dass nur alte Leute erkranken könnten. Inzwischen gibt es aber auch viele Erkrankte unter den jüngeren Erwachsenen, wie zum Beispiel Eltern von Schulkindern oder Lehrern. Es wird kaum getestet. Es gibt auch keine Quarantäne für Erkrankte oder Kontaktpersonen. Es wurden jedoch Ferien verlängert.

Werden die Menschen überhaupt geimpft?

Mesch: Von einer Betreuerin aus Belarus habe ich erfahren, dass es offenbar sehr wenig Impfstoff gibt. Die Zahl der Geimpften soll nicht sehr hoch sein. Viele Menschen haben offenbar Angst davor.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihre Arbeit?

Mesch: Im Frühjahr 2020 haben wir münsterlandweit die Erholungsfreizeiten abgesagt. Das Infektionsgeschehen und die Kontaktbeschränkungen ließen uns keine Wahl. Auch für diesen Sommer sind alle Erholungsfreizeiten abgesagt. Große Sorgen machen wir uns um die Existenz unserer belarussischen Partner: die Stiftung in Minsk, die die Visa beantragt, und das belarussische Busunternehmen.

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Situation in Weißrussland ein?

Mesch: Wir alle erinnern uns an die Demonstrationen nach der Wahl im August 2020. Die belarussischen Demonstranten werfen dem Präsidenten Lukaschenko Wahlfälschung vor. Nach der Wahl gingen die Menschen wochenlang zu hunderttausenden sonntags auf die Straße, um dagegen zu protestieren. Während es in Svensk ruhig ist, erreichen uns von denen, die in den Städten leben, erschreckende Nachrichten. Die Menschen schreiben von Folter, von willkürlicher Polizeigewalt, von Schreien von Festgenommenen, die bis in die Wohnungen dringen, von ungeheurer Angst.

Wenn Sie eine Bilanz Ihrer bisherigen Arbeit ziehen sollten, wie sähe diese aus?

Mesch: Die Erholungsfreizeiten geben den Kindern und Jugendlichen, die nach Deutschland kommen, Hoffnung. Die Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg ein Viertel der belarussischen Bevölkerung ermordet hatten, sind von Feinden zu Freunden geworden. So bauen die Kinder Brücken zwischen den belarussischen und den deutschen Menschen. Dadurch tragen sie bei zu Frieden und Völkerverständigung in Europa.

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