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Paul Spiegel wurde vor 20 Jahren die Ehrenbürgerschaft verliehen

Ein Kämpfer für die Toleranz

Warendorf

Das war damals ein denkwürdiger Tag, als am 5. September 2001 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Warendorf an Paul Spiegel verliehen wurde. 20 Jahre liegt das nun zurück. Grund genug, einmal auf das Leben und Wirken von Paul Spiegel zu blicken.

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Bürgermeister Theo Dickgreber (l.) verlieh am 5. September 2001 Paul Spiegel die Ehrenbürgerschaft der Stadt Warendorf. Foto: Stadt Warendorf

Der 5. September 2001 für das Warendorfer Theater am Wall ein Tag mit geschichtlicher Bedeutung – damals stand des Theater im nationalen Fokus. In einer Pressenotiz erläutert die Stadt Warendorf die Hintergründe: Dr. h.c. Paul Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, wurde auf Beschluss des Rates der Stadt Warendorf an diesem Tag durch den damaligen Bürgermeister Theo Dickgreber das Ehrenbürgerrecht verliehen.

Paul Spiegel, Namensgeber des Berufskolleg Warendorf, war Sohn dieser Stadt. Er wurde am 31. Dezember 1937 als zweites Kind des Viehhändlers Hugo Spiegel und seiner Frau Regina Ruth Spiegel, geborene Weinberg, im Warendorfer Krankenhaus geboren. Gemeinsam mit seiner Schwester Rosa wuchs er im elterlichen Haus an der Schützenstraße 17 auf.

Mit seiner Wahl zum Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland am 9.

Januar 2000 wurde er in der Nachfolge von Ignaz Bubis zu einer bedeutenden Person der Zeitgeschichte. Grund genug, anlässlich des 20. Jahrestages seiner Ehrenbürgerschaft in Warendorf einmal auf das Leben und Wirken von Paul Spiegel zurückzublicken.

Systematische Verfolgung der Juden

Im Geburtsjahr Paul Spiegels blickte seine Familie bereits auf ein beschwerliches Leben zurück. Schon seit 1933 wurden auch in Warendorf Juden systematisch aus dem wirtschaftlichen Leben ausgegrenzt. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die von den Nationalsozialisten verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt wurde, machte seinem Spiegels Vater klar, dass in Deutschland kein Platz mehr für sie war. Hugo Spiegel wurde aus dem Haus gezerrt und von den Nazi-Schergen an der Ems brutal zusammengeschlagen. Damit nicht genug. Bis auf einen Warendorfer Arzt wollte den schwer Verletzten niemand ärztlich versorgen. Tags darauf wurde ihm der Gewerbeschein entzogen und damit die Basis für die wirtschaftliche Existenz der Familie.

Anfang 1939 fand die Familie in Belgien eine neue Bleibe. Doch 1940 wurde Vater Hugo Spiegel in Brüssel verhaftet und deportiert. Zwei Jahre später auch die Tochter Rosa Spiegel.

Ruth Spiegel erreichte im Sommer 1945 in Brüssel die Nachricht von ihrem Mann, sie möge zurück nach Warendorf kommen. Dorthin war Hugo Spiegel nach seiner Befreiung aus dem KZ Dachau ohne langes Zögern zurückgekehrt.

Der Schüler Paul Spiegel

So kehrte Ruth Spiegel gegen den erklärten Willen des damals achtjährigen Paul aus Belgien nach Warendorf zurück. Hier wohnte die Familie an der Oststraße 7. Der Neuanfang war nicht leicht, doch das Leben begann sich zu normalisieren. Familie Spiegel war in jeder Beziehung in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert.

1958 zog es Paul Spiegel nach Düsseldorf – als Volontär bei der Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung. Schon bald wurde er als Redakteur übernommen.

Vor 20 Jahren hat Paul Spiegel die Ehrenbürgerschaft der Stadt Warendorf erhalten. Foto: Stadt Warendorf

Im Anschluss war er eine Zeit lang hauptberuflicher Assistent des Zentralrates der Juden in Deutschland. Von 1974 bis 1986 war er Leiter der Stabsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Rheinischen Sparkassen- und Giroverband, bevor er 1986 eine Künstleragentur gründete.

Sein Einsatz als Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland galt aufgrund seiner inneren Überzeugung, durch die Übernahme dieses Amtes jedoch in besonderem Maße, dem Eintreten für Toleranz und gegen rechte Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Er verkörperte dieses mit aller gebotenen Offenheit, Entschiedenheit und Zivilcourage. Bis zu seinem Tod am 30. April 2006 setzte er sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft für seine Überzeugungen ein. Eines seiner wesentlichen Anliegen war dabei die Aussöhnung zwischen Juden und Christen. Dieses Engagement verdient gerade über seinen Tod hinaus höchste Beachtung, unabhängig von religiöser oder weltanschaulicher Überzeugung. Die Benennung des Berufskollegs in Warendorf nach dem Ehrenbürger Paul Spiegel ist nicht nur äußeres Zeichen für die Erinnerung an den Menschen Paul Spiegel. Sie ist auch Beweis dafür, dass Spiegels Grundwerte von den nachwachsenden Generationen auch in Zukunft reflektiert und gelebt werden. Für die lebendige Erinnerung an das Leben und Wirken jüdischer Mitbürger stehen in Warendorf der Jüdische Friedhof am Bentheimer Turm, die Gedenkstele an der Freckenhorster Straße, die Benennung der zum Jüdischen Friedhof führenden Straße nach Hugo Spiegel und nicht zuletzt der Vorplatz des Jüdischen Friedhof vor dem Münstertor.

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