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„Besorgter Bürger“ hat Rehkitz aus Karton „befreit“

Finger weg von Wildtieren

Freckenhorst

Jäger Rolf Markfort traute seinen Augen nicht. Er hatte Kitze vor dem sicheren Tod durch die Grasmahd bewahren wollen und sie in einem Umzugskarton sicher untergebracht. Ein „besorgter Bürger“ dachte wohl, dass hier was nicht stimmt und hat mindestens ein Kitz „befreit“.

Von Ulrich Lieber

Jäger Rolf Markfort (l.) und Bernd Stroetmann von der Maschinengemeinschaft Freckenhorst präsentieren die Drohne, mit der die Felder überflogen werden, um die Standorte der Kitze ausfindig zu machen. Foto: Ulrich Lieber

Früh morgens um 3 Uhr machen sich Jäger Rolf Markfort und Bernd Stroetmann von der Maschinengemeinschaft Freckenhorst auf den Weg. Ihr Ziel: Sie wollen kleine Kitze vor dem sicheren Tod bewahren. Bernd Stroetmann überfliegt mit seiner Drohne die Felder, die an diesem Tag gemäht werden sollen. Meistens mit Erfolg. In der zweiten Maihälfte setzen die Rehe hier gerne ihre Kitze ab, weil sie glauben, dass sie hier geschützt sind.

Jäger Rolf Markfort

Auch am Sonntag vor acht Tagen waren die beiden wieder unterwegs und fanden Kitze. „Damit die Kitze nicht totgemäht werden, haben wir sie in neue Umzugskartons inklusive Grasunterlage gepackt. Der Karton hat Schlitze zur Belüftung und ist geschlossen, so dass das Kitz sich beruhigt“, erklärt Rolf Markfort. Nach der Mahd werden die Kitze wieder in die Freiheit entlassen. Offensichtlich habe sich jedoch in der Folge ein besorgter, aber leider uninformierter Bürger „eingemischt“ und bei seinem Spaziergang die Kisten gefunden und mindestens ein Kitz „befreit“.

Das habe leider negative Konsequenzen, sagt Markfort: „Entweder hat derjenige das Kitz angefasst, dann hat es leider den Geruch des Menschen angenommen und wird von seiner Mutter verstoßen und verhungert elendig.“ Wer ein Kitz angefasst hat, kann es nur noch in eine Wildtierauffangstation bringen. Sollte der Bürger das Kitz einfach rausgelassen haben, dann wird es jetzt wahrscheinlich totgemäht worden sein. „Oder er hat das Kitz mitgenommen, um es ,zu retten‘, dann wird dies Kitz sein Leben in Gefangenschaft verbringen.“ Rolf Markfort warnt hier eindringlich, denn wer ein Kitz aus der Natur nehme, begehe den Tatbestand der Wilderei.

Bernd Stroetmann, Maschinengemeinschaft Freckenhorst

„Die Leute meinen es gut“, weiß der Jäger, aber bittet dringend darum, die Finger von Wildtieren zu lassen. Kitze seien darauf angewiesen „geruchlos“ zu bleiben, um sicher vor Prädatoren zu sein. Kitze verbringen Stunden allein und vollkommen ruhig, um nicht von Krähen, Füchsen und anderen Feinden entdeckt zu werden.

Die Umzugskartons seien besonders geruchsneutral, und das Kitz müsse nur vier bis fünf Stunden darin verbringen. „Die Kitze sind ganz ruhig im Karton, und das ist für sie auch keine lange Zeit. Die Mutter kommt nur zwei bis drei Mal am Tag vorbei.“

Bernd Stroetmann hat sich vor vier Jahren eine Drohne zugelegt. „Ich fliege damit eigentlich Photovoltaikanlagen ab und überprüfe die Module“, erklärt der Drohnenpilot. Zudem nutzt er die Drohne, um Biomassekarten zu erstellen. Aber jedes Jahr im Mai ist er auch als Rehkitzretter im Einsatz. „In diesem Jahr haben wir schon 40 Tiere gerettet“, freut er sich. Dafür lohne sich das frühe Aufstehen, denn spätestens ab 8 Uhr ist es zu warm, um die Kitze mit der Wärmebildkamera noch zu entdecken. „Das erste Kitz zu finden, war ein schöner Erfolg“, erinnert er sich an die Premiere. Mittlerweile seien es schon rund 200 gerettete Kitze.

Von der Idee, ein Hinweisschild aufzustellen, um besorgte Bürger von der „Befreiung“ abzuhalten, ist Rolf Markfort nicht begeistert. „Neun von zehn werden es akzeptieren, aber einer ist immer neugierig und schaut nach“, befürchtet er.

„Keiner will ein Kitz töten. Der Landwirt will das nicht und der Fahrer erst recht nicht“, versichert Markfort. „Ein totes Tier verunreinigt zudem das Futter. Es wird sofort vernichtet“, macht Stroetmann auch auf den wirtschaftlichen Aspekt aufmerksam. Es werden übrigens nicht nur Kitze gefunden, sondern auch Hasen und Fasane aufgescheucht.

Rolf Markfort warnt noch einmal eindringlich: „Die Leute müssen gegen ihren Instinkt handeln. Finger von den Kitzen lassen, bei Unsicherheit den Bauern anrufen, oder den Jagdpächter oder auch die Polizei.“

Der „besorgte Bürger“ hat sich wohl bei einem Landwirt über das Vorgehen, als nicht „tiergerecht“ beschwert. „Dies leider wohl auch öffentlich und sehr negativ im Wahllokal, mit Androhung einer Anzeige beim Ordnungsamt und bei der Polizei“, bedauern die Tierretter das Missverständnis.

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