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Gedenk- und Erinnerungsreise in Riga

Innehalten am Ort des Schreckens

Warendorf

Es waren bewegende Tage für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der nationalen Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Opfer des Holocaust in Riga. Auch Warendorfs Bürgermeister Peter Horstmann war unter ihnen. Er mahnte: „Solche Gräueltaten dürfen sich niemals wiederholen“.

Bewegende Momente – nicht nur für Bürgermeister Peter Horstmann im Rahmen der nationalen Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Opfer des Holocaust in Riga Foto: Janis Salins

35 000 Menschen wurden zwischen 1941 und 1945 in den Wäldern von Bikernieki nahe Riga von den Nationalsozialisten ermordet. Ein Großteil von ihnen waren lettische Jüdinnen und Juden, aber auch aus weiteren Städten des damaligen „Großdeutschen Reiches“ wurden jüdische Mitbürger nach Riga deportiert. Am 4. Juli fand eine nationale Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Opfer des Holocaust in Riga statt, an der zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter des sogenannten Riga-Komitees teilnahmen – unter ihnen auch Bürgermeister Peter Horstmann.

Ein Blick zurück: Am 13. Dezember 1941, einem Samstag, verließ ein Personenzug mit 390 Jüdinnen und Juden den Bahnhof Münster. Unter ihnen waren auch 13 Personen, die in Freckenhorst und Warendorf geboren wurden beziehungsweise dort lebten. In Osnabrück und Bielefeld wurden weitere 641 Juden aus Niedersachsen und Westfalen aufgenommen. Am 16. Dezember erreichte der Transport mit insgesamt 1031 Personen die deutsch besetzte lettische Stadt Riga. Von hier wurden die Menschen im Ghetto interniert und starben bei der anschließenden Zwangsarbeit oder in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Keiner der 13 Deportierten überlebte die Shoah.

Eindrucksvoll nachklingend sind auch die Berichte des Zeitzeugen Margers Vestermanis, 97 Jahre alt. Er erlebte als 16-Jähriger die Gräueltaten der Nationalsozialisten, überlebte im Ghetto als „Arbeitsjude“ nur knapp. Foto: Foto: Janis Salins

An die über 25 000 Opfer des Holocaust zu erinnern, die in den Jahren 1941/42 aus ihren Städten nach Riga deportiert und in ihrer überwiegenden Zahl im Wald von Bikernieki ermordet wurden, dieser Aufgabe hat sich das sogenannte Deutsche Riga-Komitee verschrieben. „Fast 70 Städte aus Deutschland, Österreich, Tschechien und der Slowakei sind Mitglieder des Komitees, das am 23. Mai 2000 in Berlin gegründet wurde“, erläutert die Stadt in einer Pressenotiz. Warendorf ist seit dem 20. Februar 2002 Mitglied. Als weitere Städte aus dem Kreis Warendorf haben sich Ahlen, Drensteinfurt, Wadersloh und Telgte dem Städtebund angeschlossen. Auch Carsten Grawunder, Bürgermeister der Stadt Drensteinfurt, nahm an der Gedenk- und Erinnerungsreise teil.

Drensteinfurts Bürgermeister Carsten Grawunder, Bürgermeister Peter Horstmann und Thomas Rey vom Volksbund in der Gedenkstätte im Wald von Bikernieki (v.l.). Foto: Foto: Janis Salins

Ihrer Hauptaufgabe kamen nun rund 30 Mitgliedsstädte im Zuge einer Gedenk- und Erinnerungsreise nach. Gemeinsam mit den Botschaftern der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs sowie dem Museum der Juden in Lettland besuchten sie vom 3. bis zum 5. Juli die lettische Hauptstadt anlässlich einer Gedenkveranstaltung des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge.

Im Wald von Bikernieki wurde am 30. November 2001 eine Gedenkstätte eingeweiht, in der sich auch ein Gedenkstein der Stadt Warendorf befindet. Eine neue Ausstellung des Volksbundes erinnert nun unweit des Mahnmals in Bikernieki an das Grauen, das vor 81 Jahren in den Wäldern von Riga stattgefunden hat. Bei einem gemeinsamen Eröffnungsrundgang erfuhren die Gäste viel über die grausamen Lebensbedingungen in den Lagern und über die Situation im Rigaer Ghetto. „Vor 81 Jahren wurde dieser friedliche Wald zu einem Ort des Schreckens. Die Gräueltaten, die hier verübt wurden, sind unvorstellbar. Es war sehr bewegend, an den Gräbern der Opfer aus Warendorf ihrer Schicksale zu gedenken und ihnen Respekt zu zollen“, schildert Bürgermeister Peter Horstmann seine Eindrücke.

Auch an der offiziellen nationalen Gedenkveranstaltung am 4. Juli nahmen die Vertreter des Deutschen Riga-Komitees teil. Dort sprach Staatspräsident Egils Levits und erinnerte vor der Ruine der Großen Chorals-Synagoge an den 1. Juli 1941, als deutsche Truppen Riga besetzten und damit die Rote Armee ablösten, die am 17. Juni 1940 das Land besetzt und zur Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik erklärt hatte. Am Abend des 4. Juli trafen die Vertreter des Städtebundes Marģers Vestermanis. Er ist lettischer Holocaustüberlebender, Historiker, Gründer und ehemaliger Direktor des Museums Juden in Lettland. Er war 16, als die Nationalsozialisten am 1. Juli 1941 Lettland besetzten. Als „Arbeitsjude“ überlebte er im Ghetto, bei einem Todesmarsch gelang ihm beim dritten Versuch die Flucht in die Wälder von Kurland, wo er sich dem Widerstand anschloss. „Viele Juden waren stolz, gegen Hitler zu kämpfen. Das war ich auch, dass ich den 9. Mai mit einer Waffe in der Hand erleben durfte. Ich hatte überlebt, aber meine Angehörigen und Freunde waren tot.“

Die Delegation Foto: Foto: Janis Salins

Seine Schilderungen ließen das Publikum betroffen zurück. „Elend, Unterdrückung, Tod: die Verbrechen der Nationalsozialisten haben in ganz Europa, auch bei uns in Warendorf, Spuren hinterlassen. Es ist daher unser aller Pflicht, mahnend an dieses dunkelste Kapitel unserer Geschichte zu erinnern. Solche Gräueltaten dürfen sich niemals wiederholen“, formuliert Bürgermeister Peter Horstmann die eindringliche Botschaft an diesem Gedenktag.

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