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Corona-Alltag im Fokus: Spagat zwischen Kindern und Beruf

Kaum noch Reserven

Warendorf

Einmal durchatmen – die Gedanken laufen lassen. Die vergangenen Wochen unter Corona-Bedingungen und die Ungewissheit, die zumindest die nahe Zukunft weiter bestimmt, haben Kraft gekostet. Die Auszeit auf der kleinen weißen Bank hatte ein ganz konkretes Ergebnis: Daniela Schnier fasste den Entschluss, ihren Sorgen und Nöten einfach mal Gehör zu verschaffen. In einem Brief brachte sie das Wesentliche zu Papier – auszugsweise mit folgendem Wortlaut:

Monika Vornhusen

Daniela Schnier schrieb einen eindringlichen Brief an die Vertreter der Politik: Die Reserven der Eltern sind verbraucht. Foto: Monika Vornhusen

Kürzlich nahm sich Daniela Schnier eine kurze „Auszeit“ von ihrem „Corona-Alltag und dem täglichen Spagat zwischen Beruf und Familie“ auf ihrer weißen Bank vor dem eigenen Haus. Einmal durchatmen – die Gedanken laufen lassen. Die vergangenen Wochen unter Corona-Bedingungen und die Ungewissheit, die zumindest die nahe Zukunft weiter bestimmt, haben Kraft gekostet. Die Auszeit auf der kleinen weißen Bank hatte ein ganz konkretes Ergebnis: Daniela Schnier fasste den Entschluss, ihren Sorgen und Nöten einfach mal Gehör zu verschaffen. In einem Brief brachte sie das Wesentliche zu Papier – auszugsweise mit folgendem Wortlaut:

„Liebe Politikerinnen und Politiker, ich sitze hier vor unserem Haus auf der Bank. Mein Sohn (2) hat eine laufende Nase. Er darf jetzt nicht in die Betreuung. Ab August geht er in die Kita. Auch dort habe ich unterschrieben, dass wir ihn oder auch seine Schwester (4) nicht in die Kita schicken, wenn einer von beiden eine ,Rotznase‘ hat. Ich erinnere mich zwei Jahre zurück. Es ist Herbst. Ich bin beim Kinderarzt und spreche mit ihm darüber, dass es mir schon peinlich ist, ihn aufzusuchen. Unsere Tochter ist zum x-ten Mal erkältet. Er erklärt mir, wie wichtig es ist. Kinder bauen so ihr Immunsystem auf. Ab Mai höre die Nase dann in der Regel wieder auf zu laufen. Besser werde es, wenn die Kinder dann in die Schule kommen. Nun sitze ich hier und frage mich, wie mein Mann und ich das mit zehn ,Kinderkrankentagen‘ pro Elternteil abfangen können, wenn die Kinder mit laufender Nase nicht in die Betreuung dürfen. Trotz unseres Verständnisses für die Situation der Covid-19-Pandemie – eine laufende Nase ist doch kein Indiz für eine Corona-Infektion. Bitte, bieten Sie uns eine Lösung, beispielsweise die Möglichkeit, die Kinder mit einem negativen Covid-19-Testergebnis wieder in die Betreuung geben zu können . . .“

Drei Tage später: Die Kinder der Familie Schnier sind nun wieder in der Betreuung. Daniela Schnier und ihr Mann arbeiten weiterhin im eigenen Haus im Homeoffice. Dennoch birgt jeder Tag wieder die Herausforderung eines Puzzlespiels, dessen Einzelteile sich mit der Unterstützung der beiden Arbeitgeber und auch der einzelnen Kollegen oder gar weiterer Familienangehöriger täglich neu zusammenfügen müssen, um Kinderbetreuung und Arbeitsalltag unter einen Hut zu bekommen.

„Es geht uns nicht darum zu stöhnen. Wir sehen durchaus, dass wir mit unseren Arbeitgebern gut aufgestellt sind und auch super unterstützt werden. Dort gibt es ganz viel Flexibilität, auch unter den Kollegen. Aber es geht um die allgemeine Situation der Familien. Vielleicht können wir bewirken, dass in der Politik jetzt die schwierige Situation junger Familien deutlicher gesehen wird“, hofft das Warendorfer Ehepaar. „Wir kennen so viele junge Familien, die vergleichbare oder auch noch deutlich gravierendere Probleme haben“, bringen es die beiden im WN-Gespräch am Küchentisch auf den Punkt.

Mit dem Tag des Lockdowns Mitte März konnten in dem Versicherungsunternehmen, in dem Daniela Schnier in Teilzeit arbeitet, alle diejenigen, denen es möglich war, aus dem Homeoffice arbeiten. Auch ihr Ehemann, der in der Chemieindustrie tätig ist, konnte die Homeoffice-Option nutzen, wobei für ihn dann auch über einige Wochen zwei Tage Kurzarbeit pro Woche hinzukamen. „Dann war die Arbeit von Zuhause natürlich an den anderen Tagen umso intensiver“, erinnert sich Daniela Schnier an die vergangenen Wochen. Telefonkonferenzen für ihren Mann, viele Kunden-Telefonate für sie selbst. „Aber meine Kunden hatten immer viel Verständnis, wenn unser Sohn mal ins Gespräch platzte“, beschreibt sie die vergangenen Wochen. Klar gab es auch schöne Seiten an dem Corona-Ausnahmezustand: Der Papa war oft zu Hause, der klassische Morgen-Stress auf dem Weg zur Arbeit fiel weg, die beiden Geschwister entdeckten das Spiel miteinander.

„Doch irgendwann kippte die Entspanntheit; unsere Tochter bekam Schlafprobleme und vermisste ihre Freunde in der Kita sehr“, sagt Daniela Schniers. Da kamen die ersten Lockerungen Anfang Juni gerade noch rechtzeitig. Doch der Start der Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflegepersonen am 8. Juni war zugleich mit einem eingeschränkten Regelbetrieb verbunden.

Für die Familie Schnier bedeutete das – wie für alle anderen Familien auch – einen reduzierten Betreuungsumfang, im konkreten Fall von zuvor gebuchten 35 Stunden auf nur noch 25 Stunden. Verpflichtend zu erklären hatten die Eltern der zu betreuenden Kinder entsprechend der Vorgaben der Landesregierung auch, dass sie darauf achten, dass nur Kinder betreut werden, die keine Krankheitssymptome haben. „Die Art und Ausprägung dieser Symptome sind dabei unerheblich“, heißt es dazu in der zu unterzeichnenden Erklärung. „Natürlich verstehe ich das auf der einen Seite in dieser Pandemiezeit“, sagt Daniela Schnier.

Auf der anderen Seite denkt sie wieder an die Ausführungen des Kinderarztes, dass verschnupfte Nasen quasi Dauerzustand bei kleinen Kindern seien. „Schreibt der Arzt mein Kind jetzt überhaupt krank?“, fragt sie sich. „Irgendwann lässt sich das mit unserem Anspruch auf zehn ,Kinderkrankentage‘ pro Elternteil pro Kind im Jahr nicht mehr decken.“

Und, so erklären die Eltern, weise auch das Infektionsschutzgesetz für diesen speziellen Fall eine Lücke auf. Eine Entschädigung für Verdienstausfall für Erwerbstätige, die wegen der Betreuung ihrer Kinder vorübergehend nicht arbeiten können, sehe dieses Gesetz nur für den Fall der Schließungen der Kitas und Schulen vor, nicht aber für den eingeschränkten Regelbetrieb.

Lösungsmöglichkeiten könnte sich das Ehepaar Schnier schon vorstellen: „Vieles wäre möglicherweise einfacher, wenn unsere verschnupften Kinder mit einem negativen Corona-Test die Kita wieder besuchen könnten.“ Zumal Kinder ja laut wissenschaftlicher Erkenntnisse auch völlig symptomfrei Corona übertragen könnten. „Dann macht ein Ausschluss aus der Kita aufgrund von Schnupfen keinen Sinn.“

Daniela Schnier geht noch weiter: „Ich könnte mir auch eine interaktive aktuelle Online-Plattform der Landesregierung vorstellen, die wie eine Art Umfrage aufgebaut ist. Hier könnten über kurze Klicks die aktuelle Situation abgefragt und dann die in der Landesregierung diskutierten Lösungsmöglichkeiten zur Auswahl gestellt werden. Eine Art Mitspracherecht.“

Das Ehepaar aus Warendorf spricht aus, was viele andere junge Familie auch trifft: „So langsam geht den jungen Familien die Puste aus.“ Viele haben ihren Urlaub und Überstunden schon eingesetzt, um die Kinder zu betreuen. Die Reserven sind langsam verbraucht.

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