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Tanzschule Ingrid darf Tanzkurse nur per Live-Stream anbieten

Keine Ausnahmen fürs Kulturerbe

Warendorf

Für die Tanzschule Ingrid ist der Lockdown genauso schlimm wie für viele Künstler, Einzelhändler oder Vereine. Auf insgesamt sieben Monate, in denen die Coronaschutzverordnung sie dazu verdammte, die Füße still zu halten, blickt Ingrid Kieskemper inzwischen zurück. Tanzen, das ist ihr Lebensinhalt.

Joke Brocker

Im leeren Tanzsaal werden regelmäßig Live-Streams für Stammkunden produziert. Diese tanzen die Schrittkombinationen, die die Tanzlehrer ihnen zeigen, im heimischen Wohnzimmer nach. Für Ingrid Kieskemper (rundes Foto) ist das nicht mehr als eine Notlösung. Foto: Joke Brocker

Die Freude über die Aufnahme des Welttanzprogramms der ADTV-Tanzschulen in das UNESCO-Register „guter Praxisbeispiele der Erhaltung immateriellen Kulturerbes“ war nicht von langer Dauer. Knapp ein Jahr, nachdem den Tanzschulen von höchster Stelle attestiert worden war, dass sie ein kostbares Kulturerbe pflegen und bewahren, erging ein coronabedingtes Tanzverbot.

Auf insgesamt sieben Monate, in denen die Coronaschutzverordnung sie dazu verdammte, die Füße still zu halten, blickt Ingrid Kieskemper inzwischen zurück. Tanzen, das ist ihr Lebensinhalt. Im nächsten Jahr wird die Tanzschule, die ihren Namen trägt, 30 Jahre alt.

Ingrid Kieskemper

Über die Formulierung „Lockdown light“ kann Ingrid Kieskemper nur lachen. Es habe im vergangenen Jahr einige wenige Wochen gegeben, in denen unter Einhalten strenger Abstands- und Hygieneregeln getanzt werden durfte: „Wir haben alle Tische desinfiziert, so dass es hier steril wie im OP war und auch so roch.“ Die Besucher mussten Masken tragen, die nur beim Tanzen abgenommen werden durften. Auf der Tanzfläche durften sich nur drei bis vier Paare gleichzeitig bewegen. „Ansonsten aber hatten wir immer Voll-Lockdown“, stellt Ingrid Kieskemper bitter fest. Ob Gastronomiebereich, Events, darunter Familien- und Weihnachtsfeiern, oder Tanzkurse für Schüler – alles sei „weggefallen“. An drei Schulen stünden noch die Abschlussbälle aus. „Als die Schüler die Tanzkurse absolvierten, waren sie in der neunten Klasse. Kleider und Anzüge für den Abschlussball waren schon gekauft.“ Mittlerweile seien die Schüler in der zehnten Klasse, stünden kurz vor der Entlassung und seien aus den Anzügen inzwischen wahrscheinlich herausgewachsen. Paaren, die im November Tanzkurse gebucht hatten, musste wenig später, mit Beginn des für Warendorf nunmehr dritten Lockdowns, wieder abgesagt werden.

Um den Kontakt zu den Stammkunden zu halten, bieten Ingrid Kieskemper und ihr Team regelmäßig Live-Stream-Tanzkurse an. Eingeladen werden die Tanzpaare über Zoom. Während die Tanzlehrer im leeren Saal an der Splieterstraße vor laufender Kamera Tanzschritte vermitteln, versuchen die Teilnehmer dieses in den heimischen Wohnzimmern umzusetzen.

Eine Notlösung. Nicht mehr und nicht weniger. Denn, so Ingrid Kieskemper, es gehe nicht nur um Tanzschritte, sondern um das Miteinander und die soziale Kompetenz, mit anderen zu kommunizieren. Ins allgemeine Jammern und Wehklagen will die Inhaberin der Tanzschule nicht ein-

stimmen. Stattdessen bereitet sie sich auf die Zeit nach dem Lockdown vor. Wohl wissend, dass Abstandsregeln, Hygienekonzept und Querlüften wohl noch lange zum Alltag gehören werden, hat sie in Raumluftfilter investiert.

Das gesamte Tanzschul-Team, das es sich zum Ziel gesetzt hat, jungen Menschen auch soziale Kompetenzen zu vermitteln, bildet sich in einem Webinar „Tanzrausch statt Vollrausch“ fort. Dabei handelt es sich um eine Aktion, mit der die ADTV-Tanzschulen dem Trend zum exzessiven Konsum von Rauschmitteln selbstbewusst und aktiv entgegentreten. Vor allem der Computerspielsucht, die durch die Coronazeit mutmaßlich forciert werde, wolle man auf diese Weise begegnen, erläutert Kieskem-

per. Auf der überarbeiteten Homepage machen sie und ihr junges Team allen Menschen, die danach gieren, endlich wieder etwas Schönes machen zu können, Appetit auf neue und spannende Tanzkurse, die zumindest theoretisch nach Ostern beginnen könnten. Vor allem Jugendliche, hat Kieskemper in Gesprächen mit Lehrern erfahren, freuten sich auf die Tanzkurse.

Doch Berichte über die dritte Corona-Welle, die weitere Lockerungen eher unwahrscheinlich erscheinen lassen, verunsichern auch die Tanzlehrerin. „Die Unplanbarkeit“, sagt sie, „ist am schlimmsten.“ Und doch bleibt sie optimistisch und macht sich schon jetzt Gedanken über eine Bühnenshow zum 30-jährigen Bestehen ihrer Tanzschule im nächsten Jahr.

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