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Reisebericht am 1. Mai

Mitten hinein in die Ukraine

Warendorf

Tim Chajka und seine Helfer haben eine spannende Reise hinter sich: Sie haben Hilfsgüter für die Freie Kirchengemeinde in Warendorf in die Ukraine gebracht. Chajka selbst hat dort vor Ort verschiedene Kontakte – Menschen, die er schon lange kennt. Jetzt konnte er einige von ihnen wiedersehen. In einem Interview berichtet er über seine Eindrücke vor Ort.

Die Hilfsgüter wurden vor Ort ausgeliefert. Die Helfer aus Warendorf verteilten Hilfsgüter an die Bevölkerung in der Ukraine. So viel Angst und Schrecken haben die Menschen in der Ukraine erlebt. Viele von ihnen sind traumatisiert und der Schock sitzt tief. Foto: Freien Kirchengemeinde Warendorf Freien Kirchengemeinde Warendorf

Diese Reiseroute liest sich schon ambitioniert: Warendorf, Lwiw, Riwne, Borodjanka, Irpin, Butscha, Gostomel, Kiew, Makariw, Kiew, Warendorf. Mitte April hatte sich Tim Chajka mit Helfern für die Freie Kirchengemeinde Warendorf (FKGW) für eine gute Woche aufgemacht für einen Hilfstransport in die Ukraine. Am Sonntag (1. Mai) um 19 Uhr wird er in den Räumen der FKGW, Niedinkstraße 20, in Warendorf darüber berichten. Alle Interessenten sind dazu eingeladen. Erste Eindrücke dazu gibt die FKGW in einem Interview mit Chajka während der Tage in der Ukraine wieder:

Senioren Foto: Freien Kirchengemeinde Warendorf

Tim, wir sind jetzt seit vier Tagen in der Ukraine. Warum wolltest du in die Ukraine fahren?

Tim Chajka: Mir war klar, da sind Menschen, welche unsere Hilfe brauchen. Wir sind in der Lage diese Hilfe zu leisten.

Wir sind jetzt direkt nach Kiew gefahren und in die Orte, wo viel Schlimmes passiert ist. Wolltest du extra hierhin oder hat sich das so ergeben?

Tim Chajka: Ich persönlich habe diese Möglichkeit im Hinterkopf behalten. Der entscheidende Ort für die Hilfsgüter war Riwne, das war unser Hauptziel. Aber wenn es die Situation erlaubt, habe ich mir gewünscht, weiterzufahren, um selbst zu sehen, was da geschehen ist, mit Leuten zu sprechen, Hilfe zu verteilen. Aber erstmal mussten wir den LKW und Anhänger ausladen, um dann nach Möglichkeit mit dem Bulli und Anhänger weiterfahren. Ich wollte den Kontakt mit den Menschen aufnehmen, die ich kenne, um ihre Umstände selber zu sehen und dann aus erster Hand berichten zu können. Mir ist es wichtig zu erfahren, was da wirklich passiert ist, wie schlimm die Lage ist und wie die Menschen leiden.

Wie kannst du die Situation vor Ort zusammenfassen?

Tim Chajka: Als friedlicher Mensch, der niemals mit solchen schlimmen Situationen wie Krieg konfrontiert wurde, ist es erstmal ein Schock. Ich dachte, ich bin in einer Parallelwelt. Die Orte, wo wir waren, sind zu diesem Zeitpunkt außer Gefahr gewesen. Es gab für uns keine direkte Gefahr, aber diese sichtbaren Folgen sind sehr schlimm. Diese zerstörten Häuser – ich konnte mir nicht vorstellen, dass in diesen Ruinen noch tote Menschen liegen, aber sie noch immer dort verschüttet. Das haben wir von den örtlichen Helfern bestätigt bekommen.

Gibt es eine Situation, die dich besonders gepackt hat?

Tim Chajka: Ja, ich muss an eine Frau aus dem Dorf Andriivka (Nähe Borodjanka) denken. Sie erzählte, dass als die Russen nachts in das Dorf gekommen sind, diese einfach auf alles geschossen habe, was sich bewegt hat, zum Beispiel durch ein Fenster im Haus. Sie haben eine ältere Frau einfach erschossen, weil sie sich kurz an ihrem Fenster bewegt hat. Wir haben viele Fenster und Zäune gesehen, die einfach durchgelöchert waren. Diese Art und Weise, wie sie so wahllos und brutal auf Menschen gegangen sind, das hat mich schockiert.

Tim Chajka Foto: Freien Kirchengemeinde Warendorf

Du hast auch einige Bekannte und Freunde getroffen. Was hat diese Zeit mit ihnen gemacht? Wie hast du sie jetzt erlebt?

Tim Chajka: Vielleicht wirken sie nach außen genau so, aber ich kenne sie gut und sie sind anders geworden. Ein Freund beispielsweise konnte nicht aufhören zu erzählen. Er hat einfach alles rausgelassen. Ich denke, dass die Menschen dort noch in einem Schockzustand sind. Das Schlimmste ist die Zeit nach dem ersten Schock und die Verarbeitung der Folgen der Verwüstung.

Gibt es etwas, was Hoffnung gemacht hat?

TIm Chajka: Ja. Zuerst der unerschütterliche Glaube an den Sieg und wie dieser Glaube die ganze Nation vereint. Das sieht man vor allem daran, dass die Bevölkerung kaum noch Russisch spricht. Wir haben Hilfe zu einem alten Mann gebracht. Bei ihm gab es einen Holzmast, auf dem ganz oben ein Storchennest war. Das Bild hat mich emotional sehr berührt, weil nur 400 Meter weiter noch die Leichen auf verminter Fläche lagen, die nur von Sonderkommandos geräumt werden können – dann dieses friedliche Storchennest.

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