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Erster Diskussionsabend zur Studie über Missbrauch im Bistum

Nicht nur die Mächtigen schwiegen

Warendorf

Was nun tun mit den Erkenntnissen der Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche? Die Aufarbeitung hat begonnen.

Von Jörg Pastoor

Prof. Dr. Thomas Großbölting am Dienstagabend vor dem Meinungsbild vieler der rund 100 Anwesenden im Gartensaal der Landvolkshochschule. Die Aufarbeitung der Missbrauchsstudie auch im Kreisdekanat soll weitergehen. Foto: Jörg Pastoor

Wie können Gläubige mit den Ergebnissen der Missbrauchsstudie umgehen? Was kann sich ändern, damit Geistliche ihre Machtstellung nicht für sexuellen Missbrauch ausnutzen?

Das ist für Thomas Großbölting keine Sache allein für den Klerus, also weder für einen Bischof, noch für die Leitungsgremien in einem Bistum oder die Priester selbst.

Die Studie, das fasste der Historiker Dienstagabend im Gartensaal der LVHS zusammen, weist ganz klar auch eine Mitverantwortung in den Gemeinden nach. Allen Gemeinden im gesamten Bistum

. Dieses häufige Darüber-Schweigen, Es-Verheimlichen und Dulden unter den Gläubigen habe das System der früher unkritisch als „Hochwürden“ verehrten, übergriffig gewordenen Priester regelrecht gestützt.

Kerstin Stegemann, die frühere Vorsitzende des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum

Erstmals stand die seit Juni öffentliche Studie jetzt im Kreisdekanat zur öffentlichen Debatte. Moderatorin Kerstin Stegemann, die frühere Vorsitzende des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum, leitete schon vor Prof. Großböltings Vortrag mit einer auf die Resultate hinweisenden Frage ein: „Was hat das vielleicht mit uns allen zu tun?“

Viel, fand der Historiker, dessen Buch „Die sündigen Hirten“ wohl demnächst bei der Bundeszentrale für politische Bildung zum Download verfügbar sein wird. Zu dem bekannten, systematischen Schutz der Täter und eben nicht der Opfer durch die Bischöfe in der Zeit von 1945 bis 2010 kam nach dem Studium der Unterlagen, Interviews mit Betroffenen und Verantwortlichen auch die Rolle der aktiv (ver-)schweigenden Bevölkerung hinzu. Thomas Großbölting bezeichnete das als den Klerikalismus in den Gemeinden.

Hauptgrund bei den nicht pädo-sexuell begründeten Missbräuchen sei oft das Nicht-Ausleben-Können der eigenen Sexualität als zölibatär lebender Priester, so Großbölting. Diese Priester stuft er als „regressiven Tätertyp“ ein, Und die „griffen auf das zu, was sie kriegen konnten.“ Die vielen Straftaten an Jungen seien da nicht primär mit Homosexualität zu erklären.

Benedikt Patzelt, Leiter Haus der Familie, zum Fehlen kirchlicher Verantwortlicher

Das Versagen bei der Ahndung solcher Täter machte erkennbar viele der rund 120 Interessierten betroffen. Das ließ sich an den per Smartphone verfassten Eindrücken ablesen, die ein Drittel der Menschen im Saal anonym sichtbar machten: „traurig“, „Wut und Trauer“ waren ebenso zu lesen wie die Frage, wie es nun weitergehen könne und Bekundungen, die Verhältnisse bessern zu wollen.

Der Weg dahin? Antonius Kock von der Betroffenen-Initiative aus Münster, selbst Opfer sexuellen Missbrauchs, war skeptisch, was die von Thomas Großbölting festgestellte „Null-Toleranz“-Politik des jetzigen Bischofs Felix Genn betrifft. Noch immer höre er von Fällen aktiven Verschweigens bei Gemeindeleitungen, wenn Täter aus dem Klerus spät entlarvt werden. Er nannte Beispiele auch aus jüngerer Zeit.

Der früher in Milte Betroffene hat eigenen Angaben zufolge erfahren, dass er nicht alleine Missbrauch erlebt hat. Bisher waren in der Studie aus Warendorf ein Fall in St. Josef und mehrere bei den Freckenhorster Werkstätten bekannt geworden – von zwei Tätern ausgehend. Einer von ihnen war nach vielen Übergriffen schon laisiert worden.

Das inzwischen lange in Münster lebende Missbrauchsopfer vermisste an dem Abend bei der LVHS im Bistum Verantwortliche, an die er Fragen hätte richten können. Benedikt Patzelt, der Leiter des zum katholischen Bildungsforum gehörenden Hauses der Familie, hatte darüber vorher mit den anderen Kooperationspartnern gesprochen. „Wir haben das bewusst nicht gemacht, um hier geschützt diskutieren zu können“, so Patzelt, der aber aufgrund des klar werdenden Gesprächsdrucks schon anderer Meinung war. Ohnehin sei aber klar: „Es darf am heutigen Punkt nicht enden.“

Nach gut zwei Stunden endete der Abend in der LVHS und Kreisdechant Peter Lenfers begann ein Vier-Augen-Gespräch mit dem früheren Milter; noch ein spät erkannte Opfer aus Zeiten, in denen der Schutz der Täter allen wichtiger war als der der Missbrauchten.

Die bischöfliche Pressestelle teilte am Tag nach dem Abend in Freckenhorst mit, dass die Pfarrei St. Johannes in Oelde am Dienstag, 20. September, um 19.30 Uhr zusammen mit der Familienbildungsstätte einen Diskussionsabend im Bonhoefferhaus veranstaltet.

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