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Entertainment mit Kultpotenzial

Ritt durch Märchenwelt

Warendorf

Aus dem internationalen Bestseller der „Kinder und Hausmärchen“, der öfter verkauft wurde als die Bibel, schöpften sie mit Akribie und Feinsinn kleinste Brocken und woben daraus eigene Geschichten. Michael Ehnert, der wie sein „Weimarer Kollege“ schon als Universalgenie bezeichnet wurde, bot den Theaterliebhabern am Samstag in Warendorf einen weiteren Ausflug in die Welt der großen Märchensammler. Diesmal standen ihm mit Kristian Bader und Jan-Christof Scheibe zwei ganz versierte Kollegen aus der Schauspiel- und Kabarettzunft zur Seite.

Von Axel Engels

Einen Ausflug in die Welt der großen Märchensammler unternahm Michael Ehnert (r.) im TaW , diesmal standen ihm Kristian Bader (l.) und Jan-Christof Scheibe zur Seite. Foto: Axel Engels

Ein Wiedersehen mit Michael Ehnert ist immer ein köstlich unterhaltsames Vergnügen. Sein „Weihnachtshasser“ sorgte für Furore und selbst so literarische Heroen wie Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe müssen aus ihren Gräbern heraus sich bestens amüsiert haben über die ideenreichen Exkursionen in ihre Werke.

Michael Ehnert, der wie sein „Weimarer Kollege“ schon als Universalgenie bezeichnet wurde, bot den Theaterliebhabern am Samstag in Warendorf einen weiteren Ausflug in die Welt der großen Märchensammler. Diesmal standen ihm mit Kristian Bader und Jan-Christof Scheibe zwei ganz versierte Kollegen aus der Schauspiel- und Kabarettzunft zur Seite. Was an diesem märchenhaften Abend dann passierte, hätte man sich wohl in den kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Aus dem internationalen Bestseller der „Kinder und Hausmärchen“, der öfter verkauft wurde als die Bibel, schöpften sie mit Akribie und Feinsinn kleinste Brocken und woben daraus eigene Geschichten. Historische „Wahrheit“ und fantastische Visionen hatte Michael Ehnert in diesem Abend verschmolzen zu einer gleichsam eigenen Schöpfung, der Martin Maria Blau als Regisseur den letzten Schliff verpasst hatte.

Jan-Christof Scheibe bereicherte diesen Ritt durch die Märchenwelt mit schmissigen Liedern, die perfekt in den Ablauf integriert, diesen leicht auflockerten.

Kabarett vom Feinsten war für dieses Trio eine Selbstverständlichkeit, immer wieder streuten sie bissig-böse politische Anspielungen in das märchenhafte Geschehen. Ob als König, Teufel oder Zwerg, immer machten sie eine gute Figur, spielten mit aller Leidenschaft sich die Spielbälle zu. Wie der Prinz zum Froschkönig geworden war, erfuhr man an diesem Abend leider nicht. Dieses Geheimnis hatten die Brüder Grimm ja nie gelüftet. Aber Mitleid konnte man schon mit Kristian Baders als Froschkönig haben, bei dem sogar Voltaren-Gel nicht mehr gegen die Schmerzen half. Auf solch irrwitzige Eskapaden auf Grundlage der allseits bekannten Märchen muss man erst einmal kommen – und da wurde Michael Ehnert seinem Ruf als genialer Nach- und Neuschöpfer literarischer Schätze mehr als nur gerecht. Dieser Abend war durchaus politisch, denn wenn der König seine Untertanen als Soldaten nach England verkauft, man sich beim Teufel gar die drei Farben der Nationalfahne wieder abholen will und Parallelen zwischen Despoten und Kriegstreibern mit satirischem Gewand zum Nachdenken animierten, war das schon große Kunst. Die Märchenonkel der deutschen Literatur Jacob und Wilhelm Grimm wären erstaunt darüber, welches Bild ihres Lebens im Kopf von Michael Ehnert sich festgesetzt hat.

Alles tauchte an diesem Abend auf, was man so aus dem umfangreichen Schaffen der Gebrüder Grimm so kannte. Oftmals wurden die Figuren direkt mit Kostümen in Szene gesetzt, aber in jedem noch so kleinen Nebensatz waren dann weitere Anspielungen versteckt. Die drei Protagonisten schlüpfen mit großer Leidenschaft in die Haut der Brüder, ihrer Eltern und Geschwister oder einzelner Märchenfiguren, boten Entertainment mit wahrem Kultpotenzial auf ganz hohem Niveau.

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