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Warendorf

Streit um ehemalige Synagoge: Ein langer, leerer Raum

Joachim Edler

Warendorf - Es ist ein unauffälliges, graues Giebelhaus, mitten in der City. Von außen erinnert nichts mehr an die einstige Synagoge. Und auch im Innern des Hinterhauses an der Freckenhorster Straße 7 wird der ehemalige Gebetsraum jetzt zu Wohnzwecken umgebaut. „Eine Synagoge ist es schon seit 65 Jahren nicht mehr. Von einem Gebetssaal zu sprechen, wäre übertrieben. Es gibt nur noch einen langen, leeren Raum“, erzählt Heidelies Möllmann.

Die heute 67-Jährige hat einen Teil ihrer Kindheit in dem Haus verbracht. Der letzte jüdische Gottesdienst fand dort 1945 statt. Es war die einzige Synagoge im Kreis Warendorf, die nicht durch den Krieg beschädigt worden war. Danach, so die Mutter der jetzigen Eigentümerin Stefanie Elpers, sei das Haus nur noch für Wohn- und Geschäftszwecke genutzt worden. Und so soll es auch in Zukunft sein.

Enttäuscht und zum Teil auch sehr verletzt ist Heidelies Möllmann ob der jetzt losgetretenen Diskussionen über den Umbau der ehemaligen Synagoge. Enttäuscht, weil sie jahrelang hingehalten worden sei. Verletzt, weil die Diskussion in so einer heftigen Art und Weise geführt werde. Aufs Schärfste verurteile sie Stellungnahmen, die den Umbau in Zusammenhang mit einem „späten Sieg der Nationalsozialisten“ sehen.

Im November 1938, dem Monat der Reichspogromnacht, hatte ihr Vater Heinrich Kottenstedte das Haupthaus und die im Hinterhaus befindliche Synagoge von der jüdischen Gemeinde Warendorf gekauft. „Die Auflage war, dass mein Vater das Haus so umzubauen hatte, dass es als Synagoge nicht mehr zu erkennen war.“ Der Kürschnermeister verlegte sein Pelzgeschäft in das Haus und wohnte dort. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ Kottenstedte den vorderen Teil abreißen und neu bauen. Er wohnte während dieser Zeit im Hinterhaus, in der ehemaligen Synagoge. „Es war kein Zwangsverkauf, wie der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr, behauptet“, betont Heidelies Möllmann und das könne sie auch anhand eidestattlicher Aussagen, die ihr vorlägen, beweisen. Bereits seit 1926 sei die jüdische Gemeinde auf der Suche nach einem Käufer gewesen.

Warendorf war einst die größte jüdische Gemeinde im Münsterland, Geburtsort des 2006 gestorbenen Zentralratsvorsitzenden und Ehrenbürgers der Stadt Warendorf, Paul Spiegel. Und so ist dieses unauffällige graue Giebelhaus für die jüdische Gemeinde im Münsterland ein Stück Heimat, ein Symbol für den Neuanfang nach dem Holocaust. Der Arbeitskreis Jüdisches Leben in Warendorf, die Stadt und die Altstadtfreunde haben in den vergangenen zehn Jahren darum gerungen, aus dem ehemaligen Gebetsraum im ersten Stock des Hinterhauses ein Museum zu machen. „Da hätten wir auch nichts dagegen gehabt“, räumt Heidelies Möllman ein. Es habe sogar Baupläne gegeben, wonach Museumsbesucher - ohne die Privatsphäre zu stören - in den ersten Stock des Hinterhauses hätten gelangen können. Der Idee, die Synagoge in das Dezentrale Stadtmuseum zu integrieren, habe sie positiv gegenüber gestanden. Gescheitert, so Möllmann wörtlich, sei es an dem jahrelagen Hinhalten. „Jahrelang ist nichts passiert. Immer wieder gab es Zusagen, dass für die Sanierung Fördergelder von 265 000 Euro fließen könnten. Voraussetzung: es gründet sich ein Förderverein. Es gab auch ein erstes Treffen, doch gegründet wurde der Förderverein nie.“ Im Mai 2009 habe sie dann einen Schlussstrich unter die unvollendeten Konzepte und Versprechungen gezogen. Ihre Tochter habe dann von ihrem Nutzungsrecht als Eigentümerin gebrauch gemacht und den Bauantrag gestellt.

Die jüdische Gemeinde in Münster, der Arbeitskreis NS-Gedenkstätten in NRW, die jetzt vehement gegen den Umbau der ehemaligen Synagoge ins Feld ziehen, hätten sich nie mit den Eigentümern in Verbindung gesetzt. „Wir mussten jetzt einfach handeln, damit das Haus nicht weiter verfällt“, erläutert Schwiegersohn Matthias Elpers. Die Bauarbeiten, übrigens mit der Denkmalbehörde und der Bezirksregierung abgestimmt, sind in vollem Gange. Ins Vorderhaus zieht wieder ein Textilgeschäft. Und im Hinterhaus, das komplett über die erste Etage mit dem Vorderhaus verbunden wird, werden Stefanie und Matthias Elpers wohnen. Wo früher der Gebetssaal war, wird heute ihr Schlafzimmer sein. Doch für den Umbau gibt es Auflagen: Originale Wandbemalungen bleiben unter einer Schutzmauer erhalten. Für Matthias Elpers ist der leere, lange Raum schon lange kein Gebetssaal mehr. Immer wieder sei er umgebaut, für Wohn- und Lagerzwecke genutzt worden. Heute weist nur noch ein kleiner Stern unter der Decke auf die Synagoge hin.

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