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Rückblick

Tickets bis Moskau: der neue Bahnhof als Knotenpunkt

Warendorf

Nicht jede Stadt kann sich rühmen, zwei Bahnhöfe zu haben: 1902 also vor 120 Jahren, hatte Warendorf zwei Bahnhöfe, einen, der geschlossen wurde, und einen, der neu eröffnet wurde. Wie kam es zu dieser skurrilen Situation? Mechtild Wolff, Vorsitzende des Heimatvereins, fasst die Geschichte beider Bahnhöfe in Warendorf in einem historischen Überblick zusammen – für eine Reise voller Erinnerungen bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts.

Mit einladend gedeckten Tischen begrüßte oder verabschiedete der „Neue Warendorfer Bahnhof“ die Reisenden bereits in den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Er war ein Eisenbahnknotenpunkt. Foto: Archiv Altstadtfreunde/Archiv Wolff

„Wenn meine Großmutter verreisen wollte, dann begann ihre Zugfahrt am ,Neuen Bahnhof‘. Der wurde zwar schon 1902 erbaut, aber die Tatsache, dass die Warendorfer ihren schönen ,Alten Bahnhof‘ schon nach 15 Jahren wieder aufgeben mussten, war unvergessen. Nun aber war der neue Warendorfer Bahnhof ein Eisenbahnknotenpunkt mit Rangiergleis, Verlade-Rampe, Unterführung und Lokschuppen. Man konnte nicht nur nach Münster und Rheda-Wiedenbrück fahren, sondern auch nach Freckenhorst, Westkirchen, Ennigerloh und Neubeckum. Der Bahnanschluss war auch für die kleinen Orte von entscheidender Bedeutung“, schreibt Mechtild Wolff.

Bahnanschluss für kleinere Orte

So konnten die Freckenhorster Webereien die fertigen Stoffballen direkt zum Bahnhof in Freckenhorst bringen und Rohstoffe dort abholen. Geschäftliche Auslandsbeziehungen bestanden schon lange. Die Firma Kreimer in Freckenhorst exportierte schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bis nach Amerika, die Firma Breede lieferte nach Shanghai und auch die Warendorfer Weberei Brinkhaus hatte viele Kunden im Ausland. Sperriges Gut wurde von der Landmaschinenfabrik Hagedorn, der Eisengießerei Amsbeck und der Firma Bruch direkt am Güterbahnhof angeliefert und abgeholt. Das neue Warendorfer Bahnhofsgebäude war gut ausgestattet mit einer Schalterhalle und einer Gaststätte. Hier kauften Reisende ihre Fahrkarte am Fahrkartenschalter.

Der Zug fährt ab. Foto: Archiv Altstadtfreunde/Archiv Wolff

Hinter der Glasscheibe mit dem Sprechfenster verkauften die Bahnbeamten Friedel Niemeyer und Paul Perdun bei Bedarf Fahrkarten sogar bis nach Moskau, aber auch Bahnsteigkarten für zehn Pfennig, denn einfach auf den Bahnsteig gehen durfte damals niemand. Bei Ankunft des Zuges suchten die Reisenden sich eiligst ein noch nicht so belegtes Abteil in der „Holzklasse“, denn hier saß man auf ziemlich harten Holzbänken. Die 1. Klasse mit den gepolsterten Sitzen leisteten sich nur sehr wenige Reisende. Der letzte Waggon des Zuges war immer der Postwagen. Sobald der Zug ankam, wurden Briefe, Päckchen und Pakete aus dem Postwaggon in den hölzernen Warendorfer Postkarren umgeladen, und die ausgehende Post wurde in den Zug eingeladen.

Fahrt mit dem Pängel-Anton

Die Fahrt mit dem „Pängel-Anton“ war immer ein Vergnügen. Seinen Namen hatte er wegen des dauernden Pängelns und Pfeifens auf der Strecke, denn immer wenn am Trassenrand ein weißes Schild mit einem schwarzen P (Pfeifen) erschien, musste der Lokführer das Fußpedal betätigen und ein markerschütternder Pfiff ertönte und warnte alle, die sich an einem der zahllosen Bahnübergänge befanden. Für die 26 Kilometer bis Münster brauchte der Zug damals 85 Minuten, denn er fuhr höchstens 25 Stundenkilometer und musste an vielen Bahnhöfen anhalten, am Klauenberg, in Raestrup, Telgte, Jägerhaus, Handorf und Mauritz und erst dann erreichte der Zug den Hauptbahnhof in Münster. Heute fährt der Zug in 33 Minuten nach Münster und stoppt aber nur noch in Telgte und am neuen Haltepunkt Müssingen.

Der Bahnhof brennt! So ging es am 13. Januar 1995 wie ein Lauffeuer durch Warendorf. Hunderte Schaulustige beobachteten wie ihr kompletter Bahnhof ein Raub der Flammen wurde. Die Brandursache wurde nie gänzlich geklärt, man geht aber von Brandstiftung in einer Halle des Güterbahnhofs aus.

Der Brandschaden war so groß, dass der gesamte Bahnhof abgerissen werden musste. Nun gab es nur noch einen Fahrplanaushang und den Fahrkartenautomaten auf Bahnsteig. Am Kiosk von Frau Kirscht gab es aber noch Zeitung und Brötchen.

Neuer Bahnhof gefordert

„Viele Jahre lang forderten die Bürger: Warendorf braucht einen neuen Bahnhof! Die Deutsche Bundesbahn wollte wohl den Warendorfer Bahnhof in das ,100 Bahnhöfe-Programm‘ aufnehmen, das aber nur den Bau eines Bahnhofs, nicht aber eines Bahnhofsgebäudes beinhaltete“, schreibt Wolff und erläutert das. Das Bahnhofsgelände sollte verkauft werden.

Friedel Niemeyer und Paul Perdun im Schalterraum Foto: Archiv Altstadtfreunde/Archiv Wollff

Die Stadt Warendorf suchte noch eine Lösung, als die Bahn im Januar 2000 Fakten schaffte und das Bahnhofsgelände an die h&w Immobilien aus Harsewinkel verkaufte. Die planten auf dem Gelände ein Geschäfts- und Bürogebäude, oder auch ein Ärztezentrum.

Am 14. Dezember 2003 wurde dann der „neue Bahnhof“ eingeweiht. Er bestand aus einem Bahnsteig, einer Unterführung, einem Fahrradparkhaus, einem Parkplatz und einem großen Bahnhofsvorplatz. Da ein Aufzug für die Unterführung zu teuer und vor allem zu störanfällig geworden wäre, wurde ein zweiter Zugang an der Zumlohstraße gebaut. So waren beide Geleise plangleich erreichbar.

Die „Nordwestbahn“ trat die Nachfolge der Deutschen Bahn an und präsentierte der staunenden Bevölkerung einen eleganten, modernen Zug, ausgestattet mit gepolsterten Sitzen mit Kopfhöreranschlüssen, Fahrkartenautomaten in den Abteilen und großzügigen Fahrradplätzen. Ja, man konnte sich sogar für 50 Cent an Getränkeautomaten heißen Kaffee und Tomaten- oder Spargelsuppe kaufen. Fast geräuschlos schnurrte der Zug Richtung Münster – eine neue Ära. Der Güterverkehr wurde allerdings ganz eingestellt.

Der Bahnhofsvorplatz wurde mit vielen Lampen und einer Arkaden-Baumallee gestaltet, geplant vom Warendorfer Architektur-Büro Klein/Riesenbeck. Das Bahnhofsgebäude aber wurde zu einer unendlichen Geschichte. 2003 musste die Immobilien­firma h&w Konkurs anmelden und auch all die nachfolgenden Investoren kamen zu dem Schluss: Ein Bürogebäude am Bahnhof rechnet sich nicht. Noch heute befindet sich neben dem Bahnsteig eine Rasenfläche.

Der Bahnhof in Warendorf brennt. Foto: Archiv Altstadtfreunde/Archiv Wolff

„Auf den Bahnhofsvorplatz wurde 2009 nach der Auslobung des Wettbewerbs „Kunst am Bahnhof“ das Skulpturenensemble „Urbanes Baumzeichen“ des Beckumer Künstlers Ulrich Möckel aufgestellt – enttäuscht waren die Künstler vor Ort, dass sie keinen Beitrag leisten durften“, fasst Mechthild Wolff zusammen.

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