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Serie „Traditionsgaststätten in Warendorf“

Von Töttchen und Huildöppken

Warendorf

Das pikante Ragout mit dem schönen Münsterländer Namen „Töttchen“ galt in früherer Zeit als „Arme-Leute-Essen“. Die ehemalige Wirtin Maria Schulze Johann erinnert sich noch gerne an die Zeit, als das „Töttchen“ ihres Mannes sich unter den Gästen großer Beliebtheit erfreute.

Von Marion Bulla

Ein altes Bild vom Hotel Johann mit Blick auf die Emsstraße. Links das Restaurant Wilhelm Gröne.Mechthild und Maria Schulze Johann schauen sich alte Bilder ihrer Traditionsgaststätte Gröne-Johann an. Töttchen (Bild l.) ist jetzt ein beliebtes Gericht. Foto: Bulla/Heimatverein

Wirtshäuser sind ein Zeichen der Zivilisation. Sie existieren seit Hunderten von Jahren. So natürlich auch

in Warendorf. Eines der ältesten Häuser am Ort ist das heutige Hotel Johann an der Emsstraße 15. Es geht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Laut alter Urkunden ist das Haus seit 1825 in Besitz der Familie Johann.

Bis 1967 war es eine Gaststätte und Restaurant, und erst ab dem Jahr wurde der Betrieb auch als Hotel genutzt. Im Februar 1991 musste das Restaurant aus persönlichen Gründen aufgegeben werden. Heute fungiert der Betrieb nur noch als Hotel. 22 Zimmer auf drei Häuser verteilt finden sich hier.

Damals war eine andere Zeit

„Damals war einfach eine andere Zeit. Sonntags mittags war es hier immer brechend voll“, erinnert die ehemalige Wirtin Maria Schulze Johann sich. Auch daran, dass die Töttchen ihres Mannes Rainer in der ganzen Gegend als besonders gut bekannt gewesen seien, erinnert sie sich. Ganz früher sei das pikante Ragout ein „Arme-Leute-Essen“ gewesen, weil all das, was beim Schlachten übrig blieb, darin verarbeitet wurde. Ursprünglich wurden Töttchen etwa aus Kalbskopf, -lunge und -herz zubereitet.

Maria Schulze Johann war gerne Wirtin. „Das hat mir einfach Spaß gemacht, sonst hätte ich sicher nicht noch mit 75 Jahren hinter dem Tresen gestanden“, sagt die heute 82-Jährige. Ganz früher sei das Restaurant noch unter dem Namen Gröne-Johann geführt worden, nach Regina Gröne, der damaligen Inhabertochter, die 1934 Heinrich Schulze Johann heiratete.

„Altdeutsche Bierstube Paul Buller“

Die „Altdeutsche Bierstuben Paul Buller“, ein Gasthaus Buller, das damals in der Nachbarschaft des Hotels Johann beheimatet war, gibt es nicht mehr. Heute befindet sich dort das Restaurant „Le Feu“. Aber damals war es ein ebenso traditionsreiches Haus. 1893 gründete der Glandorfer Paul Buller dort einen Lebensmittelhandel. Die Branche sorgte zu der Zeit schon für ein reges Handeltreiben ,und da machte es durchaus Sinn, in eben jenem Geschäft auch eine Gaststätte zu betreiben.

Mechthild und Maria Schulze Johann Foto: Foto: Marion Bulla

Auch in diesem Lokal gab es Töttchen, wie Mechthild Wolff vom Heimatverein Warendorf aus alten Aufzeichnungen heraus berichten kann. Es sei damals gang und gäbe gewesen, dass die Bauern am Fettmarkt-Mittwoch aus der weiten Umgebung nach Warendorf kamen. Zumeist mit Pferd und Wagen. Der erste Gang habe die Männer in eine Gastwirtschaft mit Ausspann-Gelegenheit geführt, um die Pferde unterzustellen und sich selbst zu stärken.

Beste Unterlage für einen ausgiebigen Rundgang

Was gab es da Besseres als ein Töttchen, denn das war die wohl beste Unterlage für den ausgiebigen Rundgang über den Viehmarkt, wo jeder Handel mit einem Schnaps besiegelt wurde.

Früher wurde viel mehr Schnaps als Bier getrunken, weiß die kundige Warendorferin. Der Legende nach erzählte Gastronom Kalli Buller einmal: „Bei uns in der Gaststätte Buller an der Emsstraße lagerte immer ein 200-Liter-Fass Schnaps im Keller. Und man glaubte nicht, wie schnell das leer war. Der Schnaps wurde in Huildöppkes ausgeschenkt, die 250 Milliliter fassten. Das war schon ein ordentlicher Schluck.“

Den gönnten sich die Bauern auch Sonntagmorgens, wenn sie zur Kirche gingen. Waren die Pferde ausgespannt, bestellte man sich so ein Huildöppken. Das wurde vor der Messe halb ausgetrunken, die zweite Hälfte gab es dann im Anschluss an die Messe.

Es soll nicht selten vorgekommen sein, dass sich jemand während der Predigt aus der Kirche schlich, um nach seinem Schnaps zu gucken und ein wenig zu kosten.

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