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Weihnachten im Frauenhaus

Wenn Mut und Würde zurückkehren

Warendorf

„Wenn alle Betten belegt sind, hat es sich mit der Zuflucht erledigt – da ist kein Platz in der Herberge“, sagt Anneli Krieter vom Warendorfer Frauenhaus. Und dann müssen die Mitarbeiterinnen oft improvisieren. Wenn das nicht mehr geht, dann vermitteln sie die Frauen in andere Frauenhäuser, sogar in andere Bundesländer – wenn das denn geht. Das fällt den Mitarbeiterinnen oft schwer, weil sie dann nicht genau wissen, wo die Frauen landen und ob sie dort sicher sind. Weihnachten im Warendorfer Frauenhaus.

Joachim Edler

Weihnachten im Frauenhaus wohnen zu müssen, ist für Kinder eine harte Zeit, fernab ihres eigentlichen familiären Umfeldes. Foto: dpa

Weihnachten im Frauenhaus wohnen zu müssen, ist für Kinder eine harte Zeit, fernab ihres eigentlichen familiären Umfeldes. „Weihnachten ist mit vielen Erwartungen überfrachtet, und wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, dann gibt es Krach“, weiß Anneli Krieter vom Warendorfer Frauenhaus. Im Frauenhaus in Warendorf stehen 20 Plätze für Frauen und Kinder zur Verfügung. Im November lag die Auslastung bei 100 Prozent. Zu viel für eine Zufluchtsstätte.

„Wenn alle Betten belegt sind, hat es sich mit der Zuflucht erledigt – da ist kein Platz in der Herberge“, sagt Anneli Krieter. Und dann müssen die Mitarbeiterinnen oft improvisieren. Wenn das nicht mehr geht, dann vermitteln sie die Frauen in andere Frauenhäuser, sogar in andere Bundesländer – wenn das denn geht. Das fällt den Mitarbeiterinnen oft schwer, weil sie dann nicht genau wissen, wo die Frauen landen und ob sie dort sicher sind. Frauen, die Angst vor Gewalt haben oder sogar um ihr Leben fürchten, verlassen ihr Zuhause meist überstürzt und können nur das Nötigste mitnehmen. In vielen Fällen haben sie auch ihre Kinder dabei.

„Jetzt gerade leert sich das Haus ein wenig“, schreibt Anneli Krieter in ihrer Weihnachtspost an unsere Redaktion weiter. „Vor Weihnachten freuen sich die Frauen, die eine Wohnung gefunden haben, und setzen alles daran, zum Fest auf dem eigenen Sofa zu sitzen oder unter dem eigenen Tannenbaum. Manche Frauenhausbewohnerinnen können auch Verwandte oder Freundinnen besuchen, aber den meisten sind diese Kontakte versperrt – nicht wegen Corona, sondern wegen der Sorge, dort vom Gefährder gefunden zu werden.“

Was den Mitarbeiterinnen erst jetzt in Corona-Zeiten aufgefallen ist: auf Abstand gehen, Reisen reduzieren, Aufenthalte an öffentlich besuchten Orten, zum Beispiel Bahnhöfen, vermeiden, Verwandtenbesuche einschränken oder ganz sein lassen – das hört sich an wie Corona-Regeln. Tatsächlich sind es aber für die meisten der Bewohnerinnen immer lebensnotwendige Alltagsregeln, wenn sie sich von einem gewalttätigen Mann getrennt haben und weiterhin bedroht sind.

Weihnachten als das Fest der Liebe und des Friedens – für manche Bewohnerinnen des Frauenhauses ist das zum ersten Mal möglich. Wo vorher Gewalt herrschte, gibt es nun neben dem Leid auch Hoffnung, Ruhe und Erleichterung. Doch aufgrund von Corona ist dieses Jahr alles anders im Frauenhaus: Normalerweise gibt es regelmäßige Gruppentreffen, mit aktuellen und ehemaligen Bewohnerinnen. Es werden Plätzchen und Bratäpfel gebacken. Die Frauen tauschen sich über die verschiedenen religiösen und nichtreligiösen Bräuche und Feste aus anderen Ländern aus – sie lernen voneinander. Normalerweise wird gemeinsam das Haus geschmückt, man sitzt zusammen und trinkt jede Menge Kaffee. Normalerweise wäre es eine schöne, stimmungsvolle Weihnachtsfeier mit gutem Essen, Liedern und einer Geschenktombola. Statt dessen: kurze Treffen – mit Abstand – auf dem Hof. Die Deko im Haus ist verteilt. Die gemeinsame Feier mit den Mitarbeiterinnen fällt aus, zu viele Personen aus zu vielen Haushalten. Anneli Krieter: „Normalerweise würden wir mit unserem Förderverein „Rettungsring“ auf den Weihnachtsmärkten in Warendorf und Freckenhorst stehen und Wundertüten verkaufen. Oder bei Murrenhoff Waffeln backen. Wir sind sehr froh, dass vielen Menschen unser Angebot fehlt und sie uns Geld gespendet haben. Dafür bedanken wir uns ganz herzlich bei Einzelpersonen, Vereinen und Gemeinden.“ Und so wird es auch in diesem Jahr Geschenke für alle im Frauenhaus geben. Es seien aber auch die kleinen Gesten, die gerade jetzt so wichtig sind: wenn eine Bewohnerin sich beim Kleinen Prinzen Einrichtungsgegenstände abholen darf und dort nicht als Spendenempfängerin, sondern wie ein willkommener Gast begrüßt wird. „Das gibt Mut, und das gibt Würde zurück, wo sie oft verletzt worden ist.“ Auch das stimmt die Mitarbeiterin des Frauenhauses zuversichtlich: „Wenn Vermieter eine Wohnung anbieten – nicht, obwohl eine Frau im Frauenhaus wohnt, sondern gerade weil sie dort wohnt.“

Rettungsring Förderverein Frauenhaus, Spenden Volksbank eG, IBAN DE 46 412 625 01 3417 01 04 00.

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