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Corona macht Sportvereinen zu schaffen

„Wir müssen uns breiter aufstellen“

Warendorf

Die Corona-Pandemie hat Deutschland weiter im Griff und sorgt für Einschränkungen. Das trifft auch die Sportvereine der Stadt und der Ortsteile sehr hart. Der Stadtsportverband setzt darauf, dass die 33 Vereine verstärkt zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen finden.

Von Ulrich Lieber

Machen sich Gedanken um die Zukunft der Sportvereine in der Stadt Warendorf (v.l.): Christoph Schmitz (Vorsitzender der WSU), Hermann-Josef Becker (Geschäftsführer des Stadtsportverbandes) und Peter Huerkamp (Vorsitzender des Stadtsportverbandes). Foto: Ulrich Lieber

Die meisten Menschen können das Thema nicht mehr hören. Doch die Corona-Zeit hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Die Langzeitfolgen sind noch gar nicht absehbar, und die Sportvereine kämpfen darum, ihre Strukturen und das Vereinsleben aufrechtzuerhalten. In einem Pressegespräch – alle Teilnehmer waren selbstverständlich geimpft und getestet – beleuchten Peter Huerkamp, Vorsitzender des Stadtsportverbandes, Hermann-Josef Becker, Geschäftsführer des Stadtsportverbandes sowie Sportwart der WSU, und Christoph Schmitz, Beisitzer im Stadtsportverband und Vorsitzender der WSU, die Lage der Sportvereine. Peter Huerkamp hatte zudem im Vorfeld schriftliche Statements von anderen Vereinen eingeholt.

Christoph Schmitz

„Das erste Jahr der Pandemie war schlimmer, weil im zweiten Jahr mehr gemacht werden konnte“, sagt Christoph Schmitz. Die Trainer und Sportler hätten sich an die Regeln gehalten. Zudem habe es viele Online-Angebote gegeben. „Sogar im Reha-Sport gab es zwei Online-Kurse, und das hat gut funktioniert.“ Viele Abteilungen hätten ihren Mitgliedern Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben. Aber nicht alle WSU-Abteilungen kamen bislang gut durch die Pandemie: „Der Schwimmsport hat am meisten gelitten, weil es wenig Zeiten in der Halle gab.“ Hier gab es aufgrund der fehlenden Angebote doch einige Austritte.

Der Mitgliederschwund hält sich zum Glück bei fast allen Warendorfer Vereinen noch in Grenzen. „Es gab kaum Austritte, und auch die meisten Übungsleiter blieben bei der Stange“, teilt Heinz Hanewinkel vom TuS Freckenhorst mit. Aber wie lange wird das gut gehen? „Wenn ich eine Pandemie habe und nicht weiß, wie lange das dauert, dann wird es schwierig, die Mitglieder bei der Stange zu halten. Irgendwann fehlen die Argumente“, befürchtet Hermann-Josef Becker.

Die Warendorfer Sportunion ist in dieser Hinsicht bislang noch gut durch die Corona-Krise gekommen. „Die WSU hat den Vorteil, dass sie ein großer Mehrspartenverein ist. Kleine Vereine haben da eher Verluste“, sagt Peter Huerkamp. „Unser Gefühl ist, dass die Treue zur WSU dazu führt, dass es wenig Austritte gibt“, ergänzt Becker. Dennoch befürchtet er, dass es auf Dauer schwierig werden kann, wenn sich die Lage nicht normalisiert. Der SC Hoetmar hat sogar einen leichten Mitgliederzuwachs, bedingt durch Fußballnachwuchs und neuen Kunstrasenplatz. „Aber der Breitensport leidet, und auch Volleyball und Tischtennis sind hart betroffen“, bilanziert Brinkmann.

Dirk Strotbaum

Das Problem liegt bislang aber weniger im Mitgliederschwund. „Die Herausforderung besteht darin, neue Mitglieder zu gewinnen – das ist aktuell bei eingeschränkten Angeboten schwierig“, erklärt Dirk Strotbaum, Vorsitzender der DJK Rot-Weiß Milte.

Große Sorgen bereitet aber allen, dass die fehlende Bewegung sich irgendwann auf die Gesundheit niederschlagen wird. „Was viel schwerer wiegt ist, dass insbesondere die Kinder und Jugendlichen nicht automatisch wieder zum Sport zurückkehren. Viele haben sich in der häuslichen Situation eingerichtet und zocken nun lieber in ihren eigenen vier Wänden, als in Gemeinschaft Sport zu treiben“, befürchtet Thomas Böckenholt, Vorsitzender des SC Müssingen.

„Wenn die Eltern sportlich aktiv sind, werden auch die Kinder nachziehen. Wenn nicht, kann es sein, dass wir die Kinder verlieren“, weist Hermann-Josef Becker auf die Vorbildfunktion der Eltern hin. „Diese Kinder und Jugendlichen zurückzugewinnen und natürlich auch die nächste Kindergartengeneration und deren Eltern für Sport im Verein zu begeistern, wird eine Mammutaufgabe für die nächsten Jahre. Das ist nicht in einigen Wochen und Monaten aufgeholt“, weiß Thomas Böckenholt.

Das gilt aber nicht nur für die Jugend, sondern auch für den Breitensport. „Wir haben 18 Rehasportkurse mit älteren Semestern. Es ist extrem wichtig, dass die dabei bleiben. Wenn die länger raus sind, wird es schwierig, sie wieder zurückzugewinnen“, bemerkt Christoph Schmitz.

Christoph Schmitz

Eine weitere Sorge der Vereine betrifft das Ehrenamt. „Übungsleiter, die über 60 sind, brechen uns weg. Die machen plötzlich was anderes“, berichtet Christoph Schmitz. Gerade im Seniorenbereich und im Breitensport gebe es Verluste. „Die merken, dass es ja auch ohne Sport ganz bequem ist.“ Darum sei es wichtig, das Ehrenamt zu attraktivieren – sowohl bei den Übungsleitern als auch bei den Vorstandsposten. „Ein Verein, wie der TuS Freckenhorst lebt vor allem durch das Ehrenamt“, weiß auch Heinz Hanewinkel, dass letztlich ohne die freiwilligen Helferinnen und Helfer nirgendwo etwas läuft.

Der SC Hoetmar überlegt darum, einen Ehrenamtsmanager innerhalb des Vereins zu implementieren. „Das wäre eine Lösung für die Neugewinnung von ehrenamtlich Tätigen“, glaubt der Vorsitzende Heinz Brinkmann.

Gerade in kleineren Orten hat der Sportverein zudem nicht nur die Funktion, für die Fitness der Mitglieder zu sorgen. „Im dörflichen Leben nimmt der Sportverein eine unfassbar wichtige Rolle im Bereich der Sozialkontakte ein. Hier begegnen sich die Menschen und reden miteinander“, weiß Peter Huerkamp, der selbst beim SC Hoetmar aktiv ist.

Während in vielen Abteilungen aufgrund größter Anstrengungen der Sportbetrieb einigermaßen aufrecht erhalten werden kann, liegt der soziale Bereich ziemlich brach. „Die größte Herausforderung während der Pandemie sehe ich darin, das grundsätzliche Vereinsleben eines Sportvereins aufrecht zu erhalten“, bestätigt Dirk Strotbaum. Aktivitäten, die einen Dorfverein ausmachen, wie beispielsweise ein Aufräumtag am Sportplatz oder eine gemeinsame gesellige Veranstaltung zur Stärkung des Vereinslebens fallen weg. „Selbst das Bierchen nach dem Training bleibt meistens auf der Strecke“, bedauert Strotbaum.

Hermann-Josef Becker

Die Vereine selbst haben dabei schon viel unternommen, um ihre Mitglieder zu halten. So haben die Warendorfer SU und der TuS Freckenhorst im dritten Quartal 2020 auf den Einzug der Beiträge verzichtet. „Damit sind uns für die WSU 90 000 Euro an Einnahmen weggebrochen“, berichtet Hermann-Josef Becker. Weitere Einnahmeverluste habe es durch den Ausfall des Emsseelaufes gegeben, denn hier fielen die Startgelder aus. „Der Schwimmverein musste nun schon zum dritten Mal das Pokalschwimmen absagen. Zudem bringt auch die Hallenkreismeisterschaft im Fußball immer Geld ein, aber auch die musste abgesagt werden“, sagt Schmitz.

„Die Pandemie bringt unseren Verein wirtschaftlich in Gefahr“, sagt Andreas Steinkat, Vorsitzender des Boxclubs. Internationale Wettkämpfe seien mit langen und teuren Fahrten verbunden. Darum sei es wichtig, dass durch die Zuschauer auch Einnahmen generiert werden können.

Peter Huerkamp

Um über die Krise zu kommen, hat die WSU unter anderem Online-Workouts, sogar im Rehasport, Kibaz „at home“, eine Tütenpackaktion für 400 U6-Kinder mit Bewegungsspielen und sogar Senioren-Impffahrten zum Impfzentrum angeboten. „Die Schwimmabteilung hat ihren Mitgliedern Handtücher geschenkt“, berichtet Schmitz. Doch auf lange Sicht reichen diese Dinge nicht aus. „Die Vielfalt der Sportarten im Verein muss erhöht werden, denn die klassischen Sportarten reichen nicht mehr aus.“

„Wir müssen uns breiter aufstellen. Man kann sich auch Outdoor einiges einfallen lassen, und wir müssen die Dinge nutzen, die draußen zugänglich sind. Sogar die Badminton-Abteilung ist nach draußen gegangen. Wir müssen kreativ werden“, fordert Peter Huerkamp. Die Vereine beweisen diese Kreativität und lassen sich immer wieder tolle Sachen einfallen. Die erste Fußballmannschaft des TuS Freckenhorst bot zum Beispiel zu Beginn der Krise an, Inhabern von Jahreskarten, die nicht in der Lage waren, ihre Einkäufe zu tätigen, die Lebensmittel nach Hause zu liefern. Der Boxclub lädt ganz aktuell am heutigen Samstag (15. Januar, 15 Uhr) zu einer Impfaktion ein. „Das ist eine klasse Sache und bringt eine Verbindung zum Boxsport“, lobt Huerkamp die Boxer.

Wie geht es nun in den Vereinen weiter, und welche Perspektiven haben sie? „Wie die 2G-Plus-Regel sich auf den Sportbetrieb auswirkt, kann ich noch nicht sagen – grundsätzlich ist dies eine weitere Hürde für uns als Vereine“, befürchtet Dirk Strotbaum. Trotzdem seien Aktivitäten für 2022 geplant, in der Hoffnung, dass das Ferienlager und das Straßenfußballturnier stattfinden können.

Thomas Böckenholt wünscht sich Veränderungen: „Die Pandemie hat uns gezeigt, dass in solchen Situationen auch frei zugängliche Bewegungsangebote in der Stadt Warendorf und in den Ortsteilen vorgehalten werden müssen. Vielleicht ist hier ein Umdenken in der Vereinsarbeit notwendig – weg von umzäunten Vereinsgeländen, die nur betreten darf, wer zum Vereinstraining kommt und, zumindest zum Teil, hin zu offenen Bewegungsangeboten für alle Altersgruppen, die von den Vereinen betreut und wo Ein- und Unterweisungen angeboten und durchgeführt werden.“

Heinz Brinkmann

Aber die Pandemie hat auch gezeigt, dass die Vereinsgrenzen fallen. „Was ich total positiv finde, ist die Tatsache, dass die Dämme brechen und wir mehr aufeinander zugehen. Das ist eine unserer Hauptaufgaben als Stadtsportverband, dass wir alle Vereine zusammenbringen“, hat Peter Huerkamp klare Vorstellungen. Schließlich sind 33 Vereine mit über 12 000 Mitgliedern hier miteinander verbunden. Dem stimmt Heinz Brinkmann zu: „Auf jeden Fall ist ein Austausch zwischen den Sportvereinen in der Stadt wichtig. Hier geht es auch um gemeinsame Veranstaltungen, um sich besser kennenzulernen.“

„Ich sehe ein Ende der Pandemie nur darin, dass sich alle impfen lassen und zwar ausnahmslos. Das ist Bürgerpflicht“, appelliert Hermann-Josef Becker an alle Ungeimpften. Christoph Schmitz ist optimistisch, dass im Laufe des Jahres die Normalität zurückkehrt. „Vielleicht ein wenig eingeschränkt, aber ich bin zuversichtlich, dass wir eine Großveranstaltung austragen können.“ Damit meint er vor allem das 50-jährige Bestehen der WSU, das im Sommer ansteht. „Wir planen mit 15 Leuten schon seit März für das Jubiläum“, hofft auch Becker darauf, dass alles wie gewünscht stattfinden kann. „Die Basis ist das Impfen, das gibt uns die Freiheit für den Sport. Ich finde es super, dass in dieser Stadt so viele Ehrenamtliche kreativ sind und bin mir sicher, dass wir die Pandemie überstehen werden“, ist auch Hue­rkamp zuversichtlich.

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