1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Kreis-warendorf
  6. >
  7. „Wir waren den Tränen nahe“

  8. >

Einsatz im Hochwassergebiet

„Wir waren den Tränen nahe“

Kreis Warendorf

Was drei Unternehmer aus dem Kreis im Ahrtal sahen, vergessen sie nie. Man komme als andere Mensch zurück, sagen sie.

Von Angelika Knöpker

Viel zu tun beim Einsatz in den Hochwassergebieten: Das Treckergespann der Firma Vellerner Agrarservice ist in Ahrweiler im Einsatz (l.). Erschöpft wieder zu Hause waren Matthias Tönnissen, Tom Tönnissen, Aike Schweppenstedde und Patrick Wesemann. Auch der Bagger der Firma Erdgeschehen und Lkw der Firma Paul Horstmann. Foto: privat

„Die schlimmsten Fernsehbilder über die Flutkatastrophe geben nicht das wieder, was wir gesehen und vor Ort erlebt haben.“ Noch ganz unter dem Eindruck ihres ehrenamtlichen Einsatzes im Hochwassergebiet stehen Matthias Tönnissen (Vellerner Agrarservice), Aike Schweppenstedde (Garten-und Landschaftsbau Lippetal) und Patrick Wesemann (Gartenbau Horstmann, Ennigerloh).

Vier Tage nach den Ereignissen hatte Matthias Tönnissen am Sonntagmorgen am Frühstückstisch Videos aus dem Ahrtal mit all den Zerstörungen gesehen. Für den Geschäftsführer und Lohnunternehmer gab es kein Halten mehr. „Ich muss da runter“, ist es ihm durch den Kopf geschossen und hat ihn sein Schleppergespann startklar machen lassen.

Matthias Tönnissen

„Wer kann helfen und Fahrzeuge zur Verfügung stellen?“, fragte er in die WhatsApp-Gruppe der Landschaftsverbindung und fand bei Patrick Wesemann und Aike Schweppenstedde spontane Unterstützung. „Wir hatten keinen Plan“, geben sie zu. „Einfach los“ habe es am Sonntagnachmittag geheißen.

Nach siebenstündiger Fahrt sei der Trupp am Zielort angekommen. „Unvorstellbar, was wir dort gesehen haben“, schildern sie ihre Erfahrungen. Es habe niemanden gegeben, der die Räumungsarbeiten koordinierte. „Wir haben einfach angepackt und Berge von Müll und Schrott auf die Deponie gebracht, die ganze Nacht hindurch“, erinnert sich Schweppenstedde.

Einfach helfen - bis zur Erschöpfung

Erst im Morgengrauen sei es zurückgegangen, weil die Arbeit in der Firma rief. Doch bei dem Einsatz blieb es nicht. „Wir waren den Tränen nahe und für uns stand die Wiederholung schon fest“, fasst Patrick Wesemann seine Eindrücke zusammen. Eigene Mitarbeiter wurden trotz dringender Erntetätigkeiten für den Einsatz abgestellt, auch der 18-jährige Sohn Tom der Familie Tönnissen setzte sich auf einen Trecker und fuhr los. Achteinhalb Stunden benötigte er für die Rückfahrt am nächsten Tag. „Ich habe in der aufgehenden Sonne nur noch die Müllberge gesehen“, so erschöpft war der Auszubildende der Landwirtschaft. Ein dickes Lob zollt Vater Matthias der Raiffeisengenossenschaft, die den Helfern Sprit kostenlos zur Verfügung stellte.

Vor Ort galt es, das unbeschreibliche Leid der Menschen mitansehen zu müssen und die Häuser vom Schlamm zu befreien. Keine leichte Aufgabe. Holzsärge vor einigen Kellerfenstern und der Tod einer fünfköpfigen Familie, die in einer Tiefgarage von den Fluten überrascht worden war, schockierten das Team.

Auf der anderen Seite erlebte es nach den Wellen der Flut eine Welle der Hilfsbereitschaft, von Organisationen, aber auch von Einwohnern, die die Helfer mit Getränken und Essen versorgten. „Diese Gemeinschaft und Solidarität war ein unglaubliches Gefühl und hat viele Energien frei gesetzt“, sagt Matthias Tönnissen.

Tönnissen über das Leid der Menschen

Als Patrick Wesemann einen im Schlamm weggerutschten Lastwagen geborgen hatte, war die Polizei zur Stelle, die Wasserwerfer einsetzte, um die Straße befahrbar zu machen. Der Slogan „Freund und Helfer“ habe sich auch dadurch bewahrheitet, dass die Blauröcke alle fünf Minuten durch die Straßen fuhren, um die Häuser vor Plünderungen zu schützen. Beeindruckend war auch der Pendel-Verkehr mit Bussen, aus denen in regelmäßigen Abständen 80 Menschen mit Schaufel und Eimer ausstiegen, um zu helfen.

Lader und Trecker wurden dauerhaft im Krisengebiet deponiert und von Mitarbeitern gefahren – bis zur Erschöpfung. „Man kommt als anderer Mensch wieder“, beschreibt Matthias Tönnissen das Erlebte, weiß seine Sicherheit, seinen Betrieb, die Familie und die Tiere zu schätzen. „In Ahrweiler haben viele alles verloren, auch ihre vierbeinigen Freunde, die Kreisjägerschaft hat mit Drohnen das Gebiet nach Kadavern abgesucht.“

Eine düstere Erfahrung war für die Helfer auch, dass es im Hochwassergebiet kein Grün mehr gibt. Alles nur grauer Schlamm und Steinwüste. Einige Wochen später ist das Gröbste beseitigt, aber zurück bleiben verzweifelte Menschen, deren Existenz von einer zur anderen Minute vernichtet worden ist. Zwei Menschen waren offenbar so verzweifelt, dass sie sich das Leben nahmen.

Für die engagierten Landwirte geht die Hilfe auf jeden Fall weiter. 

Startseite