1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Kultur-regional
  6. >
  7. Engel zwischen Furcht und Freude

  8. >

Krippenausstellung des Diözesanmuseums Osnabrück beleuchtet himmlische Boten

Engel zwischen Furcht und Freude

Osnabrück

Engel als himmlische Boten stehen diesmal im Zentrum der traditionsreichen Osnabrücker Krippenausstellung im Diözesanmuseum. Neben den Engeln der Sonderausstellung sind in der Dauerausstellung des Museums mit detektivischem Spürsinn über 120 weitere Engelsdarstellungen zu entdecken. Ein Rundgang in der Weihnachtszeit lohnt sich.

Von Hermann Queckenstedt

Aus dem Firstbalken eines alten emsländischen Bauernhauses schnitzte Willi Witte eine Weihnachtskrippe in zwei Blöcken. Für den langjährigen Vorsitzenden des Vereins der Krippenfreunde Osnabrück-Emsland, Prof. Dr. Gerhard Lohmeier (Foto), markiert dieses Werk einen Höhepunkt in seiner aktuellen und zugleich letzten großen Weihnachtsausstellung.Auch die historischen und teilweise transparenten Bilderbögen greifen in der Osnabrücker Krippenausstellung das Thema „Engel“ auf.

Mit expressivem Gestus entfaltet der Engel über dem Krippenstall sein Spruchband: „Ehre sei Gott in der Höhe“ ist dort in Sütterlinlettern zu lesen. Beinahe fließend überträgt sich die anmutige Freude des himmlischen Verkünders auf die Betrachter jener ausdrucksstarken „Niedersachsenkrippe“, die der Osnabrücker Bildhauer Ludwig Nolde 1928 geschaffen hat.

Wie eng Freud und Leid im Werk Noldes beieinanderliegen, kann der Besucher des Diözesanmuseums Osnabrück vier Räume weiter erkunden: Mit erschüttertem, beinahe hoffnungslosem Blick reicht ein lebensgroßer Engel Christus am Ölberg jenen bitteren Kelch, der für den einst kindlich-weihnachtlichen Erlöser am Karfreitag den Tod am Kreuz bedeuten wird. „Ölbergaltar“ hat der Künstler sein Werk betitelt, das er 1923 als Ort des „Kriegergedenkens“ für die katholische Pfarrkirche in Freren im Emsland schuf und das Leid, Trauer, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit der Witwen und Waisen des Ersten Weltkriegs spiegelt.

Beim Gang durch die weihnachtliche Sonderausstellung „Engel – Überbringer der frohen Botschaft“ sowie die umrahmende Dauerpräsentation markieren die beiden Werke Ludwig Noldes jenes Spannungsfeld zwischen Hoffen und Bangen, das das Jahr 2022 in besonderer Weise prägte: hier die Friedens- und Freiheitssehnsucht vieler Menschen und dort weltweite Gewaltexzesse nicht zuletzt im Ukrainekrieg, der gerade die Europäer drastisch mit der Zerbrechlichkeit liebgewonnener Gewiss- und Sicherheiten konfrontiert.

Auch historische und teilweise transparente Papierkrippen zählen zur Ausstellung. Foto: HERMANN PENTERMANN

Gleichwohl nimmt die weihnachtliche Engelausstellung vor allem jene Friedens-, Jubel- und Hoffnungsgesänge in den Blick, die die himmlischen Boten über dem Stall und auf den Feldern von Bethlehem anstimmen. Hier lohnt ein zweiter Blick auf Ludwig Nolde sowie seinen Schwiegersohn Willi Witte und seinen Enkel Dominikus Witte, deren Werke ein Jahrhundert regionalen Kunst- und Krippenschaffens in innovativer Zeitgenossenschaft spiegeln.

So tritt der Besucher schon am Eingang zur Sonderausstellung jenem 120 Zentimeter hohen, abstrahierend gestalteten Verkündigungsengel gegenüber, den Willi Witte 1983 für eine Kirchenkrippe schuf. Nur 17 Jahre später scheint sich das „Flügelwesen“ seines Sohnes Dominikus vollends in die Abstraktion aufzulösen: Ein schlanker Körper aus verklebten langrechteckigen Glasscheiben wird flankiert durch zwei flügelartige, in rundlicheren Formen gehaltene Bronzeelemente, die eine Körperlichkeit allenfalls erahnen lassen und auf einer Schieferplatte „geerdet“ werden.

Neben diesen und weiteren Werken von Nolde und den beiden Wittes präsentiert die Ausstellung Krippen- und Engelsdarstellungen, die teils in der Region, teils aber auch im weiteren In- sowie im Ausland entstanden sind und dabei durchaus unterschiedliche Epochen und Darstellungsweisen beleuchten.

Anregend ist etwa die Gegenüberstellung der „Verkündigung an Maria“ des Meisters von Osnabrück aus dem frühen 16. Jahrhundert mit einem entsprechenden Werk des emsländischen Bildhauers Bernd Heller („Hellerbernd“) von 1928: Während die spätmittelalterliche Arbeit den Erzengel Gabriel in der seinerzeit nicht unüblichen Darstellung ohne Flügel zeigt, präsentiert sich die Heller’sche Variante mit einem besonders detailreich ausgeführten Flügelpaar.

Kalligraf Shahid Alam bettet das Thema „Engel“ in den islamischen Kontext ein. Foto: Pentermann

Der in Stolberg bei Aachen lebende pakistanische Kalligraf Shahid Alam erkundet mit seinem Werk „IQRA: Lies oder rezitiere“ in Öl und Tinte auf Birkenholz die künstlerisch-ästhetische Annäherung an jene Koransure 96, in der der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed die göttliche Botschaft überbringt. Dabei lotet Alam die scheinbar fließende Grenze von kunstvoller Schriftlichkeit in eine behutsam angedeutete Gegenständlichkeit aus und erweitert so den Horizont des Engel-Themas über den christlichen Darstellungskanon hinaus.

Neben den Engeln der Sonderausstellung sind in der Dauerausstellung mit detektivischem Spürsinn über 120 weitere Engelsdarstellungen zu entdecken – von teils lebensgroßen Skulpturen bis hin zu filigranen Figürchen und Gravuren an den Goldschmiedewerken.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Februar dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr im Diözesanmuseum Osnabrück zu sehen. Infos unter

  05 41/31 84 81.

Startseite