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Das Rock’n’Popmuseum Gronau nähert sich Beethoven

Früher der Ludwig, heute der Udo

Gronau

Beethoven ist nun auch im Rock’n’Popmuseum Gronau angekommen. Wie geht das zu? Wir erklären das.

Martin Borck

Beethoven im Rock’n’Popmuseum Gronau? Das ist nur auf den ersten Blick ein Kultur-Bruch. Denn damals wie heute war die Musik-Szene auch von Star-Kult und Massengeschmack geprägt. Foto: Rock'n'Popmuseum

Die Stimme des Beethoven-Sprechers klingt leicht indigniert: „Die nennen misch hier ,den Ludwig’“, wendet er sich in rheinischem Singsang über Kopfhörer an den Besucher. Nun gut, sein Mit-Führer durch die Ausstellung wird ja auch nicht „Herr Lindenberg“ genannt, sondern „der Udo“. Ein ungleiches Paar? Nicht unbedingt. Wenn es um das Thema Popularität und Starkult geht, lenkt das Rock’n’Popmuseum in Gronau den Blick auf Parallelen zwischen den beiden: Auch „der Ludwig“ war ein Popstar – mit mehr verkauften Platten als Udo, die Beatles und die Rolling Stones. Beethoven gilt als der Inbegriff des klassischen Komponisten.

Doch sein Image als etwas cholerisches Genie – passt es nicht auch auf das Stereotyp eines zeitgenössischen, unangepassten Rockstars? Dr. Thomas Mania ist einer der Kuratoren der Ausstellung. Er verortet Beethoven in einer Zeit, in der sich das kulturelle Leben dem Bürgertum öffnete. „Damit begann auch die Zeit der Selbstvermarktung der Musiker.“ Beethoven als virtuoser Pianist und Komponist spielte das Spiel mit. Schallplatten oder CDs gab es noch nicht, aber Noten. Das Bürgertum, das die Musik Beethovens hörte, wollte sie nachspielen. „Frische Noten“ wurden massenhaft vervielfältigt. „Beethoven war unternehmerisch tätig. Er bezahlte Kopisten“, so Mania. Auch der Instrumentenbau wurde ein Business: „Allein in Wien gab es zu Beethovens Zeit 30 bis 40 Klavierbauer.“

Wer die Schau in Gronau besucht, sollte auch Muße zum Hören mitbringen. Im filmischen Anschmecker zur Schau schlüpft übrigens der Schauspieler Homajun Dorchenas in die Beethoven-Rolle. Foto: Museum

Seine Virtuosität stellte „der Ludwig“ bei Musikwettbewerben unter Beweis. Die sind nämlich keine Erfindung des 20. oder 21. Jahrhunderts. „Battles“, „Slams“ oder auch Fernsehformate wie „The Voice of Germany“ haben ihren Ursprung in den Salons des Adels, wo Musiker gegeneinander antraten.

Beethoven hatte Erfolg. Mit seiner Virtuosität hatte er sein Feld bereitet. Er verstand es, am Markt zu bestehen – eine gewisse Exzentrik half dabei, so Mania. Der Schicksalsschlag – die Taubheit – trug zur Legendenbildung bei.

Bei aller Seriosität im wissenschaftlichen Ansatz, steckt die Ausstellung in Gronau voller Witz und kreativem Geist, der sich zum Beispiel in Anachronismen zeigt: „Es war ganz schön schwierig, an die Tournee-T-Shirts von Ludwig zu kommen“, scherzt Mania und zeigt auf zwei Hemden mit dem Konterfei des Komponisten und den Daten seiner Konzertreise. Oder der Dialog in einem virtuellen Plattenladen: „Gibt es ,Für Elise’ eigentlich auch mit anderen Namen? Meine Freundin heißt Angelika . . .“

„Der Ludwig“ hat tiefe Spuren im Bewusstsein hinterlassen. Musikalische Motive und Themen lebten in der Rockmusik auf – angefangen bei Chuck Berrys „Roll over Beethoven“ bis hin zu „Für Elise“, mit dem Gitarrist Wolf Hoffmann von der Heavy-Metal-Band Accept ein Solo aufpeppt – und damit sein Publikum in Extase versetzt.

Auch als Filmmusik werden Werke Beethovens immer wieder verwendet. Wobei sich einige wenige Kompositionen besonderer Beliebtheit erfreuen. Hits eben, wie das rhythmische Anfangsmotiv der Fünften Symphonie, der Schlusssatz der Neunten und die Dauerbrenner „Für Elise“ und „Mondscheinsonate“. Nicht nur in der Musik, auch in Comics findet man „den Ludwig“ – als Idol von Schröder in den „Peanuts“. Oder auch bei Disney, mit Goofy in der Rolle des genialen Pianisten.

Digitales Alternativprogramm

Die bisher aufwendigste Sonderausstellung des Rock’n’Popmuseums darf derzeit wegen Corona nicht besucht werden. Das Museum bietet daher  ein Digital-Programm an. Seit März gibt es die Möglichkeit, die Dauerausstellung in einer digitalen Führung via Zoom kennenzulernen. Dieses Format wird es ab Mai auch für die Beethoven-Sonderausstellung geben. Gruppen haben die Möglichkeit, sich von zu Hause durch die neue Sonderausstellung führen zu lassen.   Auch gibt es Themenabende. Zum Auftakt  am 19. Mai um 19 Uhr fragt Prof. Dr. Michael Custodis: „Wer war eigentlich dieser Ludwig van Beethoven?“

Das Design der Ausstellung in Gronau ist durch die klassizistische Epoche inspiriert. Doch im Obergeschoss glitzert eine Tanzfläche wie bei „Saturday Night Fever“: Wer sich mit seinen Kopfhörern darauf bewegt, hört unterschiedliche Versionen von Ludwigs Werken – von Rap bis Punk.

In Wien wurde Ludwig zum Star: Der Kult um ihn offenbarte sich nach seinem Tod: „Zur Beerdigung sollen 30 000 Menschen gekommen sein“, sagt Mania. „Sein Kopf war kahlgeschoren.“ Viele Verehrerinnen und Verehrer wollten nämlich eine Haarlocke ihres Idols als Andenken.

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