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Die spannenden Jahreswechselkonzerte aus Dresden, Berlin, Wien und Venedig

Gespielt, gesungen und gepfiffen

Wien/Dresden/Berlin

Trotz einschneidender Corona-Maßnahmen gab es Musik zum Jahreswechsel. In Wien und Berlin mit Publikum. In Dresden ohne. Und Münster sagte alles ab. Wir liefern einen Blick auf das, was auf den Notenpulten lag. Stimmungsvoll war es in jedem Fall.

Von Harald Suerland

Hier mit großer Geste, aber sonst recht sparsam dirigierend: Daniel Barenboim ließ die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert gewähren. Eigentlich können diese ihr Strauß-Programm ja auch wie im Schlaf spielen. Foto: imago/ZDF

Lauter funkelnde Lichter statt maskierter Gesichter im Parkett: Was die Regie in Dresden geleistet hat, um wenigstens dem Fernsehpublikum ein stimmungsvolles Silvesterkonzert zu servieren, war so raffiniert wie schön anzusehen. Und Chefdirigent Christian Thielemann, der im Umgang mit anderen Künstlern so regelmäßig aneckt, präsentierte sich wieder mal von jener charmanten Seite, mit der er sein Publikum für sich gewinnt.

Zumal auch eine Menge Charme in der unterhaltsamen Musikauswahl zwischen Film und Operette aus den „Goldenen“ 2020er Jahren steckte – und von der Dresdener Staatskapelle elegant musiziert wurde. Für Igor Levit, den angesagtesten Pianisten unserer Zeit, applaudierten die Orchestermitglieder nach der brillant aufgeputzten „Rhapsody in Blue“ ebenso eifrig wie für die beiden um Stimmung bemühten Gesangssolisten. Schade, dass man als Fernsehzuschauer gegen Ende des Konzerts den Sender wechseln musste, um nicht den Beginn des Berliner Silvesterkonzerts zu verpassen.

Natürlich zeigte sich im direkten Kontrast, wie groß der Stimmungsgewinn ist, wenn ein echtes Publikum enthusiastisch applaudiert. Einspringer-Dirigent Lahav Shani ließ die „Fledermaus“-Ouvertüre mit philharmonischer Grandezza musizieren und setzte hernach auf süffiges Klassik-Repertoire zwischen Bruch und Ravel, das zwar wenig mit Jahreswechsel-Atmosphäre zu tun hat, aber den Berliner Spitzenmusikern und ihrem Publikum ein Schwelgen in Klangräuschen ermöglichte: Eine solche „Feuervogel“-Suite ist mindestens so großartig wie jeder Strauß-Walzer. Von denen gab’s – natürlich – am darauffolgenden Vormittag wieder reichlich beim weltweit übertragenen Wiener Neujahrskonzert. Daniel Barenboim schien mit eher laxem Dirigat den endgültigen Beweis antreten zu wollen, dass die Philharmoniker im blumengeschmückten Goldenen Saal bei diesem Repertoire eigentlich bestens ohne den Mann am Pult auskämen. Man darf gespannt sein, wann sie zu Neujahr mal eine Frau ans Pult bitten werden. Es gab zwar keinen musikalischen Gast, aber immerhin nette Repertoire-Erweiterungen wie den Ziehrer-Walzer über die „Nachtschwärmer“ mit singenden und pfeifenden Musikern. Barenboim benannte in seinem Neujahrsgruß das Konzert als Symbol des Zusammenhalts angesichts der auseinanderstrebenden Kräfte, die das Virus auslöst.

Als sympathische Zugabe zu den Jahreswechselkonzerten im Fernsehen präsentierte Arte am Nachmittag abermals einen Auftritt aus dem Teatro La Fenice in Venedig, bei dem die populären Verdi-Chornummern, durch Corona-Masken gesungen, ein wenig gedämpfter anmuteten – was aber in erster Linie an den eher defensiven Interpretationen von Fabio Luisi lag. Gleichwohl sorgte dieser Italien-Schlenker für ein nettes Finale im Jahreswechsel-Musikprogramm.

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