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Erwin Steinhauer wird 70: Vom Kabarettisten über den Burgschauspieler bis zum Ermittler im Salzburg-Krimi

„Hofrat“ mit politischem Scharfsinn

Kabarettist, Burgschauspieler, Sänger und politischer Kopf: Erwin Steinhauer zählt zu den beliebtesten Bühnenakteuren Österreichs und hat auch in Deutschland einen hervorragenden Namen. In dem Krimi „Die Toten von Salzburg“ ist der Wiener als „Hofrat Alfons Seywald“ zu sehen. Am 19. September wird Erwin Steinhauer 70 Jahre alt. Wir sprachen mit ihm über sein Bühnenleben, die Politik und die Pandemie.

Von Johannes Loy

Vielseitig: Der österreichische Schauspieler Erwin Steinhauer ist mit kabarettistischen und musikalischen Programmen unterwegs. Besonders beliebt ist er als Hofrat im Krimi „Die Toten von Salzburg“. Foto: Hans Ringhofer

Der Schauspieler Erwin Steinhauer zählt zu den beliebtesten Bühnenakteuren Österreichs. Ursprünglich dem Kabarett zugetan, avancierte Steinhauer in den 1980er Jahren zum gefragten Burgschauspieler. In dem Krimi „Die Toten von Salzburg“ ist der Wiener als „Hofrat Alfons Seywald“ zu sehen. Am 19. September wird Erwin Steinhauer 70 Jahre alt.

Guten Tag, Herr Steinhauer, wir hatten zuletzt schon befürchtet, dass der Herr Hofrat im Salzburg-Krimi pensioniert wird ...

Erwin Steinhauer: Diese Pensionierung wird es nicht geben, ich habe ja die Urkunde zerrissen ...

Das führt zu der Frage, wie es mit dem Salzburg-Krimi weitergeht ...

Steinhauer: „Die Toten von Salzburg“ ist eine Koproduktion von ORF und ZDF. Wir zittern immer etwas, wie es weitergeht. Anfangs sind wir mit zwei Folgen pro Jahr gestartet. Dann gab es, wie man so schön sagt, „Produktionsschwierigkeiten“. Wir hangeln uns also von Folge zu Folge. Mit der jüngsten Episode „Treibgut“ waren wir Quoten-Tagessieger im ZDF. Das gibt uns Hoffnung ...

Dabei sind gerade Krimis mit Lokalkolorit ja attraktiver Sendestoff, wie wir als Münsterländer gerade am „Tatort Münster“ oder an „Wilsberg“ sehen...

Steinhauer: Ich kenne beide Krimis. Sie nehmen berechtigterweise ihren Favoritenplatz ein.

„Herr Hofrat“

Wann wurden Sie zuletzt mit Herr Hofrat angesprochen?

Steinhauer: Gerade erst in einer Konditorei in Fügen im Zillertal. Ich war auf Lese-Tour dort unterwegs. Die Leute schauten seltsam oft herüber. Als ich das Haus verlassen wollte, kam die Chefin des Cafés auf mich zu, strahlte mich an und sagte: „Herr Hofrat! Den Sänger Ed Sheeran neulich, den haben wir nicht erkannt, aber Sie, Herr Hofrat, haben wir sofort erkannt!“ Also: Der Fernsehkrimi „Die Toten von Salzburg“ und seine Protagonisten sind gerade in Österreich sehr bekannt.

Erwin Steinhauer (r.) und Michael Fitz in dem beliebten ZDF-Krimi „Die Toten von Salzburg“. Foto: ZDF/Toni Muhr

Die Figur des Hofrats ist für mich das Sahnehäubchen des Krimis ...

Steinhauer: Die Ambivalenz macht die Figur einfach so spannend. Wenn man ein Drehbuch bekommt, dann ist ja zunächst gar keine Geschichte hinter den Figuren vorhanden. Man ist selber gefragt, die Figur auszumalen. Also dachte ich: Der Alfons Seywald ist ein älterer österreichischer Beamter mit konservativen Ansichten, sehr auf Äußerlichkeit bedacht. Er färbt die Haare und lebt immer noch bei der Mutter. Schließlich dachte ich mir: Wäre doch gut, wenn die Mutter stirbt, dass sich der Herr Hofrat als homosexuell outen kann. Da meinte die Redaktion beim ORF, so etwas könne man sich 20.15 Uhr zur besten Sendezeit nicht leisten. Na ja, und dann haben wir ein bisschen mit der Figur gearbeitet, haben ihr bunte Socken angezogen und das Äußere etwas gesteigert. Schließlich gab der ORF nach. Und in der jüngsten Folge hat der Herr Hofrat seinen Freund geheiratet.

Stammgäste im Café Bazar

Wie sehen die Reaktionen auf den Krimi in Salzburg aus?

Steinhauer: Gerade die Besitzerin des Café Bazar in Salzburg ist glücklich, dass wir dort drehen und sagt: „Die Leute kommen in schöner Regelmäßigkeit und fragen, wo Sie sind!“ Und den „Herrn Wolfgang“ als Kellner und Gesprächspartner des Hofrats gibt es tatsächlich. In Wirklichkeit ist er im Alltagsbetrieb gewissermaßen Chef des Hauses. Selbst dann, wenn Ruhetag ist und wir drehen wollen, kommt er vorbei, sperrt auf und unterstützt uns vorbildlich.

Sie blicken bald auf 70 Lebensjahre zurück. Welche beruflichen Marksteine sind für Sie bis heute wegweisend?

Steinhauer: Von Anfang an wollte ich Schauspieler werden. Mit 17 habe ich maturiert. Für die Aufnahmeprüfung für das Max-Reinhardt-Seminar hätte ich die Unterschrift des Vaters benötigt. Vater aber sagte: „Studier erst was Bürgerliches, dann zahl ich auch jede Schauspielausbildung.“ Also habe ich Deutsch und Geschichte studiert und sogar eine historische Dissertation geschrieben. Das Studium habe ich dann aber noch vor dem Rigorosum abgebrochen, weil es mir sinnlos vorkam. Vater war mir zwei Jahre böse. Im Herbst 1974 haben wir mit einigen Kollegen das „Kabarett Keif“ gegründet. In der Hoffnung, etwas zu verändern. Kabarett-Kollege Gerhard Bronner sagte mir einmal: „Burschi, Kabarett verändert nicht die Welt!“ Anfang der 1990er Jahre wollte ich was Ernstes machen und habe politisch-literarische Lesungen gehalten. Für das Publikum war das teilweise wie ein Schock. Ich aber hielt es mit Alec Guinness: „Lieber vor leeren Stühlen stehen als vor leeren Gesichtern.“ Ich wollte meinem eigenen politischen Anspruch gerecht werden.

Für uns hier oben im Nordwesten ist der Österreicher ein rätselhaftes Wesen. Als erstes fällt uns die Ehrpusseligkeit und Titelsucht auf, als zweites eine Grundhaltung, die alles Fremde am liebsten wegdrängt...

Steinhauer: Sie ist mir nicht fremd, diese Mentalität. Bin halt daran gewöhnt. Die österreichische Innenpolitik ist nichts für erwachsene Menschen. Sie war stets meine Triebfeder als Kabarettist. Ich wollte zu jeder Blödheit meinen Senf dazugeben. Aber das ist irgendwann zu wenig. Man kann sich natürlich bei jeder Wahl äußern. Ich war immer Sozialdemokrat. Aber aufgrund der Konturlosigkeit dieser Partei habe ich dann die Grünen gewählt. Nun bin ich enttäuscht, dass die grüne Bewegung sich immer mehr der ÖVP unterwirft. Wir haben hier eigentlich ein Einparteiensystem.

Politische Sorgen

Manche sagen: Der Kurz ist kein Kanzler, der ist eigentlich Burgschauspieler ....

Steinhauer: Ich glaube nicht, dass der spielt. Dann wäre er auch ein schlechter Schauspieler. Dieses Berufsethos halte ich mit Überzeugung hoch. Kurz hat auch keinen Machiavelli gelesen. Er hat viele Berater, die ihm sagen, was er tun soll. Der Kanzler Kurz ist so, wie er sich zeigt, und das ist schrecklich genug ...

Wie beurteilen Sie die politische Lage in Österreich und in Europa?

Ich bin eher ein Pessimist. Als ich jung war, war der Zynismus noch eine Art Notwehr im Kabarett. Das ist mir vergangen. Ich habe drei Kinder und drei Enkelkinder und mache mir Sorgen um die Zukunft. Auch um Europa. Ich verstehe nicht, dass die EU Polen und Ungarn nicht härter sanktioniert. Und Afghanistan ist ein großes Trauerspiel. Man überlässt Menschen, die dem Westen geholfen haben, ihrem Schicksal. In Zeiten der Pandemie steht sogar die Demokratie auf wackeligen Beinen. China führt uns mit einem autoritären System vor, wie man mit Corona besser zurechtkommt. Die wachsende Macht Chinas, gerade auch Chinas Einfluss in Afrika, macht mir Angst.

Corona und die Kulturwelt

Wird Corona die Kulturwelt verändern?

Steinhauer: Mein Sohn ist ebenfalls Schauspieler. Er leidet unter der Schließung der Theater. Man hat den Akteuren das Spielzeug weggenommen. Ich befürchte, dass es im Herbst wieder auf eine Spaltung der Gesellschaft zuläuft. Wenn nur Geimpfte ins Theater dürfen, werden viele daheim bleiben. Selbst Geimpfte werden befürchten, sich vielleicht doch anzustecken. Ich hoffe, dass nach der vierten Welle 2022 wieder halbwegs normale Zustände herrschen.

Wir sprachen über den „Hofrat“ und sein Salzburger Café. Haben Sie auch ein Stammcafé in Wien?

Steinhauer: Ich wohne am Stadtrand in Sievering. Mein Lieblingscafé ist das Café Eiles im achten Bezirk in der Nähe des Theaters in der Josefstadt. Da habe ich schon viele Abende verbracht und Interviews gegeben.

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