Die neuen Orden des Nobelpreisträgers und der Kontrast zwischen Werk und Person

Immer noch Sturm um Peter Handke

Münster

Nachdem Peter Handke im Jahr 2019 den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte, schienen die Debatten um ihn verstummt zu sein. Doch nun flammen sie wieder auf und verstellen fast den Blick auf schöne Spätwerke wie die Maigeschichte „Das zweite Schwert“.

Von Harald Suerland

Peter Handke schreibt Texte zum „Publiziertwerden“, die sich zu lesen lohnen. Viele seiner Äußerungen und Taten jedoch sind auch für treue Leser nur schwer zu ertragen. Foto: Darko Vojinovic/AP/dpa

„Ja, Gewalt war in ein paar meiner Taten wie, auf andere Weise, und weit öfter und heftiger, meinen Worten gewesen. Und wenn in Worten, so ausnahmslos in gesprochenen, nie in geschriebenen, will sagen, zum Publiziertwerden, bestimmten, für die eine oder andere Öffentlichkeit.“ So steht es auf Seite 72 in Peter Handkes Maigeschichte „Das zweite Schwert“, die unlängst als Taschenbuch erschienen ist. Da hat der Erzähler, der hier mit dem Autor gleichgesetzt werden darf, wohl recht: Wer je erlebt hat, wie der Schriftsteller in Interviews auszuteilen weiß, der dürfte den Begriff „Gewalt“ schon passend finden. Wer hingegen seine Bücher liest, wer erlebt, wie der Erzähler darin die Natur und die Menschen auf sich wirken lässt, der entdeckt eine schöne Friedfertigkeit. Wie passt das zusammen?

Man hatte gehofft, mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahr 2019 werde eine gewisse Beruhigung eintreten, eine Ruhe nach dem Sturm: Hatten die Handke-Kritiker ja zuvor noch einmal alles ausgebreitet, was sich gegen den Freund des „serbischen Volkes“ vorbringen ließ, und hatte der Autor selbst seine journalistischen Zaungäste abgekanzelt. Nach der Zeremonie schien endlich der Blick wieder frei zu sein auf sein großes Werk jenseits der „Winterlichen Reise“, die ihm den Ruf eingetragen hatte, Verbrechen der Serben gegen die Menschlichkeit in Bosnien und Herzegowina zu relativieren.

Der Autor Jörg Magenau im Deutschlandfunk über Handke

Doch nun tobt wieder eine dieser typischen Handke-Schlammschlachten, denn insbesondere die Frankfurter Allgemeine Zeitung übte Kritik daran, mit welchen Orden sich Handke Anfang Mai hatte auszeichnen lassen: In Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska (RS), nahm er den Orden der Republika Srpska entgegen, den ihm die RS-Präsidentin Zeljka Cvijanovic überreichte. In der ostbosnischen Stadt Visegrad ehrte ihn der Filmregisseur Emir Kusturica am selben Tag mit dem Großen Ivo-Andric-Preis. Kurz darauf wurde Handke in Belgrad in der Kanzlei des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic mit dem Karadjordje-Orden geehrt – all dies berichtete auch die Deutsche Presseagentur. Mit einem dieser Orden, so die FAZ, stehe er nun in einer Reihe mit verurteilten Kriegsverbrechern wie Ratko Mladic und Radovan Karadzic.

Handke, dem nach dem Literaturnobelpreis jede andere Auszeichnung eigentlich wurscht sein müsste, reagierte nun mit einem Brief, in dem er „ersucht“, ihm zu glauben, dass er auf die Ehrungen nicht gefasst war. Was den FAZ-Korrespondenten zu der spöttischen Frage führt: „Wenn Staaten nun anfangen, wahllos herumzuehren, ohne die Geehrten davon auch nur in Kenntnis zu setzen – wie sollen Dichter da noch den Überblick behalten?“ Vielsagend folgert er: „Man sollte sich schon aus juristischen Gründen hüten, Peter Handke der Lüge zu zeihen“ – war doch zuvor schon über anstehende Ehrungen berichtet worden, hatten örtliche Medien doch auch nachträglich über Handkes Dankesworte berichtet. Handke weist das zurück: „Daß ich zuvor in Banja Luka von mir gegeben haben soll: ,Das ist ein großer Augenblick für mich‘, ist Unsinn.“ Da schimmert sie wieder durch, die Gewalt in der Sprache.

Der Erzähler der „Maigeschichte“ über seine Begegnungen

Für Handkes Gegner sind das im Prinzip olle Kamellen, die all ihre Urteile oder Vorurteile bestätigen. Während Handke-Leser sich um so mehr an die alte Einsicht klammern müssen, dass das Kunstwerk so viel mehr ist als die Absichten seines Schöpfers – selbst bei einem wie Peter Handke, der mit seinem Schreiben so eng am eigenen Leben ist. Was ja eben auch die „Maigeschichte“ mit dem Titel „Das zweite Schwert“ zeigt: Geht es darin doch um einen Rachefeldzug des Schriftstellers gegen eine Journalistin, die einst seine Mutter beleidigte. Die kurze Reise spielt sich in unmittelbarer Umgebung von Handkes Haus in der Ile-de-France ab, und wieder einmal staunt man lesend darüber, mit welch großer Zuneigung hier von Menschen im Bus oder an der Bar erzählt wird, wie die Details am Wegesrand zu leuchten beginnen. Und das Schwert der Rache, das der Erzähler symbolisch mit sich führt, ist, wie der Titel andeutet, nicht die einzige denkbare Waffe.

Solche Prosa kann einen Leser feinfühliger, offener für Anderes, auch Fremdes machen. Man möchte die Lektüre am liebsten einem berühmten, umstrittenen Mann ans Herz legen: dem Schriftsteller Peter Handke.

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