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Festspiele in Salzburg gehen in die zweite Jubiläumshalbzeit

„Jedermann“ stirbt vor vollen Rängen

Münster/Salzburg.

2020 musste Salzburg wegen der Pandemie gewaltig abspecken. Alles ging gut. Diesmal sind die Bedingungen deutlich besser. Die Festspiele, die am 17. Juli beginnen, können weitgehend aus dem Vollen schöpfen und ihre Kapazitäten auslasten. Doch Vorsicht, Kontrollen und Testungen bleiben bestehen.

Von Johannes Loy

Jedermann-Akteure in Sommerlaune: Regisseur Michael Sturminger (v.l.), „Buhlschaft“ Verena Altenberger, „Jedermann“ Lars Eidinger sowie die Salzburger Schauspielleiterin und Dramaturgin Bettina Hering über den Dächern der Mozart-Stadt. Foto: Barbara Gindl/dpa

Die Feiern zum 100-jährigen Bestehen der Salzburger Festspiel gehen – pandemie­bedingt – in die zweite Halbzeit. Denn es wäre ja schade gewesen, es mit einer einzigen minimierten Ausgabe 2020 bewenden zu lassen. Es scheint so, als stünden die Zeichen für die zweite Halbzeit günstig. Die Inzidenzen gehen seit Wochen steil nach unten, die österreichische Bundesregierung hat Ende Juni weitere Öffnungsschritte angekündigt, wodurch die Salzburger Festspiele „ohne Kapazitätsbeschränkungen stattfinden können“. Die verfügbaren Karten sind wieder online buchbar. Hygienemaßnahmen gelten nach wie vor, Nachweise für überstandene Infektion, negative Tests oder auch die mindestens 21 Tage zurückliegende Erst-Impfung sind vorzuweisen. Dann steht dem Kulturgenuss nicht mehr viel im Wege.

Lars Eidinger ist der „Jedermann“

In einer Woche, am 17. Juli, wird also Lars Eidinger als Nachfolger von Tobias Moretti die Domplatz-Bühne als Jedermann betreten. Es sei denn, ein Gewitter vertreibt ihn und die Feiergesellschaft ins Festspielhaus. Das wäre schade, denn vor dem Dom und unter dem abendlichen Salzburger Sommerhimmel wirkt das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ja viel stimmungsvoller. Eidinger freilich sieht sich, wie er jetzt beim Terrassen-Talk vorab sagte, nicht als der sterbende reiche Mann des Untertitels, er tritt vielmehr auf als Allegorie der heutigen Gesellschaft. „Ich bin der privilegierte, toxische Mann und stelle mich selbst in Frage“, sagt der Schauspieler und schwärmt: Sein Leben lang habe er es sich erträumt, einmal den Jedermann zu geben. Nun, da die Proben seit über drei Wochen laufen und das Ensemble am Vorabend des Terrassen-Talks die erste Probe am Domplatz erlebt habe, fühle er sich „privilegiert und glücklich“. Dass er in dieser Produktion auf Augenhöhe mit Angela Winkler und Edith Clever spielen darf, sei keine Selbstverständlichkeit für ihn. „Manchmal denke ich: Das kann gar nicht wahr sein“, sagt Lars Eidinger.

Rollenwechsel

Im Sommer in Salzburg zu arbeiten, das war für Angela Winkler eigentlich keine Option. Doch dann kam das Angebot, als Mutter im Jedermann aufzutreten. „Als ich gehört habe, dass Lars Eidinger meinen Sohn spielt und auch Edith Clever im Ensemble ist, habe ich zugesagt“, sagt die Schauspielerin. Die schon etwas betagtere Edith Clever, bislang Jedermanns Mutter, spielt den Tod und beerbt in dieser Rolle den Westfalen Peter Lohmeyer, der viele Jahre als androgyne Gruselfigur über die schiefe Bühne stakste.

Nein, das Stichwort „Haare“ nerve sie nicht, sagt Verena Altenberger, die die Buhlschaft spielt und damit in die Fußstapfen von Caroline Peters tritt, die 2020 wie eine Marilyn Monroe auf den Jedermann einsang. Vor Kurzem hat sich Altenberger für die Rolle einer Krebskranken einen kahlen Kopf rasiert. „Ich mag die Debatte“, sagt sie. „Denn es ist einfach völlig egal, wie die Haare der Darstellerin der Buhlschaft aussehen.“ Die Buhlschaft habe sie nie als Klischee-Frau empfunden, das Emanzipatorische sei der Rolle eingeschrieben.

Salzburger Festspielprogramm

2017 inszenierte Michael Sturminger erstmals den Jedermann für Salzburg. War seine Regie anfangs stark auf das Hier und Jetzt bezogen, so verlegt er sie heuer in eine nicht genau definierte Zukunft. Aus der Wiederaufnahme, so sagt Schauspieldirektorin Bettina Hering, sei nun eine Neuinszenierung geworden. Der Teufel wird übrigens mit Mavie Hörbiger zum ersten Mal weiblich besetzt. Mirco Kreibich wird in einer neu geschaffenen Doppelrolle als Schuldknecht und Mammon agieren.

Und wie gehen die Zuschauerinnen und Zuschauer am Ende aus dem Stück? „Es geht um die Frage ‚Wer bin ich?‘“, resümiert Lars Eidinger. Es habe etwas Tröstliches, am Ende bei sich selbst anzukommen und sich mit allen Fehlbarkeiten zu erkennen. „Darin liegt totale Schönheit.“

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