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Wollen wir immer dasselbe sehen, das Einfache konsumieren? Ein Plädoyer für die Vielfalt

Mehr als fluffig sein und Quote holen

Münster

Ob es um die Erhöhung der Rundfunkgebühren geht oder um das Absetzen von Sendungen: Stets muss die Quote als Argument herhalten. Als wäre das Publikum nur eine Masse und keine Gesellschaft mit unterschiedlichen Interessen.

Harald Suerland

Der Anchorman und die junge Produzentin: Harrison Ford und Rachel McAdams lieferten in „Morning Glory“ eine Satire auf Medienstrategien. Foto: Paramount Pictures

Der Kunde und der Algorithmus: Das Thema hat durch die Corona-Lockdowns zusätzlichen Schub bekommen. Denn wo Geschäfte geschlossen sind, da suchen selbst altmodische Konsumenten ihr Heil im Online-Einkauf. Und bekommen vom Computer Empfehlungen für weitere Bestellungen: „Das könnte Sie auch interessieren ...“

Angenehm und praktisch wirkt das auf den ersten Blick. Aber: Während der kluge Herrenausstatter beim Anzug-Kauf dem Kunden im direkten Gespräch eher selten gleich den zweiten aufdrängen würde (sondern eher: „Schuhe? Ein Hemd?“), tut der Algorithmus genau das. Kann nützlich sein, manchmal lästig. Und bei Kulturprodukten wie Buch oder BluRay läuft es ähnlich.

Wo liegt nun das Problem? Ganz einfach in der Verengung des Blickwinkels. Denn wenn immer nur der bereits erfüllte Wunsch beim Kunden neu geweckt wird, schwindet die Notwendigkeit, sich mit anderen Dingen zu konfrontieren. Beim Versandhändler werden dem Krimileser neue Krimis offeriert, der Klassik-Hörerin klassische Stücke – aber womöglich würde er sich auch mal einem großen Familien-Epos aussetzen, womöglich fände sie Gefallen am Jazz.

Im Einzelfall ist diese Verengung nur bedauerlich. Mehr als betrüblich aber wird sie, wenn ganze Programmangebote von ihr befallen werden: das leidige Thema von Quote und Programmplanung. Man kennt das etwa von den Angeboten des Privatfernsehens, zuletzt von einer Sendung mit der Moderatorin Michelle Hunziker: Wenn der messbare Zuspruch sich nicht rasch einstellt, wird das Produkt verschoben oder eingestellt.

Bei einem Privatunternehmen, das den Gesetzen des Marktes unterworfen ist, muten solche Entscheidungen plausibel an: Ist doch die gemessene Quote mit barer Münze gleichzusetzen, weil sie den Preis für die Werbung bestimmt. Dass es aber auch wirtschaftlich sein kann, auf die bare Münze vorerst zu verzichten und gewissermaßen in den Ruf des Senders zu investieren, zeigen Beispiele von einst und jetzt: Sat 1 ist viele Jahre lang gut damit gefahren, den quotenresistenten Harald Schmidt trotzdem als Aushängeschild zu pflegen, und RTL sorgt sich gerade mit dem Engagement angesehener ARD-Promis wie Hape Kerkeling und Jan Hofer um ein ansprechendes Programm-Umfeld für jene Werbekunden, denen die Äußerungen des verabschiedeten Dieter Bohlen unangenehm aufstießen. Und für die älteren, vornehmlich linear schauenden Zuschauer.

Offenbar erkennt man hier, dass oberflächliches Starren auf Zahlen als Kriterium nicht ausreicht. Während sich ausgerechnet dort, wo diese Zahlen zweitrangig sein müssten, eine kommerzielle Sichtweise zeigt. ARD und ZDF erscheinen im Quotenrennen mindestens so eifrig wie die privaten Sender, legitimieren hohe Ausgaben etwa für Sportereignisse und den Wunsch nach Erhöhung der Gebühren mit jenen Zahlen, von denen sie als Öffentlich-Rechtliche nicht abhängig sein sollten. Und bemühen gern das Argument, nicht „am Publikum vorbei“ senden zu wollen. Aber ist es wirklich am Publikum vorbei, wenn ein guter Film nur die Hälfte, vielleicht nur ein Viertel des Publikums eines Champions-League-Spiels erreicht, wenn ein anspruchsvolles Radioprogramm „nur“ ein paar Hunderttausende anspricht?

„Ich möchte keinen Rundfunkbeitrag bezahlen für meine Unterforderung“, sagte der Vorsitzende des NRW-Kulturrats Gerhart Baum und ergänzte jüngst in der „Süddeutschen Zeitung: „Wer glaubt, Akzeptanz dadurch zu schaffen, dass er das Niveau absenkt, schafft sich langfristig selbst ab.“ Er bezieht sich auf große öffentlich-rechtliche Sender, die sogar die Hörer ihrer Klassik-Programme „abholen“ wollen und auf anderen Wellen ihr Programm mit Geplauder und Gewinnspielen fluten. „Die Zeit“ hat in der vergangenen Woche Beispiele für fluffige Moderationsstile aufgezeigt, denen sich altgediente Rundfunk-Journalisten verweigern – und deren Gefühlsstrategie schon vor Jahren im Hollywood-Film „Morning Glory“ mit Harrison Ford karikiert wurde.

Derweil staunt man über die wirtschaftlich getriebene Vernunft bei den Privatsendern. „Mehr Nachrichtenstoff, mehr Kultur und Dokumentationen in die Öffentlich-Rechtlichen, die dafür Geld bekommen“, fordert deren Verband „Vaunet“ clever, um sich selbst den Platz für die lukrative Unterhaltung zu sichern – was auch deshalb verständlich ist, weil die Privaten sich auf der anderen Seite mit der Konkurrenz der Streamingangebote und dem Abwandern des jungen Publikums dorthin ausein­andersetzen müssen.

Über die Aussagekraft der Quote haben deren Kritiker sich immer schon Gedanken gemacht – und darüber, dass die hochgerechneten Meldungen auch Routinen statt Interesse widerspiegeln: Am Sonntag schaltet man sich eben zum „Tatort“ ein. Aber verfolgt man ihn auch, oder daddelt man nebenher am Rechner, am „Second ­Scream“?

Vor allem aber: Welche Aussagekraft hat das für die „Vielfalt der bestehenden Meinungen und der weltanschaulichen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Richtungen“, die etwa der WDR in seinem Auftrag hat? Intendant und ARD-Vorsitzender Tom Buhrow verweist in Gebührendebatten gern darauf. Man sollte ihn beim Wort nehmen, wenn die Öffentlich-Rechtlichen wieder mit Quotenargumenten operieren. Wenn sie sich verkniffen rechtfertigen, weil „Experimente“ in ihrer Krimireihe ein paar Zuschauer kosten, wenn sie das Sperrige im Hörfunk zurückdrängen wollen.

Der Autor Frank Goosen berichtet in seinem aktuellen Buch, dass das ZDF in den 80er Jahren zur besten Sendezeit eine Thomas-Bernhard-Premiere aus dem Bochumer Schauspielhaus übertrug. Der Algorithmus würde dazu nicht raten. Aber ist es nicht das, was Gebühren ermöglichen sollten?

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