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Festspiele: Aus der Corona-Krise in eine rekordträchtige Zukunft

Salzburg wagt die kontrollierte Offensive

Salzburg

Die großen europäischen Festspiele sind im vergangenen Jahr vielfach ausgefallen. In Salzburg aber wurde gespielt. In diesem Jahr wagt man sich sogar an volle Reihen im Parkett.

Von Johannes Loy

Der Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz Foto: Anne Zeuner

So bedrohlich schnell die Salzach durch das abziehende Katastrophen-Tief „Bernd“ anschwoll, so stetig ist sie in den vergangenen Tagen wieder in ihr sonst eher flaches, steiniges Bett hinabgesunken. Nun scheint die Sonne auf Dom, Erzabtei St. Peter, Getreidegasse und Mozart-Denkmal. Und doch: Irgendwas ist — noch — anders in Salzburg. Ulla Kalchmair, die Sprecherin der Festspiele, bringt das im Gespräch mit unserer Zeitung auf der Presse-Terrasse hoch über der Stadt auf den Punkt. „Es sind doch mehr europäische Festspiele in diesem Jahr“, sagt sie auf die Frage, warum es in der Mozartstadt vergleichsweise gemütlich zugehe, wo doch sonst Touristen die Gassen fluteten. Gäste aus dem asiatischen Raum, aber auch aus Amerika sind zurzeit wegen der Corona-Reiserisiken eher die Ausnahme. Dennoch befinden sich die Festspiele auf dem Weg zur Normalität.

Lukas Crepaz, der Kaufmännische Direktor, darf sich zwar darüber freuen, dass die derzeitigen Inzidenzen es erlauben, die Platzkapazitäten komplett zu nutzen, so dass sich fast schon wieder ein Gefühl wie 2019 einstellt. Aber: „Die Situation ist immer noch fragil“, sagt der 40-jährige Kulturmanager, der sein kaufmännisches Geschick schon in der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 und bei der Ruhrtriennale bewies, gegenüber den Salzburger Nachrichten. Und deshalb gelten die unermüdlich eingeforderten und überprüften 3-G-Regeln. Wer genesen, geimpft und getestet ist, darf Schauspiel und Musik auf Weltniveau erleben, Karten sind personalisiert. Manchem Gast kam das größtenteils maskenlose Gedränge in vollbesetzten Reihen zu Beginn schon unheimlich vor. Der Fall eines komplett geimpften Gastes, der einen Tag nach der „Jedermann“-Premiere positiv getestet wurde und die übliche Kontaktverfolgung auslöste, macht aus der ursprünglichen Masken-Empfehlung nun wieder eine Maskenpflicht. Ob das den einen oder anderen Festspielgast vom Besuch abhält, wird sich weisen.

Rund 210 000 Karten wollen die Salzburger bis Ende August an den Mann bringen, eine Auslastung von 85 Prozent wird angepeilt. Für die heuer angesetzten 168 Veranstaltungen an 47 Tagen in 17 Spielstätten und das zu 100 Prozent mögliche Angebot an Karten ergibt sich für diese zweite Halbzeit der Jubiläums-Sommerfestspiele ein Budget von 60 Millionen Euro.

Wäre 2020 ein normales Jahr gewesen, hätten die Festspiele mit einem Haushalt von 68 Millionen einen neuen Rekord erzielt. Doch wegen der Pandemie schrumpfte des Budget auf 41 Millionen. Nur etwa ein Drittel der Plätze wurde vergeben, das Corona-Management aber funktionierte nahezu perfekt. Bund, Land und Stadt ließen außerdem den bereits für das Jubiläum aufgestockten Subventionssockel bei 18,8 Millionen Euro stehen. Mit mehrmonatiger Kurzarbeit im vergangenen Winter und flexiblen Spielplanstrategien hatten sich die Festspiele dann auf die Risiken einer weiteren Krisensaison eingestellt. Crepaz darf, wenn sich nicht wirklich gravierende Zwischenfälle einstellen, zuversichtlich sein, dass der Sommer das hält, was sich Salzburg von ihm versprochen hat. Und für 2022 zeichnet sich schon, wie die „Salzburger Nachrichten“ frohlocken, „die Fortsetzung des märchenhaften Rekordkurses ab“. Denn das Kuratorium hat bereits im Mai 66,7 Millionen Euro Budget bei 18 Millionen Euro Subvention genehmigt. Und sodann: Die Festspiele wollen mit Hilfe von Bund, Land und Stadt Salzburg in den nächsten zehn Jahren über 262 Millionen Euro in die Generalsanierung ihrer Spielstätten investieren. Salzburg ist und bleibt damit eine kulturelle Welt-Marke.

Eine, die diese Weichenstellung für die Zukunft entscheidend mit vorangetrieben hat, ist Präsidentin Helga Rabl-Stadler (78), die seit 1995 im Direktorium die Fäden zog. Sie hat die Intendanten kommen und gehen sehen: Gerard Mortier, Peter Ruzicka, Jürgen Flimm, Alexander Pereira. Ihre Zusammenarbeit gerade jetzt mit Markus Hinterhäuser schätzt sie ganz besonders. Da fällt das Wort „Traumteam“. Er als hintergründiger Denker, sie als moderne Dienstleisterin. Diese Saison aber ist unwiderruflich ihre letzte an der Spitze des wohl bedeutendsten Kultur-Festivals der Welt. Ende des Jahres endet ihre letzte Amtszeit. Da wäre es doch schön, wenn dieser Sommer einfach nur „normal“ laufen würde und nach den überstandenen Untiefen der Pandemie wie ein krönender Schlussakkord für die verdiente Präsidentin klänge.

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