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Pianist Fazil Say und Geiger Friedemann Eichhorn bannten ihre Zuhörer im Bagno

Schmerzensschreie der verwundeten Natur

Steinfurt

Der Pianist Fasil Say und der Geiger Friedemann Eichhorn bescherten den Zuhörern im Steinfurter Bagno ein mitreißendes Konzert. Nicht nur, weil es eine Welt-Uraufführung und eine Deutschlandpremiere bot. Am eindrücklichsten war wohl der nachhallende Aufschrei gegen die Zerstörung der Natur.

Von Hans Lüttmann

Der türkische Pianist Fazil Say (l.) und der aus Münster stammende Geiger Foto: Jürgen Christ

Ein

Bagno-Abend mit magischen Momenten, einer Welt-Uraufführung, einer Deutschlandpremiere und einem nachhallenden Aufschrei gegen die Zerstörung der Natur: In der Reihe „Legenden im Bagno“ präsentierten der Weltklasse-Pianist Fazil Say und der ebenfalls in der allerersten Liga spielende Violinist Friedemann Eichhorn (Say: „Einer der herausragendsten Violinisten unserer Zeit“) zum Auftakt ihrer Tournee, die sie tags darauf in Paris fortsetzten, einen Konzertabend mit selten gespielten Werken von Robert Schumann, Albert Dietrich und Johannes Brahms. Und als wäre Says im Bagno uraufgeführte Wagner-Transkription („Prelude und Liebestod aus Tristan und Isolde“) nicht schon der absolute Gipfel dieses Abends, machten sich die beiden auch noch auf zum Mount Everest.

Dazu inspirierte Fazil Say der nicht mal 2000 Meter hohe Berg Ida im Westen der Türkei südöstlich der Ruinen von Troja. Dort schürft ein kanadisches Unternehmen seit einigen Jahren Gold und will noch 45 000 weitere Bäume abholzen. Mit einem Konzert auf dem Berg, zu dem 50 000 Menschen kamen, protestierte Fazil Say im Sommer 2019 – und die Kanadier zogen tatsächlich ab.

Erschüttert über die schon fortgeschrittene Zerstörung der Natur komponierte Fazil Say das dreiteilige Werk „Mount Ida“, das am Freitag als Deutschlandpremiere erklang. Friedemann Eichhorn, dessen Geige mit erstaunlicher Leichtigkeit abwechselnd tanzt, rast, fleht und betört, traktierte sein mehr als 150 Jahre altes In-strument, schlug mit dem Bogen, mit der flachen Hand, kratzte, zerrte an den Saiten, glissierte bis in höchste Höhen und mutete der Violine zu, am Rande des technisch überhaupt noch Möglichen zu funktionieren. Fazil Say schlug den Flügel mal mit Fäusten, spielte direkt auf den Saiten und entlockte ihm Töne, die man so noch nie gehört hat. Die völlig gebannten Konzertbesucher hörten schwere Maschinen, kreischende Sägen, sterbende Vögel und die Schmerzensschreie der verwundeten Natur – ein herzerschütternder Protest gegen geldgierigen Raubbau an der Natur.

Ohne die Meisterschaft und alerte Präsenz des in Münster geborenen Violinisten Friedemann Eichhorn auch nur ansatzweise zu schmälern – die beiden harmonierten punkt- und sekundengenau in jeder Phase des Konzerts: Aber Fazil Say ist ein Erlebnis auf der Bühne. Der gebärdenreiche Klaviervirtuose und Komponist (der auch auf einer ganz anderen Bühne aktiv ist, weswegen der türkische Staatspräsident Erdogan ihn vor Gericht gezerrt hat, weil er Kritik nun mal nicht mag) schaute mal ins Publikum, dann zu seinem Mitspieler, sang lautlos einige Passagen mit, war immer in Bewegung und verschmolz beinahe mit dem Flügel, den er so meisterlich beherrschte wie Auguste Rodin seinen Stein. Ein sensationeller Abend, der das Zeug zur Legende hat.

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