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Das Brodsky-Quartett faszinierte „very british“ das Bagno-Publikum

Sonnenscheinklänge zum traurigen Adieu

Steinfurt

Vier Anläufe für vier fabelhafte Streicher: So große Mühe musste das „Brodsky Quartet“ aufwenden, um trotz Corona zu einem Konzert nach Steinfurt zu kommen. Es hat sich gelohnt, für die Musiker und ihr begeistertes Publikum.

Von Hans Lüttmann

Beim vierten Versuch schaffte es das britische Brodsky-Quartett endlich in die Bagno-Konzertgalerie und faszinierte mit schmerzlich-schöner Musik aus seiner Heimat. Foto: privat

Melodien wie Amors Pfeile, die schmerzen und zugleich beglücken, prägen seit John Dowlands Zeit die englische Musik. Kaum ein Stück illustriert diese sweet dissonance, die süße Dissonanz, grandioser als Henry Purcells „Chacony“. Die schmerzlich schöne Interpretation, die das weltbekannte „Brodsky Quartet“ am Samstag im Bagno darbot, ging denn auch direkt ins Herz.

„Very British“ war das Konzert überschrieben, das außer Purcells Chaconne noch Streichquartette von Benjamin Britten und Edward Elgar im Programm hatte. Den bewegenden Höhepunkt des britischen Abends aber markierte James Macmillans Miniatur „For Sonny“, das der gefeierte Komponist vor zehn Jahren dem Enkel seines Freundes widmete, der wenige Tage nach der Geburt gestorben war. Die ruhige, reflektierende Elegie variiert in edler Zurückhaltung zutiefst behutsam neun immer wiederkehrende Noten, die in herzzerbrechender Stille verebben.

Dreimal hat der Bagno-Kulturkreis das Quartett eingeladen, dreimal mussten die Musiker coronabedingt wieder ausgeladen werden. Beim vierten Versuch wollten sie auf Nummer sicher gehen, vertrauten weder Bahn noch Bus oder Flugzeug, sondern fuhren für das einzige Konzert in Deutschland von London mit dem Auto nach Steinfurt.

Wo sie mit ihrer unwiderstehlichen rhythmischen Vitalität und beinahe beängstigender Präzision brillierten. Benjamin Brittens fünfsätzige Komposition servierten die Musiker mit empathischem Raffinement, in dem schon Spuren der schweren Herzkrankheit mitschwangen, an der Britten ein Jahr später starb. Beinahe greifbar der grabeskühle Abschiedsschmerz, dessen letzte Takte eine Frage stellen, aber keine Antwort geben.

Zum Abschluss noch ein süß-dissonanter Abschied: Edward Elgars Quartett, dessen Mittelsatz bei der Beerdigung seiner Frau gespielt wurde – sie liebte den darin „eingefangenen Sonnenschein“ –, lädt die Zuhörer ein, den verschlungenen Pfaden der Musik zu folgen, immer weiter hinein in die geheimnisvolle Klangwelt des e-Moll, Elgars Lieblingstonart. Erlesener Klangsinn und Hingabe an die melodienselige Verschnörkelung kennzeichnen das blindverständliche Spiel der Brodskys, die aber nicht in Schönheit erstarren, vor allem nicht bei den vielen scharfen Tönen in den bewegteren Abschnitten: Metamorphosen, die das rhythmische Feingefühl beständig herausfordern und das tiefe musikalische Verständnis dieses Quartetts unter Beweis stellen.

Als heftigst herbeigeklatschte Zugabe spielten die vier eine seelenstreichelnde Jugendkomposition von Benjamin Britten und beendeten damit – ganz ohne Pomp and Circumstance – diesen Abend. Very british.

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