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Der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim feiert heute seinen 80. Geburtstag

Vollblutmusiker und Friedensbotschafter

Münster/Berlin

Pianist, Dirigent, Vollblutmusiker und Friedensbotschafter. Daniel Barenboim, seit 30 Jahren Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin auf Lebenszeit, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Eine Würdigung.

Daniel Barenboim ist Pianist, weltweit aktiver Dirigent und seit 1992 Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin auf Lebenszeit. Doch zurzeit muss er wegen angegriffener Gesundheit pausieren. Foto: dpa

Sein schönstes Geburtstagsgeschenk musste er anderen überlassen. Die Neuproduktion von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Berliner Staatsoper, ein Wunschprojekt ihres Künstlerischen Leiters Daniel Barenboim, leiteten sein ehemaliger Bayreuth-Assistent Christian Thielemann und sein derzeitiger Staatsopern-Assistent Thomas Guggeis. Auch das eigene Festkonzert fällt aus Gesundheitsgründen aus: Denn Barenboim, der am heutigen 15. November 80 Jahre alt wird, schrieb Anfang Oktober: „Mein Gesundheitszustand hat sich in den letzten Monaten verschlechtert und es wurde eine schwere neurologische Erkrankung bei mir diagnostiziert.“ Er müsse sich jetzt auf sein körperliches Wohlbefinden konzentrieren.

Daniel Barenboim, einer der bekanntesten Dirigenten der Welt und seit Jahrzehnten eine feste Größe im Musikleben der deutschen Hauptstadt, machte zunächst als Pianist Karriere. Doch der junge Argentinier, bereits als Kind nach Israel umgesiedelt, wurde schon in jungen Jahren von großen Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler oder Igor Markevitch gefördert – auch als Orchesterleiter. Und machte fortan in beiden Funktionen Karriere, gastierte weltweit als Pianist und wurde von den berühmtesten Orchestern als Dirigent eingeladen, darunter die Berliner Philharmoniker und das Chicago Symphony Orchestra, dessen Chef er in der Nachfolge Georg Soltis wurde. Dass Barenboim „nebenbei“ noch die Kammermusik in kleinen Ensembles pflegte, vervollständigt das Bild dieses leidenschaftlichen Musikers.

Leidenschaft und Talent hat Barenboim gleicher­maßen üppig mitbekommen. Und das macht seinen Kritikern mitunter zu schaffen. Wo beispielsweise an­dere Pianisten peu à peu die Beethoven-Sonaten oder die Mozart-Konzerte auf Platten veröffentlichen, da legt Barenboim mal eben das gesamte Paket vor. So dass ihm fast alles gut, aber nur einiges atemberaubend gerät. Bei Mozarts Klavierkonzerten dirigiert er natürlich vom Klavier aus, zwischen Bach und Boulez hat er sich ein riesiges Repertoire auf­gebaut. Und das kann er offenbar ziemlich flott abrufen, wie Musiker bestätigen, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Wer skrupulöse, ans Geniale reichende Musiker wie Ar­turo Benedetti Michelangeli oder Carlos Kleiber verehrt, mag beim Herzblut-Musikanten Barenboim Skepsis empfinden. Zumal er anderen Musikern, wie die Debatte um seinen Führungsstil in Berlin ahnen ließ, wohl weniger durchgehen lässt als sich selbst bei einem Klavierabend zwischen zwei Opernterminen.

Aber über seine unzweifelhaften Talente hinaus versteht er es, die Zuhörer mitzureißen – wovon auch ­seine Kritiker erzählen. Und dann ist da natürlich noch sein Einsatz für Frieden und Versöhnung: Gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said gründete Barenboim, der auch die israelische und die pa­lästinensische Staatsbürgerschaft besitzt, das West-Eastern Divan Orchestra – ein musizierendes Jugend-Friedensprojekt, das nach Goethes West-östlichem Divan benannt wurde. Kein Wunder, das zu den vielen Auszeichnungen, die Daniel Barenboim schon empfangen durfte, auch der Preis des Westfälischen Friedens gehört, der ihm 2010 gemeinsam mit dem Orchester in Münster überreicht wurde. Die Stadt Berlin wiederum verdankt seinem Engagement auch die Barenboim-Said-Akademie mit dem Pierre-Boulez-Saal für Kammermusik.

Dem Genießer und Genuss-Vermittler Daniel Barenboim wäre es, über die normalen Geburtstagswünsche hinaus, zu wünschen, dass er im nächsten Jahr bei der Wiederaufnahme des „Rings“ vielleicht doch wieder zum Taktstock greifen kann.

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