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„Die Walküre“ in Bayreuth

Vom Hort in die Schönheitsklinik - zwiespältiger Regie-Eindruck und ein Zwischenfall

Bayreuth

Der neue Bayreuther „Ring“ hat kein Glück mit „Wotan“: Bei der Premiere der „Walküre“ verletzt Sänger Tomasz Konieczny sich am Montagabend in der Rolle des Göttervaters so schwer, dass er nicht weitersingen konnte. Zum Glück gab es Ersatz. Davon einmal abgesehen: Regisseur Valentin Schwarz bleibt in seiner Deutung des Geschehens weiterhin ziemlich rätselhaft.

Von Harald Suerland

Walküren nach der Schönheits-OP: (v. l.) Stephanie Houtzeel, Kelly God, Katie Stevenson und Daniela Köhler. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth

Maniküre, Pediküre, Schönheits-Operation: Die Walküren nehmen alles mit. Wotans wilde Töchter, die dem Götter-Chef eigentlich die gefallenen Helden für seinen Kampf gegen den Rivalen Alberich zuführen sollen, sind bei Regisseur Valentin Schwarz eine schrille Vorstadtweiber-Clique. Die lässt sich ausgerechnet in jenem Raum versorgen, der am Vorabend den kleinen Nibelheim-Mädchen noch als Hort diente.

Die Kinder sind offenbar groß geworden – was man bereits im ersten Akt der Bayreuther „Walküre“ am Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde sieht, das sich bei der Wiederbegegnung in Hundings Keller verzückt an seine Kinderzeit erinnert. Hunding haust unterhalb der Walhall-Villa, wo er als biederer Hausmeister versucht, bei Gewitter die Sicherungen wieder reinzudrehen. Und wenn ein Fremdling seine schwangere Frau Sieglinde begrabbelt, beschwert er sich oben bei Wotan und Fricka, die allerdings gerade mit einer Trauerfeier zu tun haben.

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Wer da bestattet wird (Freia?), bleibt vorerst das Geheimnis des Regisseurs – und man könnte angesichts der rätselhaften Einfälle von Valentin Schwarz und seinem Team vermuten, dass es darauf kaum ankommt. Wichtig scheint ihm in erster Linie zu sein, in seinem „Ring“ von Kindern und ihrem Missbrauch zu erzählen. So ist die schwangere Sieglinde womöglich schon früh vom Clan-Chef und heimlichen Vater Wotan geschändet worden, der ihr zu ihren Traum-Worten „Kehrte der Vater nun heim!“ an die Wäsche geht. Dass seine Gattin und Moralhüterin Fricka bei ihm den Inzest durch Siegmund anklagt und auf Bestrafung drängt, wirkt in diesem Zusammenhang schon zynisch.

Verständnisprobleme

Aber, und das ist nach zwei Abenden als Defizit des neuen „Rings“ erkennbar: Schwarz hat diesen dramaturgisch wichtigen Dialog im zweiten Akt wieder so beiläufig und unklar inszeniert, dass man ihn als Zuschauer kaum mitkriegt. Zumal von einigen Protagonisten kaum ein Wort zu verstehen ist. „Siegmund“ Klaus Florian Vogt und „Hunding“ Georg Zeppenfeld artikulieren und singen vorbildlich, aber schon bei „Sieglinde“ Lise Davidsen weicht die anfänglich klare Diktion bald wieder dem eitlen Herausstellen der Sopranpracht: schade für das Drama.

Und eine zentrale Problemstelle ist Protagonist Wotan: Der ursprünglich vorgesehene Günther Groissböck wäre ein idealer singender Darsteller gewesen; jetzt bekamen die Zuschauer im „Rheingold“ den eher matten Egils Silins und in der „Walküre“ den stimmstarken, aber unverständlichen Tomasz Konieczny. Dass der sich an einem Stuhl-Requisit verletzte und im dritten Akt nicht mehr auftreten konnte, bescherte dem Publikum zwar die tolle Begegnung mit Ersatzmann Michael Kupfer-Radecky, der umfassende Gesangskultur bei „Wotans Abschied“ offenbarte – aber er wird noch für den Gunther in der „Götterdämmerung“ gebraucht. Iréne Theorin als Brünnhilde und Christa Mayer als Fricka sicherten Festspiel-Niveau.

Unfertige Klang-Balance

Dirigent Cornelius Meister, der eine zügige, in der Klangbalance noch unfertige Interpretation bot, war sich mit dem Einspringer in Tempofragen nicht ganz einig. Und Regisseur Valentin Schwarz, dessen Interpretationsansatz mit Kindern als dem eigentlichen Schatz des „Ring“-Kosmos diskutabel ist, steht sich selbst mit altbackenen Effekten wie dem Möbelwerfen und Pistolenfuchteln im Weg und liebt zu sehr die Gags: Dass die verbannte Brünnhilde einen Begleiter anstelle ihres Rosses Grane bekam, geht noch – zum Glück verkniff sich Schwarz die Vollnarkose aus der Schönheitsklinik. Aber dass nicht Wotan mit dem Speer, sondern Fricka mit den Weingläsern anstieß, war ziemlich kalauerig.

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