1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Kultur-regional
  6. >
  7. Von oben bunt, von unten gedeckt

  8. >

Hermann Nitsch stattet „Die Walküre“ mit einer Farbaktion aus

Von oben bunt, von unten gedeckt

Bayreuth

Es macht laut „Platsch“ im Bayreuther Festspielhaus. Mit Schwung klatschen die Assistenten des berüchtigten Aktionsmalers Hermann Nitsch zu den Klängen von Richard Wagners „Walküre“ alle Farben des Regenbogens auf den Boden, werfen mit den Inhalten unzähliger Farbeimer geräuschvoll um sich. Und das vor Zuschauern, die oft schon pikiert die Nase rümpfen, wenn jemand neben ihnen husten muss.

Von Harald Suerland

Klaus Florian Vogt (Siegmund, vorne l.) und Lise Davidsen (Sieglinde) stehen auf der Bühne, während im Hintergrund Malassistenten des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch Farbe verschütten. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreu

Nein, es ist keine „Inszenierung“, was der österreichische Künstler Hermann Nitsch zur „Walküre“ in Bayreuth geschaffen hat. Seine Mal-Aktion läuft buchstäblich hinter der konzertanten Aufführung ab, mit der Dirigent Pietari Inkinen das populärste Stück aus dem vierteiligen „Ring des Nibelungen“ aus dem Loch des Coronajahres 2020 herausrettet­. Der komplette Zyklus, dann inszeniert von Valentin Schwarz, folgt ja im kommenden Jahr.

Inkinen gelang am Donnerstag kein so glanzvolles Bayreuth-Debüt wie zuvor seiner Kollegin Oksana Lyniv, sogar ein paar Buhrufe musste er einstecken. Grund dafür mag sein eigensinniges Klangkonzept sein, das kurioserweise einen direkten Kontrast zur Nitsch-Aktion auf dem hinteren Teil der Bühne bildet: Der Dirigent kultiviert eine Interpretation der gedeckten Farben, schon im Vorspiel und bei den Hunding-Hörnern wird das Blech dezent zurückgenommen. Wer mit der „Walküre“ knalligen Filmmusik-Sound erwartet, kommt an diesem Abend nicht auf seine Kosten. Mehr noch: Manchmal scheint der Dirigent so verliebt in die subtile Stimmungsmalerei zu sein, dass die Sänger ihn zu treiben scheinen. Allerdings entstehen faszinierende Spannungen: Wotans Ratlosigkeit im Dialog mit Fricka, die Finsternis der Todesverkündigung oder den Schlummer der Brünnhilde hört man selten so fein und mit langem Atem musiziert.

Solche großartig-leisen Stellen markieren auch das Dilemma der Mal-Aktion: Sie reagiert nicht darauf, sondern läuft unbeeindruckt nebenher, bisweilen mit deutlich hörbarem Platschen der ausgeschütteten Farben. In jedem der drei Opernakte wird der weiße Bühnenboden hinter den Sängern kübelweise mit Farbe begossen, werden die geneigten Rückwände von oben mit Farbschlieren übersät. Das sieht bisweilen faszinierend aus, ist manchmal aber auch so bunt, als hätte ein Kind seine Legosteine in Mamas Thermomix geschreddert – ausgerechnet dann finden im parallel laufenden Opernkunstwerk gerade dramatisch-dunkle Dinge statt. Und immer, wenn man glaubt, da sei jetzt eine besonders faszinierende Farblandschaft entstanden, greift die zehnköpfige Nitsch-Helferschar zu kontrastierenden Farbeimern und überzieht das Bunt mit Schwarz. Zeitweise ist das eine grandiose optische Metamorphose, und wenn Nitsch im zweiten und dritten Akt seine geliebten Kreuzigungs-Rituale zitiert oder in blutigem Rot endet, entsteht auch ein Bezug zur Tragik der Handlung. Doch oft genug folgt man gebannt der Oper und merkt später erst, dass da immer noch Farbe verschüttet wird – oder verfolgt fasziniert das Mal-Spektakel und lässt innerlich das Wagner-Drama zur Begleitmusik schrumpfen.

Was natürlich auch die schwarz verhüllten Sänger nicht verdient haben. Klaus Florian Vogt ist bekanntermaßen kein baritonaler Heldentenor, liefert aber als Siegmund ein gutes Pendant zu Lise Davidsens Sieglinde, die mit ihrer Riesenstimme ein Festspiel-Liebling ist und dabei inniger zu musizieren versteht als „Brünnhilde“ Iréne Theorin oder der als Wotan eingesprungene Tomasz Konieczny: zwei Sänger mit Wucht-Organen, die allerdings nicht ganz mit der Haltung des Dirigenten harmonieren. Diesen goldenen Mittelweg zwischen feiner Gestaltung und ausladender Pracht findet Christa Mayer als Fricka.

Die Buhs für den auf die Bühne geführten Nitsch, der am Ende mit seiner Krücke winkte und im Programmheft sein Orgien-Mysterien-Theater schwärmerisch verbalisierte, kamen nicht überraschend. Aber eigentlich warten doch alle nur auf den kompletten und neu inszenierten „Ring“. Nitsch bleibt, wie die anderen Beiträge zum „Diskurs Bayreuth“, eher eine Episode.

Startseite