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Konzert der Alten Philharmonie in der Waldorfschule im Zeichen des Ukraine-Kriegs

„Was zählt, ist allein die Musik“

Münster

Ein durch und durch hanseatischer Brahms und slawischer Zauber mit der Alten Philharmonie Münster. Überraschung und anhaltender Applaus in der Aula der Freien Waldorfschule.

Von Robin Gerke

Die Alte Philharmonie spielte unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg und setzte nicht nur auf den Notenständern einen deutlichen Akzent für die Ukraine. Foto: Robin Gerke

Man hätte sich sicher andere weltpolitische Umstände für das erste Konzert in voller Besetzung seit zweieinhalb Jahren gewünscht. Aber die Alte Philharmonie Münster bekennt Farbe. Sie belässt es nicht dabei, die Notenständer in Gelb und Blau zu dekorieren, ein großer Teil des Erlöses aus dem Kartenverkauf wird für Nothilfe in der Ukraine gespendet. Es mag unter diesen Vorzeichen unwillkürlich befremdlich erscheinen, dass eines der beiden Werke aus der Feder eines russischen Komponisten stammt. Noch befremdlicher wäre es allerdings, Wassili Kalinnikows erste und einzige Sinfonie, die in Kiew uraufgeführt wurde, allein aus diesem Grund nicht zu spielen. Für das Ensemble zähle nicht, woher ein Komponist komme, sondern ob die Musik, die er komponierte, etwas tauge. Wie treffend diese Aussage von Thorsten Schmid-Kapfenburg ist, zeigt sich später.

In Boris Cepedas Spiel blitzt eine gute Portion des hanseatischen Naturells des großen Johannes Brahms hervor. Fokussiert und aufgeräumt ist seine Interpretation des Klavierkonzerts in d-Moll. Vor allem der zweite Satz gedeiht durch die subtile Verflechtung mit dem Orchesterklang, die Solopassagen geraten in ihrer choralhaften Schlichtheit besonders effektvoll. Cepedas über weite Strecken reduziertes Spiel schafft Reserven, etwa für die vielen überschwänglichen Momente im finalen Rondo.

Die überraschende Entdeckung dieses Sonntagabends ist ohne Zweifel die Sinfonie, die Wassili Kalinnikow wenige Jahre vor seinem viel zu frühen Tod vollendete. Es wirkt, als hätte sich das Orchester während des Klavierkonzerts warmgelaufen für diesen Kranz aus markanten Rhythmen und eingängigen Melodien. Die plötzliche Bereitschaft, Ausbrüche bis ins Manische zu vollziehen, überrascht. Die Musik atmet Folkore, der zweite Satz verzaubert mit seinen aus der Harfe ins Orchester wandernden Ostinati. Das Ohr sucht unweigerlich nach Bezugsgrößen aus der russischen Musikgeschichte, gelangt aber zu dem Schluss, dass Kalinnikow seinen ganz eigenen Ton gefunden hat – trotz allem unverkennbar slawisches Kolorit. Schade, dass er nicht die Zeit hatte, der Nachwelt mehr zu schenken.

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