Zusätze im Sandboden in der Kritik

Kunststoffe im Reitplatz-Sand sorgen für Diskussionen

Münster

Für die Amateur-Fußballer hat es gerade Entwarnung gegeben: Trotz umstrittener Materialien genießen ihre Kunstrasenplätze Bestandsschutz. Doch auch bei den Reitern ist nicht alles Sand, was wie Sand aussieht: Granulate und Glasfaserteilchen etwa bringen Vorteile - aber auch Probleme.

Stefan Werding

Richard Vornbrock ist für die richtige Mischung des Sandes für das Turnier der Sieger zuständig. Sie besteht aus Sand, der schon in den vergangenen Jahren vor dem Schloss verwandt wurde, gemixt mit zwei weiteren Sandsorten und Textilschnitzeln. Foto: Jürgen Peperhowe

Wenn Simone Blum, die amtierende Weltmeisterin der Springreiter, am Wochenende um den Sieg beim „Turnier der Sieger“ in Münster reitet, dann hat Richard Vornbrock dafür gesorgt, dass ihr Pferd „Alice“ nicht ausrutscht. Der Sand, den der Reitplatzbauer aus Dorsten dafür (wieder-) verwendet, besteht aus einer speziellen Mischung: alter Sand, der schon in den vergangenen Jahren vor dem Schloss verwendet wurde und den Lastzüge aus einem Lager in Nienberge vors Schloss gefahren haben, gemischt mit zwei weiteren Sandsorten und Textilschnitzeln. Laut Hendrik Snoek, Präsident des Westfälischen Reitervereins und damit Ausrichter des Turniers der Sieger, enthält der Boden auch Granulat und Glasfaserteile. Und solche Textilschnitzel sorgen seit ein paar Monaten in der Reiterszene für eine heiße Diskussion.

Cornelia Dreyer-Rendelsmann

Cornelia Dreyer-Rendelsmann hat sich vor allem in der Szene der Reitplatzbauer nicht besonders beliebt gemacht, als sie im Landtag die Zusatzstoffe als „Abfall“ bezeichnete. Dort sagte die vereidigte Sachverständige der Landwirtschaftskammer in NRW: „Es gibt wirklich abenteuerlichste Mischungen mit Teppichschnitzeln, mit Gummierung, mit Klebern.“ Mittlerweile gebe es „Unmengen“ von Reitplätzen mit solchen Zusätzen – „manchmal im Landschaftsschutzgebiet, manchmal sogar im Wasserschutzgebiet“.

Teppichbodenreste dürfen sich nicht verteilen

Sie verweist auf einen Erlass des Landes Niedersachsen. Danach müssen Reitplatzbesitzer „geeignete Maßnahmen ergreifen, damit sich die Teppichbodenreste nicht durch Windböen oder Regen oder durch Anhaften an den Hufen in der umgrenzenden Umgebung verteilen können“. Pferdeäpfel mit Teppichbodenresten müssten genauso „ordnungsgemäß“ und „schadlos“ entsorgt werden wie das ganze „Teppichschnitzel-Sand-Gemisch“.

Laut Umweltministerium ungefährlich

Laut NRW-Umweltministerium handelt es sich bei Reitböden in der Regel nicht um gefährlichen Abfall. „Daher ist eine Kontrolle der Entsorgung der Reitböden durch die Behörden nicht vorgeschrieben“, erklärte eine Sprecherin. Darum müsse die Entsorgung auch nicht nachgewiesen werden. In NRW hat das Umweltministerium das Dämmmaterial auch schon mal als Abfall eingestuft. Wegen der sehr unterschiedlichen Materialien könne das aber nicht pauschal gesagt werden.

Drohungen gegen Gutachterin

Dreyer-Rendelsmann sagt auf Nachfrage unserer Zeitung zu den Böden: „Wo die bleiben, wissen wir nicht so ganz genau.“ Die Gutachterin, der nach eigenen Worten schon angedroht worden ist, ihr „die Bude abzufackeln“, nennt die Entsorgung solcher Böden „extremst aufwendig“. Der Sand müsse in Müllverbrennungsanlagen entsorgt werden. Das koste pro Tonne 100 bis 500 Euro. Hochgerechnet auf einen normalen Platz würde die Entsorgung dann 28.000 bis 50.000 Euro kosten. Stefan Schmidmeyer vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung vermutete während der Anhörung im Landtag, dass die Böden „auf irgendwelche Ackerflächen ausgebracht“ werden. Es gebe keine Statistik darüber, wo die wirklich landen.

Zusatzstoffe in Sandböden von Reitplätzen

Der Sand auf vielen Reitplätzen ist mit einem speziellen Material vermischt, damit die Pferde nicht ausrutschen. Dietfried Bednorz, Reitplatzbauer aus Rheine, beschreibt diese „Zuschlagsstoffe“ als „geprüfte Vlieshäcksel“, wie sie zum Beispiel auch in Windeln oder im Straßenbau verwendet würden. Vor rund 20 Jahren seien sie zum ersten Mal eingesetzt worden.

Sein Kollege Richard Vornbrock schildert die Entsorgung eines Reitbodens so: „Bevor der Sandboden auf eine Deponie gefahren wird, werden die Zusatzstoffe herausgesiebt.“ Die Verwendung etwa im Bau könnte zwar lukrativ sein, sei aber oft nicht umsetzbar, weil dafür „zur rechten Zeit in der Nähe ein entsprechendes Projekt“ gebaut werden müsse. Und das alles sei „selten zusammenzubringen“. Die fachgerechte Entsorgung der „Zuschlagstoffe“ im Sand eines Reitplatzes koste zwischen 1500 bis 1800 Euro. (werd)

Mikroplastik?

Auch die Frage nach möglichem Mikroplastik, das in die Lungen von Mensch und Pferd eindringen könnte, sei nicht geklärt. Angesichts der aktuellen Debatte um den Minimüll in den Meeren „überholt uns jetzt die Zeit“, sagt Dreyer-Rendelsmann. „Das hatten wir gar nicht auf dem Schirm.“

Kunden sollten auf Nummer sicher gehen

Reitplatzbauer Dietfried Bednorz sieht die Reitplatzbauer durch solche Aussagen „durch den Dreck gezogen“, wie er unserer Zeitung sagt. Die Zusatzstoffe seien keine Sonderabfälle. Dann wären Windeln und Autoreifen ja besonders überwachungsbedürftig. „Sicherlich existieren auf dem Markt auch Produkte für den Reitplatzbau, deren Unbedenklichkeit nicht nachgewiesen wurde. Jeder Kunde sollte auf Nummer sicher gehen und entsprechende Nachweise verlangen“, erklärt er.

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