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Schwimmbad der früheren Technischen Orthopädie

Vergangenheit in Blau

Münster

„Nostalgie pur“, seufzt Andrea Wellering und atmet tief durch. Aufmerksam schaut sich die Schatzmeisterin des Vereins „Das behinderte Kind“ im alten Schwimmbad um. Das Blau des Beckens und der Fliesen scheint die Luft zu tränken. Vage meint man, das Plantschen und fröhliche Kreischen der Kinder zu hören, die hier einst mit Rollstühlen die Rampen herunter gefahren wurden, um im Wasser die Schwerelosigkeit zu spüren.

Julia Gottschick

Erinnerungen an eine andere Zeit: Prof. Hans Henning Wetz im rollstuhlgerechten Schwimmbad der früheren Technischen Orthopädie. Wenn es nach deren früherem Direktor ginge, dann würde die Einrichtung wieder genutzt. Foto: Jürgen Peperhowe

„Wenn Wände sprechen könnten“, nickt Prof. Hans Henning Wetz, „dann hätten die hier einiges zu erzählen.“ Auf dem Mosaik am Ende des Raumes tummeln sich Pinguine, Wale und Eisbären in trauter Eintracht. Nord- und Südpol in Münster vereint. Der frühere Direktor der Klinik und Poliklinik für Technische Orthopädie und Rehabilitation schwelgt in Erinnerungen. Das Gebäude sei ein Spezifikum gewesen, betont er. 1962 von Adenauer eingeweiht, wurde es ursprünglich geschaffen, um contergangeschädigten Familien zu helfen. „In erster Linie Kindern, die manchmal bis zu einem Jahr hier gelebt haben“, erzählt er.

Verein „Das Behinderte Kind e.V.“

In den Anfangszeiten der Technischen Orthopädie ins Leben gerufen, förderte der Verein „Das Behinderte Kind e.V.“ die dort therapierten kleinen Patienten und unterstützt bis heute körperbehinderte Kinder und Jugendliche. So sammelt er Spenden für spezielles Schuhwerk oder familiengerechte Transportmittel.

„Damit behinderte Kinder, die bis heute keine Lobby haben, am Alltag teilnehmen können“, erläutert Andrea Wellering. Der Verein setze sich für Kinder ein, die aufgrund von angeborenen Fehlbildungen, Amputationen im Kindesalter, nach Unfällen, durch Brand- oder Kriegsfolgen oder nach bösartigen Tumoren Hilfe brauchen – und ist auf Spenden angewiesen.

Ebenerdig und rollstuhlgerecht, war die Klinik mit am Schluss 40 Betten genau auf ihre Klientel abgestimmt. So lag alles unter einem Dach – von der Physio-, Ergo- und physikalischen Therapie bis hin zur biologisch-orthopädischen Behandlungswerk-statt, „wo Fahrzeuge und Prothesen gebaut wurden für Menschen ohne Arme und Beine“. 2800 Contergangeschädigte gab es in Deutschland, 500 davon wurden in Münster betreut. Nicht allein, dass Letztere wieder gehen lernten. Nein, um auch beruflich wieder „Fuß zu fassen“, lehrte man sie, mit neuen Prothesen an Maschinen zu arbeiten.

Im Schwimmbad am Ende des Ganges scheint die Zeit stillzustehen. Wetz streicht mit einem Finger über die Fliesen. „Hier konnten die Physiotherapeuten am Beckenrand stehen und Patienten behandeln, ohne selbst ins Wasser zu müssen“, weist er auf die Besonderheit der Architektur hin.

Bettlägerige Patienten wurden am Kran ins Wasser gelassen. „Eine Reha-Klinik wie diese gibt es bundesweit bis heute nicht,“ ist der frühere Direktor überzeugt. Nach dem Ende der Conterganzeit 1986 wurden vor allem erwachsene Gefäßkranke und Amputierte, Tetraspastiker und Epileptiker therapiert. „Darunter ehemalige Starfighter-Piloten, die durch Radarschäden an der Maschine radioaktiver Strahlenbelastung ausgesetzt waren“. Die Folge: Krebs und Amputationen.

Der ehemalige Vorsitzende des Vereins „Das behinderte Kind“ lacht plötzlich auf, als ihm im Gang der Umkleidekabinen für Herren etwas auffällt. „Gucken Sie mal, Frau Wellering“, wendet er sich an seine einstige Sekretärin, „der Zettel hängt immer noch.“ Der Verzehr von Lebensmitteln im Schwimmbad, so teilt der Wisch lapidar mit, sei generell untersagt. Wetz und Wellering kichern unisono.

Das Ende kam im Jahre 2008, als die Technische Orthopädie im Zuge von Strukturveränderungen am Uniklinikum als defizitär abgewickelt wurde. Das Gebäude ging ans Land zurück, das heute der Fachhochschule einige Räume vermietet. Bis dato trauert Hans Henning Wetz um das alte Schwimmbad, das unter Denkmalschutz steht. „Münster hat diese Bädereinrichtung für schwerst mehrfach behinderte Menschen und nutzt sie nicht“, moniert er. „Ich persönlich würde mir wünschen, dass sie wieder ihrer früheren Bestimmung zugeführt wird.“

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