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William Youn springt für den plötzlich erkrankten Andreas Boyde im Bagno ein

Musikalische Reise durch die Romantik

Steinfurt

Schnellstmögliches Umschalten im Bagno: Kurz vor seinem Gastspiel, musste der Pianist Andreas Boyde passen. Ihn ersetzte William Youn aus Südkorea. Und wie!

Von Hans Lüttmann

Phänomenal: William Youn im Bagno. Foto: Lüttmann

Den ersten Applaus gab es schon vor dem Konzert: für Matthias Schröder, den Künstlerischen Leiter der Bagno-Konzertgalerie. Kurz vor dem Gastspiel des Pianisten Andreas Boyde hatte er einen Anruf aus der Notaufnahme in Dresden bekommen, wo der Weltklassepianist, der nach zwei Pandemiejahren aus Melbourne anreiste und Samstag im Bagno auftreten sollte, operiert wurde. (Es geht ihm schon wieder gut.) „Ich konnte einen herausragenden Einspringer buchen, der Sonntag in der Elbphilharmonie spielt und am Samstag bei uns im Bagno stoppt“, schrieb Schröder und stellte den Ersatzpianisten William Youn vor, der ebenfalls in den Konzertsälen der Welt zu Hause ist. Statt musikalischer Tanzszenen der „Balletts Russes“ gab es eine musikalische Reise durch die Romantik mit Werken von Schubert und Liszt – und einen Abstecher zu einer impressionistischen Bootstour auf hoher See und einem närrischen Morgenlied des Bolero-Komponisten Maurice Ravel.

Der Einspringer erwies sich als Glücksgriff, der für eine funkelnde Sternstunde der Klaviermusik sorgte, die strahlender nicht hätte sein können. Staunenswert, welche Farbpalette dem 1982 in Seoul geborenen Pianisten zur Verfügung steht. Wenn die Musik es fordert, packt er kraftvoll zu, zelebriert seinen Spaß an virtuosen Effekten und stürzt sich kopfüber in die Tongirlanden. Er streicht Balsam über die Tasten oder attackiert mit ganzem Körpereinsatz, hat ein treffsicheres Gespür für feine Zwischentöne, ohne den großen Bogen aus den Augen zu verlieren, und trägt seinen Beinamen „Tastenphilosoph“ völlig zu Recht.

Sofort zu Konzertbeginn, mit jener Schubert-Sonate, die spöttelnde Kritiker damals „die Kleine“ nannten, öffnete William Youn die Tür zu Schuberts Gefühlswelt. Unter seinen Händen entfaltete sich die Größe des Komponisten, seine Fähigkeit, in seelische Tiefenschichten einzudringen. William Youn gelang es, mit seiner feinfühligen Interpretation die Zuhörer im Bagno in verträumte Schwingungen zu versetzen.

Und der Ravel? Bewegtes Wasser, auf dem sich gleißend das Licht bricht, Wellenberge, Wellentäler – und das Morgenlied des Narren? Passten nur bedingt zu diesem Abend, der zwei ganz Großen gehörte: Franz Schubert und William Youn.

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