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Internetseite für Verwitwete

Plötzlich allein

Dülmen

2003 lebte Heike Fries in einer heilen Welt. Verheiratet, drei gesunde Kinder, als Nächstes wollte die Familie ein Haus kaufen. Dann kam die Diagnose: Hunderte Metastasen hatten die Bauchdecke ihres Mannes befallen, ein Jahr später hörte er auf zu atmen. Plötzlich war Heike Fries Witwe, alleinerziehend, allein.

Gunnar A. Pier

Heike Fries in ihrem Wohnzimmer: Heute hilft die vor gut 13 Jahren verwitwete Dülmenerin anderen Betroffenen, die sich über die Internetseite www.verwitwet.de oder in ihrer Selbsthilfegruppe melden. Foto: Gunnar A. Pier

Es dauerte lange, bis sie Menschen in einer ähnlichen Situation kennenlernte, mit denen sie sich austauschen konnte. Heute, gut 13 Jahre später, ist sie es, die anderen helfen kann. Zu den Treffen ihrer Selbsthilfegruppe kommen monatlich bis zu 30 Betroffene. Jetzt wird diese zehn Jahre alt.

Die Kinder waren 12, 14 und 16 Jahre alt, als der Vater starb. „Die haben das ganz bewusst wahrgenommen“, erinnert sich Heike Fries. Der Tod kam nicht überraschend – dennoch konnte die Familie sich nicht darauf vorbereiten. „Was hätten wir sagen sollen? Wir wussten ja selber nicht weiter. Es hilft einem auch niemand.“ Das Jahr zwischen Diagnose und Tod verging schnell: „Ich weiß gar nicht, wie wir da gelebt haben. Wir wussten, dass die Zeit bald endet – und haben trotzdem alles normal weitergemacht.“ Ein vermeintlich normales Familienleben.

Die letzten drei Wochen seines Lebens verbrachte ihr Mann zu Hause. Dann starb er.

Heike Fries

Ein Leben zwischen Trauer und organisatorischen Herausforderungen

Zurück blieben Ehefrau Heike und die drei Kinder. „Wir waren ein Dream-Team mit einem tollen Zusammenhalt, der bis heute funktioniert“, erinnert sie sich. Aber die Probleme waren allgegenwärtig: „Was sollte ich sagen, wenn mich jemand auf der Straße fragte, wie es mir geht?“ Die Antwort „gut“ aus dem Mund einer frisch verwitweten Frau hätte verwundert. Aber „schlecht“ will auch niemand hören.

„Wir haben in der Zeit zwei Leben geführt.“ Da draußen der normale Alltag mit Schule, Freunden, Fußballtraining. Und dann das neue Leben zu Hause. Ein Leben zwischen Trauer und organisatorischen Herausforderungen. „Ich habe immer gedacht: Du musst zehn Jahre durchhalten, bis die Kinder auf einem sicheren Weg sind. Wenn ich es schaffe, sie zu glücklichen und zufriedenen Menschen zu begleiten, ist es gut.“ Um sich selbst kümmerte sich Heike Fries kaum. „Alle Vorstellungen, die ich von meiner Zukunft hatte, waren eh nicht mehr da.“ Die Mutter fokussierte ihre Kraft auf das Wohl ihrer Kinder – und fühlte sich mehr und mehr allein.

Heike Fries

Hilfe aus dem Internet

Dann aber fand sie Anschluss – ausgerechnet über das als so unpersönlich geltende Internet. Auf der Seite verwitwet.de tauschen sich Menschen in ihrer Situation aus. „In dem Forum habe ich Beiträge gelesen, bei denen ich gedacht habe: Das hätte ich genau so auch schreiben können!“ Da wurden praktische Probleme zwischen Behördengang und Kinderbetreuung genauso diskutiert wie die schwierige Gefühlslage. Wie sehr gebe ich mich der Trauer hin, wie stark will ich sein, darf ich mich neu verlieben?

So fand Heike Fries Gruppen mit jungen Verwitweten, die sich regelmäßig treffen. Sie fuhr nach Essen, Ratingen, Hannover – und fühlte sich wohl: „Das waren entspannte Nachmittage, weil alle wussten, wovon wir reden.“ Denn worum es auch geht: „Das Thema spielt immer rein, selbst wenn man über Alltagsdinge spricht.“ Urlaub, Kino, Besuch auf dem Weihnachtsmarkt – ohne Partner ist das anders.

Heike Fries

Eigene Selbsthilfegruppe gegründet

Die Treffen gaben Heike Fries Halt und Orientierung. Deshalb rief sie eine eigene Selbsthilfegruppe in Dülmen ins Leben. Seit zehn Jahren treffen sich Witwen und Witwer einmal im Monat. Weit über 300 Betroffene waren schon da. „Das ist eine Aufgabe in meinem Leben geworden“, sagt Heike Fries.

Längst kann sie dort mehr geben als nehmen, als ausgebildete Trauerbegleiterin Trost spenden, Heike Fries wirkt stark. Aber: Die Trauer ist nie vorbei: „Selbst nach über 13 Jahren erwischt es mich manchmal noch.“

Die Selbsthilfegruppe Münsterland für junge Verwitwete

Seit November 2007 treffen sich auf Initiative von Heike Fries an jedem dritten Sonntag im Monat jüngere Verwitwete zu einem Gesprächsnachmittag in einem Pfarrheim der Dülmener Gemeinde Heilig Kreuz. Aus anfangs neun oder zehn Besuchern sind inzwischen fast 30 Betroffene geworden.

In der ersten Stunde wird gemeinsam über ein Thema gesprochen. Wie gehe ich mit den Kleidungsstücken des verstorbenen Partners um? Wo bekomme ich Hilfe? Wie mache ich alleine Urlaub? Wie gehe ich mit Reaktionen der Mitmenschen um?

Danach klingt der Nachmittag in lockerer Atmosphäre aus. Wer Interesse hat, wird gebeten, sich vorher anzumelden.

Die ausgebildete Trauerbegleiterin engagiert sich auch im Verein „Jung verwitwet“ und bietet dort ihre Hilfe an.

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