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Die Sorge der Entsorger

Restmüll in der Biotonne stört die Kompostierung

Münsterland

Die Deutschen gelten als Meister im Müll sortieren - doch die Disziplin ist unterschiedlich ausgeprägt. Besondere Probleme bringen "Störstoffe" wie Plastiktüten und Marmeladengläser zwischen Spargelschalen und Rasenschnitt im Biomüll. Warum eigentlich? Ein Besuch im Kompostierwerk.

Gunnar A. Pier

Blick in die Biotonnen: Robert Hille sucht in Greven nach Störstoffen im Biomüll. Foto: Gunnar A. Pier

„Das ist die Tonne von Haus Nummer 33“, sagt Robert Hille und verwettet direkt eine Tasse Kaffee drauf, dass er eine rote Karte auf den Deckel kleben muss. Mit einem Haken wühlt er sich durch Gemüseschalen, Kaffeeprütt und Rasenschnitt. Fündig wird er nicht – und strahlt: „Da habe ich doch Erfolg gehabt!“ Robert Hille kontrolliert in Greven die Biotonnen. Er sucht nach „Störstoffen“: Plastiktüten, Joghurtbecher, Autobatterien. Denn die bereiten bei der Weiterverarbeitung der Bioabfälle große Probleme.

Manchmal mehr als zehn Prozent Störstoffe

Die Zeiten, als der komplette Haushaltsmüll auf einen Haufen geworfen wurde, auf dass davon verrotte, was will, sind Geschichte. Die Deutschen sind ein Volk der Mülltrenner, idealerweise landet nur noch ein klägliches bisschen in der Restmülltonne. Doch die Disziplin ist unterschiedlich ausgeprägt. Robert Hille erfährt es jeden Tag beim Blick in die Biotonnen. In mancher Müllwagen-Fuhre beträgt der Anteil der Dinge, die im Biomüll nichts zu suchen haben, mehr als zehn Prozent. Greven gilt als Schlusslicht im Kreis Steinfurt.

Zentrale Kompostierung

Die Münsterland-Kreise haben ihre Abfallentsorgung zentralisiert. So gibt es jeweils ein Kompostwerk, in dem die Inhalte der Tonnen mit dem braunen Deckel verarbeitet werden. Beispiel Saer­beck: Im Bioenergiepark gibt es neben Windrädern und Solarzellen auch das Kompostwerk für den Kreis Steinfurt. Knapp 50 000 Tonnen Bioabfall werden hier Jahr für Jahr hingekarrt. Daraus entstehen unter anderem um die 16 000 Tonnen Kompost und sechs Millionen Kilowattstunden Strom.

Biomüll mit Störstoffen: Zu oft landet Plastik im Grünzeug. Foto: Gunnar A. Pier

Drei Schritte auf dem Weg zum Kompost

Biomüll verwerten – das geht in Saerbeck so:

►  1.: Fermenter: Radlader packen den Biomüll in riesige Bunker, die aussehen wie große Garagen. Sie werden luftdicht verschlossen und mit selbst erzeugter Energie auf knapp 60 Grad Celsius geheizt. Zehn bis zwölf Tage lang gärt das Material, aus dem dabei entstehenden Biogas wird direkt Strom erzeugt. Heraus kommt eine schwarze, vergorene Masse. „Die stinkt wie Hulle“, formuliert Nico Königkrämer von der Entsorgungsgesellschaft Steinfurt plastisch.

►  2.: Intensivrotte: Bis zu zehn Tage rottet das Material weiter – wieder in garagen-ähnlichen Boxen, aber diesmal mit Sauerstoff.

►  3.: Nachrotte: Weitere vier bis sechs Wochen wird das Material in einer großen Halle gelagert und wöchentlich gewendet. Es bleibt ein hochwertiger Kompost.

Kuriose Funde: In Saerbeck sammeln die Mitarbeiter den merkwürdigsten "Biomüll" in einer Vitrine. Foto: Gunnar A. Pier

Glassplitter fallen durchs Sieb

Ab hier machen die Störstoffe Probleme. Der Kompost wird zwar gesiebt, so haben Plastiktüten, Deckel und Gartenschaufeln keine Chance. „Das ist aber ein Kostenfaktor und ein Nachteil für die Umwelt“, erklärt Königkrämer. Rund 2800 Tonnen Müll wurden alleine in Saerbeck 2016 aus dem Biomüll gefischt. Doch kleine Tütenfetzen und vor allem Scherben von Gläsern, die auf dem Weg zerbrochen sind, fallen durchs Sieb – und landen später mit dem kompost auf Äckern und in Gartenbeeten.

Ein riesiges Sieb: Mit diesem Gerät fischen sie in Saerbeck Störstoffe aus dem fertigen Kompost. Foto: Gunnar A. Pier

Kompostierbare Tüten als Alternative

Eine Alternative zu Papiertüten oder gar Plastiktüten können kompostierbare Kunststofftüten sein, die unter anderem aus Maismehl hergestellt werden – erkennbar am „Sämling“-Logo. Doch sie sind nicht in jedem Fall die Lösung.

Dem Kompostwerk in Saer­beck bereiten sie keine Probleme, wie Tests ergeben haben: Am Ende der Vergärung haben sich die Bio-Tüten zersetzt.

Anders sieht es beispielsweise in Coesfeld aus. Dort werden Fremdstoffe bereits vor dem Gärprozess aussortiert. Weil dabei nicht unterschieden werden kann zwischen Plastiktüten und kompostierbaren Tüten, werden diese ebenso aussortiert und landen mit in der Verbrennung.

Auf jeden Fall im Biomüll falsch sind Plastiktüten, die aus recyceltem Kunststoff hergestellt wurden. Plastik bleibt eben Plastik – auch wenn es wiederverwertet wurde. (gap)

Suche nach Abfallsündern

Deshalb wird teils rigoros gegen Abfallsünder vorgegangen. Greven, Biomüll-Buhmann des Kreises Steinfurt, schickt Robert Hille los. Der schaut buchstäblich in jede Tonne. Findet er Plastiktüten, klebt er eine „gelbe Karte“. Wer richtigen Restmüll in die preiswertere Biotonne wirft, riskiert eine „rote Karte“. Dann lässt der Müllfahrer die Tonne stehen – und im Wiederholungsfall wird die Tonne eingezogen.

Mehr zum Thema

Die Münsterland-Kreise und ihr Biomüll: ein Überblick.

Eine Alternative? Kompostierbare Tüten lösen nicht jedes Problem.

Schlusslicht: Der Biomüll aus Greven ist alles andere als bio. Das hat sich bei Kontrollen heraus gestellt.

Seit gut einem Jahr geht Greven diesen Weg der Aufklärung. Der Erfolg ist deutlich sichtbar – nicht nur in der Biotonne von Haus Nummer 33.

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