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Pflegerinnen aus Osteuropa

Rundum-Versorgung garantiert

Münster

Sie garantieren Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Sie wechseln häufig und müssen ihren Agenturen regelmäßig Gebühren abgeben. Aber: Ohne die Pflegerinnen aus Osteuropa wären viele Familien völlig überfordert.

Judith Hoppermann

Die alte Dame wollte eigentlich keine fremde Frau im Haus haben. Aber sie wollte noch viel weniger ins Heim: Deshalb kam erst Rita aus Rumänien, dann Maria und Olga aus Polen und schließlich Katarina aus Bulgarien, um die 85-Jährige rund um die Uhr zu betreuen.

„Irgendjemand muss doch die Tür aufmachen, wenn der Pflegedienst kommt"

Ihr Sohn arbeitet im Ausland. „Aber irgendjemand muss doch die Tür aufmachen, wenn der Pflegedienst kommt und darauf achten, dass sie isst“, sagt er. Deshalb betreuen Pflegekräfte aus Osteuropa seine Mutter seit rund vier Monaten. Er glaubt, das Thema ist heikel. Deshalb wollen er, die Pflegerinnen und seine Mutter anonym bleiben. Laut einer Pflegestatistik von 2013 sind insgesamt rund drei Millionen Deutsche pflegebedürftig. Rund 71 Prozent werden zu Hause gepflegt.

Katarina ist erst seit ein paar Tagen da. Schon seit 26 Jahren pflegt sie alte Menschen – mit „Demenz, Alzheimer, Sonde, Rollstuhl und ALS“. Wie so viele in ihrer Familie hilft sie dort, gibt Medikamente, kocht, wäscht frisiert, füttert und gibt Spritzen. Ihre letzte „Kundin“ war eine 90-Jährige Österreicherin, eineinhalb Jahre war sie dort. „Dann ist sie gefallen und war zwei Monate später tot“, sagt Katarina.

Keine professionelle Pflege

Ambulante Pflegedienste wie „Pflege Münster“ sind dankbar für die Unterstützung. „Aber nur unter einer Bedingung: Die 24-Stunden-Pfleger dürfen keine professionelle Pflege machen, keine Wunden versorgen, keine Verbände wechseln und die Patienten nicht waschen“, sagt die Inhaberin Slavenka Rakic. Denn dafür hätten sie keine Ausbildung. Als Konkurrenz sehen sie die Frauen aus Osteuropa nicht: „20 bis 25 Euro kostet eine Stunde bei uns. Auf den Tag hochgerechnet wird das unbezahlbar“, sagt Rakic. Aber auch für die ambulante Pflege sei die Nachfrage hoch genug. Von ihren 80 Patienten haben fünf eine Pflegekraft aus Osteuropa, zehn eine Tagespflege.

Wie viele Pflegekräfte aus Osteuropa genau in Deutschland arbeiten, ist nicht bekannt. Die Landesverbraucherzentrale schätzt, dass es zwischen 150 000 und 300 000 sind.  Denn: „Viele Frauen pendeln immer hin und her oder wechseln alle vier bis sechs Wochen den Arbeitsplatz“, sagt Christiane Grote von der Verbraucherzentrale.   

Je besser sie Deutsch sprechen, desto teurer wird es

Wichtig sei, die Betreuungskräfte nicht illegal zu beschäftigen, sonst mache man sich strafbar. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, die Pflegekraft direkt anzustellen. „Das ist auch nicht wesentlich teurer als über eine Agentur“, sagt Christiane Grote von der Verbraucherzentrale. Denn seit diesem Jahr müssten auch  Firmen im Ausland den Mindestlohn zahlen. Die Pflegekräfte, fast ausschließlich Frauen, kommen vor allem aus osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten wie Polen, Bulgarien und Rumänien. Bei vielen Vermittlungsagenturen gelte der Grundsatz: Je besser sie deutsch sprechen könnten, desto teurer sind ihre Dienste.

Aber weil das vielen Betroffenen zu teuer ist, sind etliche Pflegekräfte illegal beschäftigt. Auch Elena aus Bulgarien, die nun offiziell angemeldet eine ältere Dame in Österreich pflegt,  hat sich in Deutschland schon schwarz um ältere Menschen gekümmert. Sie pflegt, weil sie in ihrer Heimat  keinen Job fand. „Ich bin damals über eine private Vermittlerin an die Familien gekommen“, sagt sie. Über ein Internetportal hätten sich beide kennengelernt. Die Kosten der Vermittlung: Einmalig 220 Euro plus 50 bis 100 Euro im Monar, „je nachdem, wieviel ich verdient habe“, sagt sie. Meist waren das etwas mehr als 200 Euro in der Woche. „Heute kommen die meisten über Agenturen, das war damals anders“, sagt sie. Zwar seien die Familien immer nett gewesen, „aber ich hatte immer eine Angst im Hinterkopf: Was, wenn etwas passiert? Schließlich hatte ich keine Versicherung.“ 

Agenturen halten die Hand auf

Bei Katarina ist das anders. Für die Vermittlung habe die Agentur rund 800 Euro bekommen, sagt der Sohn der älteren Dame. Damit sind alle Vermittlungen im nächsten Jahr abgedeckt. „Es ist ein windiges Geschäft. Ich glaube schon, dass die Dienstleister in Polen gut ein Drittel von dem einbehalten, was wir jeden Monat zahlen“, sagt er. Das sind rund 2000 Euro – ohne Zuschüsse der Krankenkasse. Er könnte Katarina auch selbst beschäftigen. „Am Ende kommt es aber mit Steuern und Sozialabgaben aufs Gleiche raus“, sagt er. Anstelle des Vermittlers im Ausland kassiere dann der Staat das Geld. 

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Christiane Grote, Verbraucherzentrale

„Obwohl viele Agenturen damit werben: Die 24-Stunden-Pflege ist eine Mogelpackung“, sagt Christiane Grote von der Verbraucherzentrale. „Rund um die Uhr darf nach deutschem Arbeitsrecht  niemand arbeiten. Wenn Familien Betreuungskräfte 24 Stunden beschäftigen, ist dies eine moderne Form der Ausbeutung.“ Familien sollten versuchen, einen Mix aus unterschiedlichen Betreuungsangeboten zu schaffen.  So könnten ein ambulanter Pflegedienst, Familienmitglieder und Betreuungskraft den Pflegebedürftigen gemeinsam versorgen.  Möglich ist neuerdings auch, zusätzlich tagsüber eine Tageseinrichtung zu besuchen. „Den Rest kann dann die Familie gemeinsam mit der Betreuungskraft übernehmen.“ Wenn wirklich eine Rund- um-die-Uhr-Betreuung gewährleistet werden müsse, „müssten die Familien zwei oder drei Kräfte engagieren.“ 

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