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Betrug

Schlag gegen Bande „falscher Polizisten“ – 200 Verdachtsfälle

Bocholt

Der Polizei ist ein Schlag gegen einen mutmaßlichen Betrügerring gelungen. Nach langen Ermittlungen ist eine Gruppe aus Bocholt jetzt in Untersuchungshaft. Die Ermittler glauben, dass etwa 200 Taten auf das Konto der Bande gehen.  

Die Polizei hat einen Betrügerring auffliegen lassen. Foto: Silas Stein/dpa/Symbolbild

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht über Betrüger berichtet wird, die sich am Telefon als Polizisten vorstellen und nur eines im Sinn haben – ihre Opfer, zumeist Seniorinnen und Senioren, um deren Geld zu bringen.

Wie die Kreispolizeibehörde Borken und die Staatsanwaltschaft Münster jetzt gemeinsam mitteilten, haben monatelange intensive Ermittlungen gegen eine zehnköpfige Gruppe in den vergangenen Tagen zur Festnahme mehrerer Personen geführt, „die im dringenden Verdacht stehen, als Boten Teil des Betrügerrings gewesen zu sein“. Bei Durchsuchungen in acht Wohnungen in Bocholt sowie einer Wohnung in Monheim am Rhein stellten die Ermittler den Angaben zufolge unter anderem Schmuck, Bargeld in vierstelliger Höhe und Mobiltelefone als Beweismittel sicher.

Callcenter in der Türkei

Nach derzeitigem Ermittlungsstand werden die betrügerischen Anrufe zum Nachteil der Senioren aus einem Callcenter in der Türkei geführt, berichtet die Polizei. Von dort werden  demnach „Abholer" zu den Wohnanschriften der Opfer geschickt, sobald diese überzeugt werden konnten, dass ihre Wertsachen zuhause nicht sicher sind und dringend an angebliche Polizeibeamte übergeben werden müssen.

Teilweise handele es sich bei den Abholern um ahnungslose Personen, die sich über Internetportale auf eine Stelle als Kurierfahrer bewerben und gutgläubig die Wertgegenstände bei den Senioren abholen. Bei den meisten der nun Beschuldigten bestehe aber der Verdacht, dass sie unmittelbaren Kontakt mit dem türkischen Callcenter unterhielten und sich nicht nur um Geldabholungen vor Ort bei den Senioren, sondern auch um den Einsatz erbeuteter EC-Karten an Geldautomaten, um den Verkauf von Gold und Schmuck und um den Geldtransfer in die Türkei kümmerten.

Neun Verdächtige aus Bocholt

Es handelt sich um Bocholter im Alter von 18, 20, 25, 32, 44 und 47 Jahren, drei Bocholterinnen im Alter von 26, 27 und 37 Jahren, sowie eine 29-Jährige und einen 33-Jährigen aus Monheim.

Der 25-jährige aus Bocholt leistete zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater bei der Durchsuchung erheblichen Widerstand und schlug einem der Beamten mit der Faust ins Gesicht. Dazu wurde ein gesondertes Strafverfahren eingeleitet.

Die Tatverdächtigen sind teilweise geständig. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Münster wurden die 26- und 27-jährigen Bocholterinnen und zwei Bocholter im Alter von 25 und 47 Jahren dem Haftrichter vorgeführt. Es erging in allen vier Fällen ein Haftbefehl. Die Personen befinden sich inzwischen in Justizvollzugsanstalten. Der Vorwurf lautet gewerbs- und bandenmäßiger Betrug. Dabei handelt es sich um einen Verbrechenstatbestand, der mit Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bis zu zehn Jahren unter Strafe gestellt ist. Konkret werden den Inhaftierten bislang 16 Taten mit einer Gesamtschadenssumme in einer Höhe von etwa 96.000 Euro vorgeworfen.

200 Taten auf dem Konto der Bande?

Die Ermittlungen dauern an. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, dass circa 200 Taten mit einer Gesamtschadenshöhe von etwa 275.000 Euro auf das Konto der Bande gehen. Die örtlichen Schwerpunkte dieser Taten lagen im Großraum Bocholt aber auch im Ruhrgebiet.

In den meisten Fällen seien die Geschädigten „glücklicherweise nicht auf die Masche hereingefallen“, heißt es, so dass es überwiegend bei Betrugsversuchen geblieben sei.

Das Vorgehen beschreibt die Polizei als „teilweise äußerst perfide“. So sei beispielsweise eine 95-jährige Seniorin von einer der Beschuldigten mit einem Auto zu deren Hausbank gefahren worden, um dort vermutetes Bargeld erlangen zu können. Der Versuch misslang letztlich.

Unter dem Vorwand, dass in der Nachbarschaft Straftaten verübt worden seien, seien einige Senioren „über Tage massiv unter Druck“ gesetzt und dabei gezielt angewiesen worden, sich niemandem anzuvertrauen, um die angeblichen polizeilichen Ermittlungen nicht zu gefährden. Diese Zeit haben die Täter genutzt, um das jeweilige EC-Karten-Tageslimit über längere Zeit auszuschöpfen.

Wo das Geld gelandet ist, ist nach Angaben der Polizei auch bereits klar: „Der Großteil der Beute wurde durch die Bande in die Türkei transferiert.“ Die Ermittlungen zu den in der Türkei handelnden Tätern dauerten an.

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