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Ende der Zusammenarbeit

Selbsthilfegruppen von Missbrauchsopfern kritisieren das Bistum Münster

Münster/Rhede

Die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche schien im Bistum Münster bisher vorbildlich zu funktionieren. Doch jetzt gibt es Kritik – ausgerechnet von Opfer-Selbsthilfegruppen.

Josef Barnekamp

Martin Schmitz ist Anfang der 1970er Jahre als Messdiener Opfer des in Rhede tätigen Kaplans Heinz Pottbäcker geworden. Er wirft dem Bistum den Bruch von Vereinbarungen vor. Foto: Pier

Zwei Selbsthilfegruppen für Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester und andere Kirchenvertreter haben jetzt die Zusammenarbeit mit dem Bistum Münster aufgekündigt. Die Gruppen aus Rhede und Münster, die rund 60 Missbrauchsopfer in ihren Reihen vertreten, werfen dem Bistum vor, sich nicht an erst im Herbst 2020 getroffene Vereinbarungen zu halten. Man stelle sich die Frage, ob das Bistum Münster überhaupt an einer „ernsthaften Beteiligung der Missbrauchsopfer auf Augenhöhe interessiert“ sei, so die Sprecher der Gruppen, Martin Schmitz aus Rhede und Antonius Kock aus Münster.

Schmitz war Anfang der 1970er Jahre als Messdiener Opfer des in Rhede tätigen Kaplans Heinz Pottbäcker geworden, Kock in den 1960er Jahren im Internat der Marianhiller in Reken-Maria-Veen Opfer eines dort arbeitenden Paters. Beide gehören zu den vielen hundert Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester allein im Bistum Münster. Ein Zwischenbericht einer Studie, die vom Bistum bei der Uni Münster in Auftrag gegeben worden war, sprach 2018 von mindestens 200 Beschuldigten im Zeitraum 1945 bis 2018. Hier sitzt Schmitz im Beirat der Studie – und will das weiter tun.

„Uns ist quasi der Kragen geplatzt“

„Ja, uns ist quasi der Kragen geplatzt“, sagte Schmitz am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung und verweist auf Versprechen des Bistums aus dem Vorjahr. Damals hätten Schmitz und Kock auf der einen Seite sowie unter anderem Bischof Felix Genn und der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, auf der anderen Seite vereinbart, alle dem Bistum bekannten Missbrauchsopfer schriftlich zu einem ersten Treffen einzuladen.

Jetzt, so Kock und Schmitz, wolle das Bistum nur noch die Opfer einladen, die Interesse an einer Mitarbeit in Bistumsgremien hätten – und das auch nur über eine Einladung über die Medien. „Damit schließt das Bistum einen Teil der Betroffenen aus“, finden Schmitz und Kock, die die Kündigung der Zusammenarbeit mit dem Bistum per Videokonferenz mit ihren Gruppen-Mitgliedern abgesprochen haben. Schließlich gebe es eine ganze Reihe von Opfern, „die durch die Missbrauchstaten so verletzt sind, dass sie den Kontakt zur Kirche meiden.“

Missbrauchsopfer wollen kein „Feigenblatt“ sein

Eine unabhängige Betroffenenvertretung werde so unmöglich gemacht, sagt Schmitz, der sich wie Kock und andere Opfer nicht „auf die Funktion eines Feigenblattes reduzieren“ lassen will. Wenn Betroffene das Bistum bei der Aufarbeitung der Verbrechen lediglich „begleiten sollten“ und nicht eigene Interessen vertreten dürften, dann sei das in „hohem Maße übergriffig“.

Laut Schmitz habe das Bistum zudem weitere im Oktober getroffene Absprachen nachträglich ändern wollen und habe „Zeitdruck“ bei der Abfassung eines Aufrufs aufgebaut.

Bistum Münster bedauert Entscheidung

Das Bistum Münster bedauerte am Mittwoch in einer Stellungnahme die Entscheidung der Selbsthilfegruppen. Darin betont der Interventionsbeauftragte Peter Frings, dass man „dankbar für das Engagement“ der Gruppen sei.

„Wir möchten eine breite, selbstorganisierte, vom Bistum unabhängige Betroffenenbeteiligung“, schreibt Frings, räumt aber ein, dass es „unterschiedliche Auffassungen“ über das Verfahren gebe, „wie das erreicht werden kann“. Dass man als Bistum nicht alle Missbrauchsopfer anschreibe, habe auch damit zu tun, dass es Betroffene gebe, „die keine Post vom Bistum wollen und jeden Kontakt mit der Kirche ablehnen“.

Frings betont, dass das Bistum nie gesagt habe, man wolle bistumsseitig einen Betroffenenbeirat bilden. Man biete den Opfern, „wenn sie das möchten, organisatorische und finanzielle Unterstützung an“, heißt es. „Das alles ist aber nur ein Angebot.“

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