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Waldbauernpräsident fordert „runden Tisch“ beim Landrat

„Wald ist keine Sport-Arena“

Lienen/LadbergenT...

Es ist ein Phänomen, das sich mit der Corona-Pandemie und dem gleichzeitigen Siegeszug des E-Bikes und der Verbreitung von Strecken-Apps deutlich verstärkt hat: War der Teutoburger Wald lange ein Geheimtipp unter heimischen Mountainbikern, lockt er inzwischen viele Radsportfreunde auch aus entfernten Regionen an.

Stephan Beermann und Michael Schwakenberg

Mountainbiker sind schmale, anspruchsvolle Wege wie hier im Riesenbecker Berg ideal für ihren Sport.

Dies führt zu teils drastischen Konflikten. Ein aktiver Mountainbiker berichtet von Nagelbrettern und Drahtseilen auf Kopfhöhe – und weiter: „Es macht wirklich keinen Spaß, mit aufgehetzten Wutbürgern im Wald über das Erschießen und Aufhängen von Mountainbikern zu diskutieren.“

Die zuständigen Förster sind um Sachlichkeit bemüht. Auch ihnen ist die Zunahme des Betriebs im Wald natürlich nicht entgangen, und auch nicht, dass einige – bei weitem nicht alle Mountainbiker – sich nicht angemessen verhalten, sich immer neue Trails suchen (und finden), tiefe Spurrillen im sensiblen Waldboden hinterlassen, sogar Sprungrampen einbauen.

Aus Sicht der Forstwirtschaft ist die permanente Unruhe im Forst in mehrfacher Hinsicht ein Problem. Dazu zählt auch, dass sich das Wild in die letzten ruhigen Ecken verdrücken muss und der Schaden durch Verbiss örtlich in die Höhe schnellen kann. Auf ein weiteres Problem weist Daniel Herder (Heeremanscher Forstbetrieb, Riesenbeck) hin: „Wie sieht es mit der Haftung bei einem Unfall aus?“

Daniel Herder wie auch sein Kollege Markus Weber vom Regionalforstamt weisen darauf hin, dass motorisierte Fahrzeuge auf den Gehwegen im Wald nicht erlaubt sind, Fahrräder aber sehr wohl. „Da muss man sich arrangieren“, sagt Markus Weber. Nicht erlaubt jedoch sei auch den Fahrrädern das Fahren abseits der Wege, insbesondere dann, wenn die Wege zudem zu einer Art Sportparcours ausgebaut werden. Da stellt sich sogleich die Frage: Ab wann ist ein Weg ein Weg? Dank der technischen Aufrüstung der Fahrräder eröffnen sich auch weniger geübten Radsportlern neue, zusätzliche Möglichkeiten, sich die Natur zu „erobern“. Dazu sagt Weber: „Das ist eine andere Dimension. Das Gesetz hängt den heutigen Möglichkeiten hinterher.“ Dies gilt übrigens inzwischen in quasi jeder bergigen Landschaft. In den Alpen finden sich heute E-Biker, wo man es bis dahin nicht für möglich hielt.

Auf diesen Punkt weist auch Dr. Philipp Freiherr Heereman hin. „Wir sollten aus dem Wald keine Sportarena machen“, sagte der Präsident des Waldbauernverbandes Nordrhein-Westfalen. Der Riesenbecker betont: Das Betretungsrecht des Waldes sei ein hohes Gut, das sich die Gesellschaft in Deutschland erarbeitet habe. Das Forstgesetz legt fest, dass das Betreten des Waldes „zum Zwecke der Erholung“ erlaubt ist. Insofern, so Heereman, sei Wandern und auch Radfahren zur Erholung im Wald in Ordnung, nicht aber das Mountainbikefahren im Sinne der Sportausübung. Neue Techniken, dazu zählt er auch das Geocaching, hebeln das Naturerlebnis aus.

Aufgrund der jetzt angestoßenen Diskussion habe er Landrat Dr. Martin Sommer angeschrieben und um einen „runden Tisch“ mit allen Akteuren – Waldbauern, Naturschutz, Verwaltung und Politik, Sportverband, Tourismus etc. – gebeten, denn: „Das Miteinander von Mensch und Natur muss geregelt sein.“ Dazu brauche es Regeln und eine Ordnungsbildung, aus der sich der Staat bislang jedoch raushalte. Weiter sagte der Waldbauernpräsident: „Nur Schilder aufstellen, das reicht nicht.“ Es brauche auch jemanden, der die Einhaltung von Regeln durchsetzt.

Mit NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser habe er das Problem in diesen Tagen angesprochen. Gerade jetzt müsse Familien die Chance geboten werden, im Wald Erholung zu finden und der Corona-Situation für einige Zeit zu entkommen. Mit E-Bikes im Wald sei das aber nicht vereinbar. Offen zeigte sich Heereman für die Ausweisung festgelegter Mountainbiker-Routen – so wie es festgelegte Reitwege gibt. Dies mit dem Zusatz, dass die Einhaltung dann kontrolliert werden muss. Dies bedeute auch, dass Waldgebiete für Mountainbiker komplett gesperrt werden. Hier seien die Kommunen gefragt, mit privaten Eigentümern Abmachungen zu finden.

Mountainbiker oder Wanderer? Vor diese Alternative gestellt, fällt der Geschäftsführerin der Tecklenburger Land Tourismus, Alexia Finkeldei, die Antwort leicht: Im Tecklenburger Land, hier speziell im Teutoburger Wald, haben die Kommunen eindeutig den Fokus auf die Wanderer gelegt. Als Mountainbike-Trail eignen sich nach Einschätzung von Alexia Finkeldei insbesondere die Teutoschleifen nicht. Denn das sind oft schmale Pfade und es sei bei deren Ausweisung schwer genug gewesen, die vielen Eigentümer mit ins Boot zu holen. Mountainbiketrails in diesem sensiblen Bereich auszuweisen, dazu sehe sie „keine Chance“, so die Tourismus-Expertin. Dazu sei der Teuto viel zu schmal, der Nutzungsdruck zu hoch und es steige die Gefahrenquelle. Und weiter: „So leid es mir für die Mountainbiker tut. Aber wir können nicht alle Sparten bedienen.“

Weiter sagte sie: Mit Bikern und Wanderern stoßen zwei verschiedene Geschwindigkeiten aufeinandern. Bei den einen gehe es um Fun, bei den anderen um Naturerlebnis, „wir können nicht alles bieten“. Eine Alternative sehe sie in wirklich attraktiven Mountainbike-Strecken, die etwa auf einer der Bergehalden in Ibbenbüren angelegt werden könnten. In der nächsten Vorstandssitzung werde dies Thema sein.

Speziell in Lienen war das Thema Mountainbiker im Teuto von knapp einem Jahr reichlich hochgekocht, nachdem sich ein Verein gegründet hatte. Laut Anja Schmidt von der Tourist-Information handelt es sich unabhängig von Corona um einen seit Jahren schwelenden Konflikt, von dem auch umliegende Kommunen wie Hagen, Hasbergen oder Bad Iburg betroffen sind. Beschwerden kämen weniger von Wanderern sondern viel mehr von Waldbauern. „Wenn da 15 Mann mit einem Affenzahn vorbeikommen, dann fühlt man sich schon gestört.“ Ein ebenso großes Problem seien Fahrer, die nicht auf den Wegen bleiben. Schmidt: „Es handelt sich um Privatgrund. Und man geht ja auch nicht einfach in fremde Gärten, nur weil sie einem gut gefallen.“ Es seien halt immer einige wenige, die sich nicht benehmen können und dadurch auffallen. „Und dann wird verallgemeinert“, so Schmidt.

Wo kein Teuto oder sonst ein Mittelgebirge, dort auch kein Interessenkonflikt mit Mountainbikern. Dieses Fazit könnte man aus der Aussage von Ladbergens Ordnungsamtsleiterin Heike Peters ziehen: „Uns ist da nichts bekannt.“ Zwar habe auch Ladbergen sein Teutoschleifchen, doch das sei für Mountainbiker eher uninteressant. Gleichwohl wirbt der Ort, wie das gesamte Münsterland, um Fahrradtouristen. Aber eben weniger um die mit geländegängigen Leezen, sondern eher um die mit Holland- oder Tourenrädern. Jene, denen Radfahren Spaß macht, ohne dass sie sich dabei tief über den Lenker gebeugt einen Abhang hinunterzustürzen müssen.

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