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Legasthenie bei Kindern

Wenn der Fehlerdrache die Buchstaben frisst

Etwa drei Millionen Menschen in Deutschland sind Legastheniker, leiden also an einer Lese- und Rechtschreibstörung. Die neunjährige Katharina Deilmann aus Appelhülsen ist eine von ihnen. Das Leben mit dem Fehlerdrachen meistert die Grundschülerin auch deswegen so gut, weil sie regelmäßig Therapiesitzungen besucht und aus der Störung kein Geheimnis macht. 

Philip Ritter

Katharina Deilmann hat einen ständigen Begleiter. Er hört auf den etwas ungewöhnlichen Namen „Lurs“, ist ein Drache mit himmelblauen Hörnern und sitzt mit Vorliebe auf Katharinas linker Schulter. Im Gegensatz zu Tabaluga, Grisou und vielen anderen eher freundlich gesinnten Artgenossen ist Katharinas persönlicher Lindwurm ein echter Plagegeist: Anstatt die Neunjährige zu beschützen und Feuer zu spucken, wenn Gefahr droht, macht „Lurs“ der Schülerin das Leben schwer. Denn „Lurs“ steht für „Lese- und Rechtschreibstörung“, jene auch unter dem Namen Legasthenie bekannte Störung, die bei Katharina vor einiger Zeit diagnostiziert wurde.

Zum ersten Mal wirklich „sichtbar“ wurde der „Lurs“ während einer der Therapiestunden, die die Schülerin aus Appelhülsen seit etwa eineinhalb Jahren besucht. „Der Lurs war es, der es mir so schwer gemacht hat“, sagt Katharina mit jener Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spiel, die Kinder an den Tag legen, wenn sie es mit Weggefährten zu tun haben, die sie gleichzeitig für real und ihrer eigenen Fantasie entsprungen halten. „Der Lurs hat Buchstaben weggefressen und Fehler dazugegeben“, sagt sie im Brustton der Überzeugung und zeigt auf den grünen Plüsch-Drachen neben ihr auf dem Tisch. „Aber jetzt ist er ja sichtbar.“

Und das ist für die Neunjährige schon ein ziemlich großer Schritt. Denn endgültig loswerden wird sie den „Lurs“ wohl nie: „Lurs besiegen kannst du nie, Lurs zu zähmen ist das Ziel“, heißt es in einem kurzen Gedicht, das die Grundschülerin zusammen mit ihrer Therapeutin auswendig gelernt hat.

Birgit Langanke, Verein LEGA-DYS

„Legasthenie wächst sich nicht aus“, bestätigt die Diplom-Pädagogin Birgit Langanke. Die Münsteranerin ist Vorstandsmitglied des Landesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) NRW sowie erste Vorsitzende des Vereins LEGA-DYS Münster. Letzterer macht sich für eine frühzeitige Diagnose und Behandlung der Legasthenie stark und bietet regelmäßig Veranstaltungen für Eltern betroffener Kinder an. „Weltweit leiden 3,5 bis fünf Prozent der Menschen an einer Lese- und Rechtschreibstörung“, sagt Langanke. „In der EU sind es etwa 23 Millionen, in Deutschland gut drei Millionen.“ Die Zahl der in Deutschland betroffenen Grundschulkinder schätzt sie auf annähernd 200 000.

„Legasthenie ist nicht Folge mangelnder Intelligenz oder fehlender Lernbereitschaft“, betont die Pädagogin – ein Umstand, den die Eltern von betroffenen Kindern unbedingt verinnerlichen und ihrem Nachwuchs vermitteln müssten. Schon allein deshalb sei eine frühzeitige Erkennung und Behandlung der Legasthenie unabdingbar. Ursachen der Lese- und Rechtschreibstörung sind nach Ansicht von Medizinern vielmehr erbliche Dispositionen und neurologische Besonderheiten. Mangelnde Intelligenz oder zu geringe Lernbereitschaft schließen die Experten aus.

Die Ausprägungen der Legasthenie können unterdessen sehr unterschiedlich sein: Manche Betroffene lesen sehr langsam, andere vertauschen Buchstaben und Silben oder fügen Buchstaben und Silben hinzu. Wieder andere haben mit all diesen Problemen gleichzeitig zu kämpfen. Schüler fallen meist dadurch auf, dass sie bei Diktaten außergewöhnlich viele Fehler machen.

Wenn sie denn überhaupt auffallen – und das ist bei Weitem nicht immer und oft erst viel zu spät der Fall. Zum Einen ist die Lese- und Rechtschreibstörung (also Legasthenie) nämlich nur schwer von einer vorübergehenden Lese-Rechtschreibschwäche zu unterscheiden: Im Gegensatz zur Lese- und Rechtschreibstörung handelt es sich bei der Lese- und Rechtschreibschwäche um ein durchaus nicht ungewöhnliches Phänomen, das viele Schüler irgendwann einmal betrifft und unter anderem auf seelische Belastungen, die Folgen eines Schulwechsels oder eine Erkrankung zurückzuführen ist. „Rund sieben bis zehn Prozent aller Schüler im Einschulungsalter haben Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens“, heißt es zum Beispiel auf der Internetseite der Staatlichen Schulberatung Bayern. „Es gibt viele Kinder, die nicht wirklich schreiben können“, sagt Birgit Langanke. „Wenn es aber gravierend ist und stark von der sonstigen kognitiven Begabung abweicht, dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Legasthenie handelt.“

Zum anderen sind es häufig die Betroffenen selbst, die durch ihr eigenes Zutun dafür sorgen, dass die Legasthenie erst viel zu spät diagnostiziert wird: „Wenn Kinder besonders intelligent sind, dann gelingt es ihnen manchmal, die Störung durch Fähigkeiten in anderen Bereichen zu kompensieren“, sagt Langanke. „Dann kann es sein, dass das Problem erst im dritten oder vierten Schuljahr bekannt wird.“ Und genau das gilt es zu vermeiden: „Wird die Störung nicht erkannt, tragen die Betroffenen ein hohes Risiko, nicht den Schulabschluss zu erreichen, der ihrer Gesamtbegabung entspricht“, warnt die Pädagogin. „Daher ist es wichtig, die Störung so früh wie möglich zu identifizieren und Förderangebote einzuleiten.“ Beruflich könnten natürlich auch Menschen mit einer Legasthenie sehr erfolgreich sein, sagt sie, „aber zuerst müssen sie erfolgreich ihre Schullaufbahn absolvieren“.

Birgit Langanke, Verein LEGA-DYS Münster

Bei Katharina kam der Verdacht, dass sie Legasthenikerin sein könnte, zum ersten Mal auf, als sie gerade die erste Klasse besuchte: „Damals sagte eine Lehrerin mir, dass ich nicht überreagieren soll“, erinnert sich Katharinas Mutter Christine Deilmann. „Als es in der zweiten Klasse dann immer noch nicht besser wurde, sagte sie, dass ich mit meinem Verdacht vielleicht doch recht gehabt hätte. Katharina konnte zu diesem Zeitpunkt gerade mal drei Buchstaben zusammenziehen, und dann war Feierabend.“

Sie habe zu dieser Zeit „viel Eigenrecherche im Internet“ betrieben, sagt die Mutter – es folgten der Gang zum Kinderarzt, später die Überweisung zum Kinder- und Jugendpsychiater. Seit eineinhalb Jahren geht die lebhafte und aufgeweckte Katharina nun schon zur Therapie – ihre Mutter setzt sich während der Sitzungen gern in ein nahe gelegenes Café. „Ich habe meiner Tochter von Anfang an gesagt, dass sie es jedem erzählen soll“, berichtet sie. „Ich sagte ihr, dass das jeder wissen darf und dass man kein Geheimnis daraus machen soll.“

Katharina folgte dem Rat ihrer Mutter: „Ich finde es nicht schlimm“, sagt sie und setzt sich den grünen Plüsch-Lurs auf die Schulter. Nicht nur Katharinas Mitschüler werden mit einbezogen, auch ihre Lehrer nimmt die Schülerin in die Pflicht. „Wenn ich etwas nicht lesen kann, dann frage ich, ob sie mir das vorlesen können.“

Und das ist keinesfalls zu viel verlangt. Im Gegenteil: Die Kultusministerkonferenz empfahl Lehrern schon im Jahr 2003, Schülern und Schülerinnen mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen besondere Unterstützung angedeihen zu lassen. Von einer möglichen „Ausweitung der Arbeitszeit“ für solche Schüler ist in dem Grundsatzpapier die Rede, von der „Bereitstellung von technischen und didaktischen Hilfsmitteln (zum Beispiel Audiohilfen und Computer) oder von der „Nutzung methodisch-didaktischer Hilfen“ wie Lesepfeilen, größerer Schrift, optisch klar strukturierter Tafelbilder oder spezieller Arbeitsblätter. Auch bei der Bewertung der Leistungen wird Lehrern ausdrücklich empfohlen, flexibel zu reagieren. So kämen unter anderem eine „stärkere Gewichtung mündlicher Leistungen“ oder sogar ein „Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreibleistung nicht nur im Fach Deutsch“ in Betracht.

Und wie sieht die Realität des Schulalltags aus? Katharinas Mutter zuckt mit den Schultern, überlegt einen Augenblick lang. „Manchmal ist es schon ein bisschen ärgerlich“, sagt sie dann. „Zum Beispiel, wenn meine Tochter die gleichen Diktate mitschreiben soll wie die anderen.“

Victoria Schulze Buschhoff, zweite Vorsitzende des Vereins LEGA-DYS Münster und selbst Mutter eines 16-jährigen Legasthenikers, kann diese Erfahrung bestätigen: „Im Schulalltag geht so etwas manchmal unter“, sagt sie. „Trotzdem sollte man die Lehrer einfach immer wieder darum bitten.“

Katharina freut sich inzwischen über die ersten Erfolge ihrer Therapie: „Vor einiger Zeit hatte ich sogar ’ne Zwei in Rechtschreiben“, sagt sie stolz. „Der Lurs sitzt halt immer auf meiner Schulter. Aber er ärgert sich, wenn ich so eine tolle Note kriege!“

Mögliche Symptome einer Lesestörung sind unter anderem:

- Auslassen, Ersetzen, Verdrehen oder Hinzufügen von Worten oder Wortteilen

- niedrige Lesegeschwindigkeit

- Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text

- ungenaues Phrasieren

- Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern

- außerdem Defizite im Leseverständnis (z.B. die Beeinträchtigung, Gelesenes wiederzugeben und aus dem Gelesenen Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu sehen).

Die Rechtschreibfehler sind (ebenso wie die Lesefehler) vom schulischen Entwicklungsstand des Kindes abhängig! 

Mögliche Symptome einer Rechtschreibstörung:

- Verdrehen von Buchstaben im Wort (z.B. b-d oder p-q)

- Reihenfolgefehler (Umstellungen von Buchstaben im Wort)

- Auslassen von Buchstaben oder Wortteilen, Einfügen von falschen Buchstaben oder Wortteilen

- Fehlerkonstanz: Dasselbe Wort wird auch nach unter Umständen mehrjähriger Übung fehlerhaft geschrieben.

(Quelle: Leitlinen der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie)

Tipps für Eltern

- Sollten Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind Legastheniker ist, sollten sie möglichst früh reagieren und nicht erst lange warten. Auch sollten sie nicht in Panik geraten und Ruhe bewahren.

- Dem Kind vermitteln, dass die Störung etwas Normales ist und keine Krankheit. Eine Legasthenie ist nicht auf mangelnde Intelligenz zurückzuführen und nicht Ergebnis zu geringeren Lerneifers!

- Das Kind auf anderen Gebieten fördern und bestärken.

- Das Gespräch mit dem Lehrer/den Lehrern suchen.

- Den Kinderarzt konsultieren! Im weiteren Verlaufe muss von fachlicher Seite ausgeschlossen werden, dass die Störung andere Ursachen hat: Sind Augen und Ohren in Ordnung? Liegen eventuell psychische Ursachen vor (zum Beispiel eine Depression)? Gibt es neurologische Erkrankungen? War der Schulunterricht überhaupt ausreichend?

- Wie eine Therapie oder Förderung aussieht, hängt von Art und Ausprägung der diagnostizierten Störung ab. Die Behandlung erfolgt durch qualifizierte Lehrer, Sonderpädagogen, Psychologen oder Pädagogen in Erziehungsberatungsstellen, freien Praxen oder anderen Einrichtungen. Die Behandlung sollte so früh wie möglich begonnen werden und möglichst in Einzeltherapie erfolgen. Im Mittelpunkt stehen Lese- und Rechtschreibtraining – doch auch der Abbau von mit der Störung verbundenen Ängsten (Schulangst etc.) kann dazugehören (Quelle: Dt. Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie).

- Weitere Infos auch unter www.bvl-legasthenie.de oder www.muenster.org/lega-dys-muenster.

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